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KINO | 12.08.2026

SALZ UND WASSER
Mit der legendären Polarstern in die Antarktis

„Salz und Wasser – Mit der legendären Polarstern in die Antarktis“ verbindet wissenschaftliche Präzision mit einer eindrucksvollen Poetik des Extremen und macht aus einer Forschungsexpedition ein Kinoerlebnis von ungewöhnlicher Unmittelbarkeit. Ines Reinisch beobachtet Wissenschaft nicht als abstrakte Institution, sondern als körperliche, soziale und zutiefst menschliche Praxis unter Bedingungen, die jede Selbstverständlichkeit außer Kraft setzen. Zwischen Packeis, Meeresströmungen und Laborarbeit entsteht ein Film über Erkenntnis, Verantwortung und die prekäre Balance eines Planeten im klimatischen Wandel.

von Richard-Heinrich Tarenz


© ThurnFilm GmbH Fotografin Ines Reinisch

Dokumentarfilme über Natur und Klimawandel stehen vor einem eigentümlichen ästhetischen Dilemma: Einerseits müssen sie wissenschaftliche Zusammenhänge so vermitteln, dass ein nicht spezialisiertes Publikum ihnen folgen kann, andererseits dürfen sie ihre Gegenstände nicht derart vereinfachen, dass aus komplexen Forschungsprozessen bloße didaktische Illustrationen werden. Ines Reinischs „Salz und Wasser – Mit der legendären Polarstern in die Antarktis“ findet für dieses Problem eine bemerkenswert überzeugende Lösung, indem der Film nicht primär versucht, die Wissenschaft von außen zu erklären, sondern den Zuschauer unmittelbar in deren praktische Bedingungen hineinführt. Der Dokumentarfilm begleitet die Expedition PS140 des Forschungseisbrechers „Polarstern“ in die Ostantarktis, bei der unter wissenschaftlicher Leitung des GEOMAR und im Rahmen einer vom Alfred-Wegener-Institut ausgerichteten Forschungsfahrt unter anderem die Dynamik des Antarktischen Zirkumpolarstroms untersucht wurde. Der Kinostart ist für den 20. August 2026 angesetzt; der 106 Minuten lange Film wurde bereits auf dem Filmfest Bremen als Europapremiere präsentiert. Damit besitzt „Salz und Wasser“ von Beginn an eine doppelte Struktur: Er ist wissenschaftlicher Expeditionsfilm und zugleich Beobachtung einer sozialen Gemeinschaft, deren Alltag vollständig von den Erfordernissen der Forschung, der Navigation und den extremen Umweltbedingungen bestimmt wird. Gerade diese Verbindung macht seine filmische Qualität aus.

Die „Polarstern“ als Protagonistin

Bemerkenswert ist zunächst, wie konsequent Reinisch das Forschungsschiff nicht lediglich als Transportmittel, sondern als eigenständigen filmischen Organismus etabliert. Die „Polarstern“ ist ein hochspezialisierter Raum, in dem Wissenschaft, Technik und menschliche Arbeit ineinandergreifen; sie fungiert zugleich als Labor, Lebensraum, logistisches Zentrum und Schutzkörper gegen eine Umwelt, deren Dimensionen die menschliche Vorstellungskraft regelmäßig übersteigen. Diese räumliche Konstellation besitzt eine genuin filmische Qualität. Das Schiff strukturiert den Blick: Innenräume von konzentrierter Funktionalität stehen Außen-aufnahmen gegenüber, in denen sich die Ostantarktis als nahezu maßstabsloses Terrain entfaltet. Die Enge der Kabinen und Arbeitsbereiche kontrastiert mit der scheinbar grenzenlosen Weite von Eis und Meer. Aus dieser Opposition entsteht ein visuelles Grundmotiv des Films: Der Mensch verfügt über hochentwickelte wissenschaftliche Instrumente, bleibt gegenüber der Natur jedoch körperlich und räumlich ein außerordentlich kleines Wesen. Gerade dadurch vermeidet Reinisch die Falle des klassischen Expeditionsfilms, in dem der Forscher häufig als heroischer Eroberer einer unberührten Welt erscheint. Die „Polarstern“ dringt zwar in extreme Regionen vor, doch der Film vermittelt nicht den Eindruck einer triumphalen Beherrschung der Natur. Im Gegenteil: Je genauer die Wissenschaftler ihre Umwelt untersuchen, desto deutlicher wird deren Komplexität.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Der eigentliche Gegenstand der Expedition ist filmisch zunächst paradox: Der Antarktische Zirkumpolarstrom ist unsichtbar. Strömungen, Temperaturverhältnisse und Wassermassen besitzen keine spektakuläre äußere Erscheinungsform, obwohl ihre Dynamik für das globale Klimasystem von erheblicher Bedeutung ist. Reinisch steht damit vor einer klassischen Herausforderung des Wissenschaftsfilms: Wie lässt sich etwas visualisieren, das sich der unmittelbaren Wahrnehmung entzieht? Die Antwort liegt nicht allein in erklärenden Informationen, sondern in der Beobachtung wissenschaftlicher Praxis. Wasser- und Meeresbodenproben werden entnommen, Messungen durchgeführt, Geräte eingesetzt und Ergebnisse ausgewertet. Wissenschaft erscheint dadurch nicht als fertige Wahrheit, sondern als Prozess der schrittweisen Annäherung an eine Wirklichkeit, deren Zusammenhänge erst durch methodische Arbeit erschlossen werden können. Diese Perspektive ist wissenschaftstheoretisch besonders interessant, weil sie die Kontingenz von Erkenntnis sichtbar macht. Daten fallen nicht einfach vom Himmel; sie müssen unter widrigen Bedingungen gewonnen, überprüft, kontextualisiert und interpretiert werden. „Salz und Wasser“ macht damit eine Dimension von Wissenschaft erfahrbar, die in öffentlichen Debatten häufig verloren geht: Erkenntnis ist Arbeit.

Der Klimawandel als Gegenwart und Möglichkeit

Die wissenschaftliche Fragestellung des Films besitzt eine enorme globale Tragweite. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich der Antarktische Zirkumpolarstrom unter den Bedingungen der globalen Erwärmung verändert und welche Folgen eine mögliche Verlagerung für die Ostantarktis haben könnte. Der Film setzt dabei nicht auf eine apokalyptische Dramaturgie, sondern entwickelt seine Spannung aus wissenschaftlicher Ungewissheit. Gerade diese Zurückhaltung ist eine seiner größten Stärken. Klimaforschung erscheint nicht als Produktion spektakulärer Katastrophenbilder, sondern als Versuch, Entwicklungen zu verstehen, deren Konsequenzen erst in komplexen Wechselwirkungen sichtbar werden. Die im Film thematisierte mögliche Destabilisierung des ostantarktischen Eisschildes verweist dabei auf eine planetarische Dimension, die den eigentlichen Maßstab menschlichen Handelns überschreitet. Die Antarktis wird somit nicht bloß als exotischer Schauplatz inszeniert, sondern als Bestandteil eines globalen Systems, dessen Veränderungen weit entfernte Gesellschaften betreffen können.


© ThurnFilm GmbH Fotografin Ines Reinisch

Das wissenschaftliche Personal als menschliches Ensemble

Besonders überzeugend ist Reinischs Entscheidung, die Wissenschaftler nicht als austauschbare Expertenfiguren zu behandeln. Ihre Arbeit wird vielmehr in einen Alltag eingebettet, der von Schichtbetrieb, körperlicher Anstrengung, Konzentration, Geduld und logistischer Präzision geprägt ist. Damit vollzieht der Film eine wichtige Verschiebung des wissenschaftlichen Dokumentarfilms: Nicht allein das Forschungsergebnis interessiert, sondern die Menschen, die dessen Zustandekommen ermöglichen. Der Zuschauer erkennt, dass jede Probe, jede Messung und jede Datenspur auf einer komplexen Infrastruktur beruht. Von besonderer Bedeutung ist deshalb die Gleichrangigkeit von Wissenschaft und Schiffsbesatzung. Die Expedition wäre ohne die nautische und technische Expertise der Crew nicht durchführbar; umgekehrt benötigt die Besatzung die wissenschaftlichen Zielsetzungen, um ihre Arbeit in den Kontext des Gesamtprojekts einzuordnen. Der Film entwickelt daraus ein implizites Gegenmodell zum Genieideal: Erkenntnis entsteht kollektiv.

Die soziale Choreografie der Expedition

Gerade in dieser Darstellung kollektiver Arbeit liegt eine der subtilsten filmischen Qualitäten von „Salz und Wasser“. Eine Forschungsexpedition lässt sich als soziale Choreografie begreifen, in der zahlreiche spezialisierte Tätigkeiten ineinandergreifen. Menschen arbeiten zu unterschiedlichen Zeiten, bedienen Maschinen, analysieren Proben, navigieren durch das Eis und müssen gleichzeitig unter Bedingungen zusammenleben, die kaum Möglichkeiten für privaten Rückzug bieten. Der Film macht aus dieser Situation kein künstliches Sozialexperiment, sondern beobachtet die Expedition mit einer angenehm zurückhaltenden Aufmerksamkeit. Dadurch entsteht ein Porträt wissenschaftlicher Arbeit, das weder heroisiert noch trivialisierend psychologisiert. Diese Perspektive besitzt auch eine kulturwissenschaftliche Relevanz: Die Expedition erscheint als Mikrokosmos moderner Wissensgesellschaften, in denen hochkomplexe Erkenntnisleistungen nur durch Kooperation unterschiedlicher Kompetenzen möglich werden. Der einzelne Wissenschaftler ist wichtig, aber niemals autonom; das Wissen ist infrastrukturell, institutionell und kollektiv organisiert.

Die Antarktis zwischen Erhabenheit und Verletzlichkeit

Visuell besitzt der Film eine weitere, unmittelbar sinnliche Qualität. Die Antarktis wird nicht nur als Forschungsobjekt, sondern als ästhetisch überwältigender Naturraum erfahrbar. Dass die Kameraarbeit beim Blue Water Film Festival in San Diego mit einem Preis für „Best Cinematography“ ausgezeichnet wurde, unterstreicht diese Dimension. Die Landschaftsbilder besitzen dabei eine eigentümliche Ambivalenz: Das Eis erscheint monumental, fast zeitlos, und zugleich wird immer deutlicher, dass diese scheinbare Ewigkeit prekär ist. Genau aus diesem Widerspruch gewinnt der Film seine stärkste Bildidee. Die Antarktis ist nicht bloß schön; ihre Schönheit wird durch ihre Verletzlichkeit intensiviert. Hier berührt „Salz und Wasser“ die philosophische Kategorie des Erhabenen. Die gewaltige Natur überschreitet menschliche Maßstäbe und erzeugt Bewunderung ebenso wie Beklemmung. Doch während die klassische Ästhetik des Erhabenen die Natur häufig als übermächtige Instanz gegenüber dem Menschen konzipierte, führt Reinisch diese Tradition in die Gegenwart des Anthropozäns: Der Mensch ist der Natur nicht mehr lediglich ausgeliefert, sondern zugleich zu einem ihrer entscheidenden Veränderungsfaktoren geworden.

Zwischen Wissenschaftskommunikation und Kino

Dass „Salz und Wasser“ beim Cinemare Meeresfilmfestival in Kiel in der Kategorie „Science Communication“ ausgezeichnet wurde, ist insofern folgerichtig. Der Film besitzt eine klare kommunikative Funktion, ohne sich in didaktischer Vereinfachung zu erschöpfen. Gerade diese Balance macht ihn für ein breites Kinopublikum interessant. Wissenschafts-kommunikation funktioniert hier nicht primär über eine Überfülle an Fakten, sondern über Erfahrung: Der Zuschauer sieht, wie Daten entstehen, erlebt die Schwierigkeiten der Arbeit und bekommt dadurch ein anderes Verhältnis zu den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung. Diese Methode besitzt auch eine medienpädagogische Qualität. Wer „Salz und Wasser“ sieht, versteht nicht nur mehr über die Antarktis, sondern entwickelt idealerweise ein differenzierteres Verständnis davon, wie wissenschaftliche Erkenntnis überhaupt produziert wird.


Zur Köln-Premiere von „Salz und Wasser - Mit der legendären Polarstern in die Antarktis“ am Sonntag, den 16. August um 19:30 Uhr im Odeon Kino in Köln, verlosen wir 2 Gästelistenplätze.

Teilnahme ab 18 Jahre. Einsendeschluss ist der 12.08.2026. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Zur Teilnahme am Gewinnspiel bitte eine E-Mail an wildgewinnspiel@gmail.com senden. Darin bitte folgende Punkte aufführen: Vorname, Nachname, E-Mail, Anschrift (Straße, Hausnummer, Postleitzahl, Stadt), Betreff: WASSER

Mit der Teilnahme an diesem Gewinnspiel bestätigt der Teilnehmer / die Teilnehmerin, dass er/sie die AGB gelesen und akzeptiert hat. Die AGB sind zu finden unter http://wildmagazin.de


SALZ UND WASSER
Mit der legendären Polarstern in die Antarktis

Start: 20.08.26 | FSK 0
R: Ines Reinisch | Dokumentation
Deutschland 2025 | Farbfilm


 

 

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