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KINO | 30.09.2026

PANS LABYRINTH
Das Märchen gegen die Macht

Guillermo del Toros „Pans Labyrinth“ verwandelt die Geschichte des Faschismus in ein Märchen von verstörender Schönheit. Das Fantastische dient dabei nicht der Flucht aus der Wirklichkeit, sondern ihrer schonungslosen Erkenntnis. Zwischen kindlicher Imagination, politischer Gewalt und mythischer Bildordnung entsteht ein Kino der moralischen Ambivalenz. Die Wiederaufführung am 06. Oktober in der „BEST OF CINEMA – Reihe“ lädt dazu ein, diesen Klassiker neu zu vermessen.

von Franziska Keil


© 2006 / ESPERANTO FILMOJ - ESTUDIOS PICASSO FABRICA DE FICCION - TEQUILA GANG S.A

Das Märchen als Gegenarchiv der Geschichte

Mit „Pans Labyrinth“ hat Guillermo del Toro 2006 einen Film geschaffen, der die Grenzen zwischen historischem Drama, Horrorfilm und Märchenerzählung nicht bloß überschreitet, sondern produktiv auflöst. Angesiedelt im Spanien des Jahres 1944, wenige Jahre nach dem Sieg Francos im Bürgerkrieg, verbindet der Film die konkrete Gewalt einer autoritären Ordnung mit einer fantastischen Gegenwelt, deren Geschöpfe ebenso rätselhaft wie bedrohlich erscheinen. Im Zentrum steht die junge Ofelia, die mit ihrer schwangeren Mutter in ein abgelegenes Anwesen reist, wo ihr Stiefvater, der franquistische Hauptmann Vidal, eine Einheit zur Bekämpfung republikanischer Widerstandskämpfer kommandiert. Während Vidal die Welt nach dem Prinzip von Disziplin, Hierarchie und Gehorsam organisiert, entdeckt Ofelia ein verborgenes Labyrinth und begegnet dort einem Faun, der ihr eröffnet, sie sei die wiedergeborene Prinzessin eines unterirdischen Reiches. Die drei Prüfungen, die ihr auferlegt werden, bilden fortan eine zweite Dramaturgie, die sich mit der politischen Realität verschränkt, ohne von ihr eindeutig getrennt werden zu können.

Zwei Wirklichkeiten, eine moralische Topografie

Die zentrale Leistung des Films liegt in der Inszenierung zweier Wirklichkeitsebenen, die weder als bloße Realität und bloße Einbildung auseinanderfallen noch zu einer harmonischen Synthese gelangen. Del Toro organisiert das Verhältnis von Geschichte und Fantastik vielmehr als epistemologisches Spannungsfeld: Was Ofelia erlebt, bleibt in seinem ontologischen Status bewusst uneindeutig, besitzt aber unabhängig davon eine konkrete ethische Wirksamkeit. Die fantastische Welt ist keine folgenlose Kompensation für die Schrecken der Gegenwart. Sie stellt vielmehr jene Fragen, die die politische Ordnung unterdrückt: Was bedeutet Gehorsam? Wann wird Ungehorsam zur moralischen Pflicht? Kann ein Mensch seine Identität gegen eine gewaltsam verordnete Herkunft behaupten? Der Film antwortet nicht mit einem naiven Lob der Fantasie, sondern mit einer Poetik der Entscheidung. Ofelias Gegenwelt gewinnt ihre Bedeutung gerade dadurch, dass sie die Mechanismen der realen Macht sichtbar macht. Während Vidal jede Handlung in ein System aus Befehlen, Protokollen und genealogischer Selbstinszenierung überführt, eröffnet das Labyrinth eine alternative Ordnung, in der Prüfungen nicht die Unterwerfung unter eine Institution, sondern die Herausbildung eines eigenen Urteils verlangen.

Die Architektur der Macht

Diese politische Dialektik schreibt sich tief in die mise-en-scène ein. Das Anwesen, in dem Vidal residiert, erscheint als architektonische Verlängerung seines autoritären Körpers: ein Raum der geraden Linien, der verschlossenen Türen, der militärischen Abläufe und der kontrollierten Blickachsen. Die Wassermühle, die Vidal als Hauptquartier dient, verbindet industrielle Zweckmäßigkeit mit einer eigentümlichen Todesstarre. Hier wird Geschichte verwaltet, vermessen und diszipliniert. Demgegenüber stehen die organischen Formen des Waldes, die verschlungenen Wege des Labyrinths und die unterirdischen Räume, deren Materialität von Stein, Wurzeln, Erde und feuchtem Mauerwerk geprägt ist. Del Toro konstruiert damit keine simple Opposition zwischen Zivilisation und Natur, sondern eine konkurrierende Raumsemantik: Auf der einen Seite die geometrische Rationalität der Herrschaft, auf der anderen eine ältere, ambivalente und nicht vollständig kontrollierbare Ordnung. Das Labyrinth ist dabei kein bloßes Versteck, sondern ein Übergangsraum, in dem sich Identität erst durch Bewegung, Irrtum und Entscheidung konstituiert. Seine verschlungene Form widerspricht der linearen Geschichtsauffassung des Faschismus, die Herkunft, Nation und Zukunft in eine scheinbar zwingende Abfolge bringen möchte.

Der Körper als Schauplatz der Ideologie

Del Toros Kreaturendesign gehört zu den nachhaltigsten Errungenschaften des Films. Der Faun, der keineswegs einfach als freundlicher Helfer auftritt, verkörpert eine Schwellenexistenz zwischen Mensch, Tier, Gottheit und Naturmacht. Seine deformierte Physiognomie, seine rissige Haut und seine schwer lesbare Mimik verweigern jede eindeutige anthropomorphe Identifikation. Er ist weder Erlöser noch verlässlicher moralischer Kompass, sondern eine Figur der Prüfung, deren Anweisungen Ofelia nicht blind folgen darf. Noch radikaler verfährt der Film mit dem Pale Man, jener bleichen, schlaffen Gestalt, deren Augen sich nicht im Gesicht, sondern in den Handflächen befinden. Der Körper wird hier zum grotesken Diagramm einer Macht, die sehen, richten und verschlingen will, ohne selbst ein menschliches Antlitz zu besitzen. Die Bankettszene, in der Ofelia trotz des Verbots von den Trauben isst und dadurch das Ungeheuer erweckt, gehört zu den prägnantesten Sequenzen des modernen fantastischen Kinos. Sie verbindet religiöse Ikonografie, politische Allegorie und körperlichen Horror: Der gedeckte Tisch erinnert an ein sakrales Festmahl, während die reglose Kreatur eine Ordnung repräsentiert, deren Reichtum auf dem Entzug und der Vernichtung anderer beruht. Das Monströse erscheint hier nicht als Gegenwelt zur Zivilisation, sondern als deren entlarvte Wahrheit.


© 2006 / ESPERANTO FILMOJ - ESTUDIOS PICASSO FABRICA DE FICCION - TEQUILA GANG S.A

Weibliche Gegenmacht und alltäglicher Widerstand

Die politische Bedeutung des Films erschöpft sich jedoch nicht in der Gegenüberstellung von Ofelia und Vidal. Eine entscheidende Gegenbewegung wird durch Mercedes verkörpert, die im Haushalt des Hauptmanns arbeitet und zugleich heimlich den republikanischen Widerstand unterstützt. Ihre Handlungsmacht entsteht nicht aus spektakulärer Überlegenheit, sondern aus genauer Beobachtung, taktischer Verschwiegenheit und der Fähigkeit, sich innerhalb einer repressiven Ordnung unsichtbar zu bewegen. Mercedes’ Widerstand ist körperlich, praktisch und kollektiv; er beruht nicht auf heroischer Selbstdarstellung, sondern auf Fürsorge, Risiko und Solidarität. Dadurch erweitert der Film sein politisches Panorama um eine feministische Perspektive. Die Frauenfiguren sind nicht lediglich Opfer der männlichen Gewaltordnung, sondern entwickeln Formen des Handelnden, die sich deren Logik entziehen. Ofelias Verweigerung, Vidal nicht als Vater anzuerkennen, und Mercedes’ entschlossene Unterstützung der Guerilla bilden zwei Varianten desselben ethischen Prinzips: Herkunft und Autorität besitzen keine Legitimität, wenn sie auf Gewalt beruhen.

Das Kind als Ort der historischen Imagination

Ofelia ist dabei keine makellose Märchenheldin. Sie lügt, widersetzt sich, missversteht Regeln und handelt aus Neugier, Angst oder Trotz. Gerade diese Unvollkommenheit bewahrt die Figur davor, zum bloßen Symbol zu erstarren. Ihre kindliche Perspektive ermöglicht eine Wahrnehmung, die die Erwachsenenwelt nicht mehr besitzt: Sie erkennt die Künstlichkeit der Rituale, die Absurdität der Befehle und die zerstörerische Leere hinter Vidals patriarchaler Selbstinszenierung. Der Film romantisiert die Kindheit jedoch nicht. Ofelias Imagination ist von Gewalt durchzogen, und ihre Prüfungen führen sie nicht in eine unschuldige Welt, sondern in ein Reich von Blut, Opfer und Verlust. Das Kindliche wird damit zu einer Erkenntnisform, nicht zu einem Schutzraum. In Ofelias Blick verschieben sich die Maßstäbe: Nicht derjenige, der Macht besitzt, erweist sich als erwachsen, sondern derjenige, der Verantwortung für seine Entscheidungen übernimmt.

Ein Schlüsselwerk der Filmgeschichte

Die filmhistorische Bedeutung von „Pans Labyrinth“ liegt in seiner exemplarischen Verbindung von politischem Kino und Genreimagination. Der Film beweist, dass Fantasy nicht notwendig eskapistisch, Horror nicht notwendig irrational und Märchen nicht notwendig unpolitisch sein müssen. Er führt Traditionen zusammen, die im klassischen Kino häufig getrennt behandelt wurden: den historischen Faschismusfilm, den psychologischen Kinderfilm, die groteske Körperfantastik, das Gothic Cinema und die allegorische Märchenerzählung. Dabei steht del Toro in einer Linie mit Filmen, die historische Traumata durch das Übernatürliche artikulieren, entwickelt diese Strategie jedoch zu einer eigenständigen visuellen und ethischen Grammatik weiter. Die politische Realität wird nicht nachträglich mit fantastischen Symbolen dekoriert; sie ist von Anfang an durch Bilder des Unheimlichen strukturiert. Gerade deshalb besitzt der Film eine nachhaltige Wirkung auf das zeitgenössische Kino. Er zeigt, dass fantastische Formen nicht von der Wirklichkeit wegführen müssen, sondern deren verdrängte Schichten freilegen können. Die Wiederaufführung am 06. Oktober im Rahmen der „BEST OF CINEMA – Reihe“ bietet somit mehr als die nostalgische Rückkehr eines vielfach ausgezeichneten Klassikers auf die Leinwand. Sie eröffnet die Gelegenheit, einen Film erneut zu sehen, dessen Bildsprache, politische Präzision und moralische Offenheit bis heute nichts von ihrer verstörenden Kraft eingebüßt haben. „Pans Labyrinth“ bleibt ein Werk über die Gewalt der Geschichte – und über die beharrliche Möglichkeit, ihr durch Imagination, Solidarität und die Weigerung zum Gehorsam eine andere Zukunft entgegenzusetzen.


PANS LABYRINTH

Wiederaufführung: 06.10.26 | FSK 16
R: Guillermo del Toro | D: Ivana Baquero, Sergi López, Doug Jones
Spanien, Mexiko 2006 | STUDIOCANAL


 


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