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KINO | 16.10.2026

Street Fighter
Nostalgie im Dauerangriff

Mit „Street Fighter“ kehrt eine der bekanntesten Videospielmarken auf die Kinoleinwand zurück – als grell überzeichnetes Action-Spektakel, das seine Herkunft zugleich feiert und unfreiwillig bloßlegt. Zwischen ikonischen Kampfbewegungen, Neunzigerjahre-Pop und einem überladenen Turnierplot verliert sich der Film in einer Dramaturgie, die ihre Figuren kaum zu einer schlüssigen Erzählung verbindet. Einzelne Darsteller, choreografische Einfälle und komische Momente lassen das Potenzial einer eigenständigen Videospielästhetik erkennen, werden jedoch von der Reizüberflutung der Inszenierung erstickt.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2026 PARAMOUNT PICTURES, CAPCOM AND LEGENDARY. ALL RIGHTS RESERVED.

Nostalgie als Geschäftsmodell

Der Film setzt gezielt auf die kulturelle Erinnerung an die frühen Neunzigerjahre. Grobkörnige Musikvideos, auffällige Frisuren, Modezitate und bekannte Popsongs verwandeln das damalige Popmilieu in eine visuelle und akustische Kulisse. Ken, gespielt von Noah Centineo, erscheint als selbstzerstörerischer Prominententyp, dessen äußere Lässigkeit eine gekränkte Eitelkeit kaschiert. Die musikalischen Einlagen und die demonstrativ retrohafte Bildgestaltung sollen weniger eine historische Epoche erschließen, als vielmehr ein vertrautes Lebensgefühl reaktivieren. Nostalgie wird so zur zentralen Währung des Films: Sie verspricht dem Publikum die Wiederbegegnung mit einer medialen Kindheit, in der Videospielhelden, Popstars und überzeichnete Körperbilder ein gemeinsames Fantasierepertoire bildeten. Diese Strategie kann durchaus Vergnügen erzeugen, bleibt aber ästhetisch rückwärtsgewandt. Die Vergangenheit wird nicht befragt, sondern als leicht konsumierbare Oberfläche konserviert. Selbst die ironischen Anspielungen auf die damalige Popkultur verändern daran wenig. Sie signalisieren zwar ein Bewusstsein für die Albernheiten jener Ära, gewinnen daraus jedoch kaum eine eigenständige Perspektive. Der Film verspottet die Klischees, deren Attraktivität er gleichzeitig ausbeutet, und bleibt damit in einem Widerspruch gefangen: Er möchte sich über seine eigene Überzeichnung erheben, ohne auf deren kommerziellen Reiz verzichten zu müssen.

Figurenfülle statt Dramaturgie

Die erzählerische Unordnung entsteht vor allem aus der Vielzahl der Figuren, deren Vorgeschichten und Motive aus unterschiedlichen Spielversionen und animierten Ablegern zusammengetragen werden. Ken und Ryu, dessen Darstellung Andrew Koji übernimmt, sollen nach einer längeren Entfremdung wieder zusammenfinden, um an einem Weltturnier teilzunehmen, hinter dem der finstere M. Bison seine eigenen Absichten verfolgt. Doch die vergleichsweise einfache Ausgangslage wird durch unverbundene Nebenhandlungen, abrupte Einführungen und überladene Figurenkonstellationen unnötig kompliziert. Das Ergebnis ist ein Film, der seine narrative Orientierung zugunsten des nächsten Wieder-erkennungsmoments preisgibt. Gerade weil das Turnier eine klare dramaturgische Ordnung anbieten könnte – Begegnung, Vorbereitung, Konfrontation, Entscheidung –, fällt die mangelnde Struktur umso stärker auf. Die Kämpfe stehen nicht in einer überzeugenden Entwicklung zueinander, sondern wirken wie isolierte Nummern eines Programms. Dadurch verlieren auch die Figuren an Gewicht: Ihre Beziehungen müssen nicht wachsen, sondern lediglich genügend Anlass für den nächsten Konflikt liefern. Die Überfülle ist deshalb nicht einfach ein Problem der Laufzeit oder des Tempos. Sie verweist auf ein grundsätzliches Missverständnis der Adaption: Die Vollständigkeit des Fanservice wird wichtiger genommen als die Auswahl und Anordnung des filmisch Wesentlichen.

Kampfchoreografie zwischen Komik und Körpergewalt

Wenn „Street Fighter“ seine Figuren nicht durch Handlung, sondern durch Bewegung charakterisiert, blitzt mitunter ein präziseres Verständnis des Mediums auf. Besonders gelungen ist eine frühe Szene, in der Ken und Ryu nach Jahren der Entfremdung in einem Hotelzimmer aufeinandertreffen. Kens aggressive Angriffe gehen ins Leere, während Ryu mit ruhiger Eleganz ausweicht und alltägliche Gegenstände zur komischen Verteidigung nutzt. Ein Kissen wird zum Schutzschild, ein Sofa zum Ausgangspunkt einer Slapstickeinlage. Die Szene funktioniert, weil sie die übersteigerte Kampfästhetik der Spiele in eine konkrete räumliche Situation übersetzt. Aus den Bewegungen werden Charaktereigenschaften: Kens Ungeduld und Selbstüberschätzung treffen auf Ryus kontrollierte Gelassenheit. Hier entsteht tatsächlich eine filmische Idee, die über die bloße Reproduktion bekannter Kampfmanöver hinausgeht. Auch ein späterer Boxkampf zwischen Ken und Balrog, gespielt von Rapper 50 Cent, zeigt Ansätze einer eigenständigen Form. Rasche Schnitte und verlangsamte Einschläge lassen die Gewalt körperlich erfahrbar werden; Blut und Speichel erscheinen für kurze Augenblicke als materielle Spuren der Konfrontation. Die Bildsprache erinnert an die kompromisslose Körperlichkeit von „Wie ein wilder Stier“, ohne deren psychologische Dichte zu erreichen. Solche Sequenzen belegen, dass die Vorlage durchaus Möglichkeiten für eine differenzierte Actioninszenierung bietet. Der Film schöpft sie jedoch nicht konsequent aus, sondern lässt einzelne gelungene Einfälle in einem insgesamt unruhigen Gefüge verschwinden.

Männlichkeitsbilder und ironische Selbstentlastung

Auch die männlichen Figuren bewegen sich zwischen körperlicher Übersteigerung, verletztem Stolz und demonstrativer Selbstbehauptung. Ken verkörpert den narzisstisch gekränkten Star, dessen Selbstbild von öffentlicher Anerkennung abhängt; Guile wird durch Cody Rhodes mit einer bewusst karikaturhaften Mischung aus militärischer Strenge und unbeholfener Komik ausgestattet. Vidyut Jammwal verleiht Dhalsim mit seiner Erfahrung in der Kampfkunst Kalaripayattu eine bemerkenswerte körperliche Authentizität, bleibt jedoch zu kurz im Bild, um die Figur wirklich zu entwickeln. Auch Kens Manager, gespielt von Andrew Schulz, gewinnt aus der Verbindung von geschäftlicher Ausbeutung und emotionaler Beschwichtigung einen gewissen satirischen Reiz. Er profitiert von Kens körperlicher Attraktivität und versucht zugleich, dessen verletztes Ego zu stabilisieren.


© 2026 PARAMOUNT PICTURES, CAPCOM AND LEGENDARY. ALL RIGHTS RESERVED.

Darin liegt ein Ansatzpunkt für eine Kritik an einer Kultur, in der Männlichkeit über Stärke, Status und öffentliche Bewunderung definiert wird. Doch der Film bleibt bei solchen Beobachtungen meist an der Oberfläche. Seine ironischen Kommentare auf Machismo, Pathos und männliche Selbstüberschätzung führen selten zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den sozialen Rollenbildern, die sie hervorbringen. Die Selbstironie dient vielmehr als Schutzschild: Indem „Street Fighter“ seine eigenen Klischees offen ausstellt, scheint er sich gegen den Vorwurf ihrer unkritischen Reproduktion abzusichern. Doch das Wissen um ein Klischee ist noch keine Überwindung desselben. Wo die Inszenierung die eigenen Übertreibungen lediglich kommentiert, statt sie formal oder inhaltlich zu transformieren, wird Ironie zur bequemen Form der Selbstentlastung.

Ein Film, der seine eigene Kritik nicht ernst nimmt

Die größte Schwäche von „Street Fighter“ besteht darin, dass er seine Absurditäten zwar erkennt, aus ihnen aber keine überzeugende ästhetische Konsequenz zieht. Die Anspielungen auf die eigene Künstlichkeit, die überzeichneten Figuren und das demonstrative Spiel mit den Konventionen des Actionkinos könnten eine selbstreflexive Form begründen. Stattdessen bleibt die Ironie häufig auf das Eingeständnis beschränkt, dass das alles ein wenig lächerlich sei. Der Film macht sich über die eigene Welt lustig und hält zugleich an genau jener Welt fest. Diese Haltung ist besonders problematisch, weil Videospieladaptionen längst gezeigt haben, dass sie mehr sein können als nostalgische Abfolgen vertrauter Motive. Eine überzeugende Übertragung müsste die Regeln des Spiels nicht einfach reproduzieren, sondern in filmische Formen übersetzen: in räumliche Dramaturgie, charakterbezogene Bewegung, präzise Montage und eine nachvollziehbare Entwicklung der Konflikte. „Street Fighter“ findet solche Lösungen punktuell, etwa in der komischen Hotelzimmerkonfrontation oder in den körperlich eindringlichen Boxszenen. Als Ganzes bleibt er jedoch einem Reizsystem verpflichtet, das Bekanntes möglichst schnell und möglichst oft liefert. Die Ironie über die eigene Künstlichkeit wird damit zum Alibi für die mangelnde Gestaltung.

Nostalgie ersetzt keine Filmform

„Street Fighter“ besitzt einzelne Darstellerleistungen, unterhaltsame Kampfszenen und ein Gespür für den komischen Überschuss seiner Vorlage. Doch diese Vorzüge werden von einer überfrachteten Erzählung, einer inkonsequenten Inszenierung und einer rückwärtsgewandten Verwertung popkultureller Erinnerungen überlagert. Besonders enttäuschend ist, dass der Film die Möglichkeiten seiner Figuren und seiner körperlichen Bildsprache nicht zu einer eigenständigen filmischen Form bündelt. Chun-Lis Präsenz, Ryus kontrollierte Bewegungen und die punktuell präzise Choreografie zeigen, dass mehr möglich gewesen wäre als eine Aneinanderreihung vertrauter Gesten. Gesellschaftskritisch bleibt der Film dort interessant, wo er männliche Selbstinszenierung, kommerzialisierte Körperbilder und die Vermarktung nostalgischer Sehnsüchte sichtbar macht. Doch diese Ansätze werden kaum vertieft. Am Ende reproduziert „Street Fighter“ jene Oberflächen, die er ironisch zu betrachten vorgibt. Seine größte Schwäche ist deshalb nicht die Absurdität der Vorlage, sondern die fehlende Konsequenz, aus dieser Absurdität eine überzeugende Filmsprache zu entwickeln. Nostalgie kann ein Ausgangspunkt für ästhetische Erkenntnis sein; hier wird sie zum Ersatz für sie.


STREET FIGHTER

Start: 15.10.26 | FSK 12
R: Kitao Sakurai | D: Noah Centineo, Andrew Koji, Callina Liang
USA 2026 | Paramount Pictures Germany


 

 

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