SACHBUCH
| 17.09.2025
Verstehen.
Kein Verständnis.
Zwischen
familiärer Introspektion und dem sezierenden Blick auf die Schreckensherrschaft
entfaltet Dominik von Ribbentrop eine bemerkenswerte Hermeneutik des
Unbegreiflichen. Sein Werk ist weit mehr als eine Ahnenforschung; es
ist eine scharfzüngige Analyse über das Versagen der Vernunft
im Angesicht absoluter Macht. Durch die Reflexion über das Erbe
seines Großvaters schlägt der Autor eine intellektuelle Brücke,
die unsere heutige Demokratie zur Wachsamkeit mahnt.
von
Kathy Schmidt

Wie
denken Autokraten? Wie kommt das Böse in die Welt? Wiederholt sich
Geschichte, und wenn ja, wie? In diesem Buch spürt der Enkel des
NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop den zeitlosen Wechselwirkungen
nach, die das Denken und Wirken von Individuen, aber auch von Gruppen,
Gesellschaften und Nationen, bestimmen. Es ist eine historische, soziologische
auch philosophische Reise durch die Jahre von 1918 bis 1945, wobei sich
interessante Parallelen zu den heutigen Vorgängen in Deutschland,
Europa und der Welt auftun.
Der
Titel „Es war einmal ein Garten Eden“ evoziert jene europäischen
Projektionen vom Orient als mythischem Ursprungsraum. Doch wer Martin
Gehlens Texte kennt, weiß: Verklärung ist nicht seine Sache.
Dieses posthum erschienene Kompendium seiner Reportagen und Analysen
ist keine nostalgische Fantasie, sondern eine präzise Bestandsaufnahme
einer Region, deren politische und gesellschaftliche Ordnung seit Jahrzehnten
erodiert. Von 2008 bis 2017 berichtete Gehlen als Nahostkorrespondent
aus Kairo, später aus Tunis. Er erlebte den Beginn des Arabischen
Frühlings aus nächster Nähe – jenen Moment, als
in Tunesien 2011 ein Funke übersprang, der sich rasch nach Libyen,
Ägypten, Syrien und in den Jemen ausbreitete. Millionen beschreibt
Gehlen nicht als zufällige Verkettung unglücklicher Umstände,
sondern als Folge struktureller Defizite. Im Zentrum seiner Analyse
steht ein Herrschaftsmodell, das auf Patronage, Sicherheitsapparaten
und wirtschaftlicher Kontrolle basiert. Die politische Ordnung vieler
Staaten der Region speist sich aus einem impliziten Tauschgeschäft:
relative Stabilität gegen politische Passivität. Dieser „Gesellschaftsvertrag“
ist jedoch teuer, repressiv und auf Dauer nicht tragfähig. Gehlen
verweist auf die ökonomische Grundlage dieses Systems: den Rentierstaat.
Nationale Einnahmen resultieren häufig nicht aus diversifizierter
Produktion oder innovativer Mittelstandsökonomie, sondern aus Rohstoffexporten,
Immobiliengeschäften, Transferzahlungen von als konstitutives Element
des NS-Systems. Er beschreibt eine Welt, in der Humanität als ontologische
Schwäche diffamiert wurde und ein fehlgeleiteter Rationalismus
dazu diente, das Unentschuldbare zu rechtfertigen. Dieser „Spagat
zwischen innerer Fragilität und demonstrierter Härte“
wird als psychologisches Dilemma einer ganzen Generation entlarvt, die
sich hinter der Maske der Pflicht und der „Wacht am Rhein“
versteckte, während das Gewissen unter der Last der Mittäterschaft
erodierte.

Die
gesellschaftspolitische Relevanz des Buches kulminiert in dem Transfer
des Historischen in die Gegenwart. In den Dialogen, unter anderem mit
Rüdiger Safranski, wird deutlich, dass die Erosion demokratischer
Fundamente kein abgeschlossenes Phänomen der 1930er Jahre ist.
Von Ribbentrop warnt vor der trügerischen Sicherheit einer stabilen
Wirtschaft als einzigem Garanten für Freiheit. Er erkennt in modernen
populistischen Bewegungen jene „darwinistische Logik“ wieder,
die Empathie durch harten Rationalismus ersetzt und Menschen in geschlossene
Weltbilder treibt, die keinen Widerspruch mehr dulden. Kritisch, aber
stets reflektiert, hinterfragt der Autor die Grenze zwischen Mitläufertum
und aktiver Verbrechensbeteiligung. Er stellt die schmerzhafte Frage
nach der individuellen Zivilcourage: Warum verharrten so viele in ihren
Rollen, selbst als der moralische Kompass längst versagt hatte?
Die Antwort bleibt komplex, doch das Buch macht greifbar, wie autokratische
Systeme eine „Blase“ erzeugen, in der Korrektive fehlen
und der Ausstieg als existenzielle Vernichtung empfunden wird. Trotz
der familiären Nähe wahrt der Autor eine intellektuelle Distanz,
die das Werk zu einer wertvollen Lektüre für ein gehobenes
Publikum macht. Es ist ein Plädoyer für die „sichtbare
Bürgerschaft“ – ein Aufruf, die Bequemlichkeit des
„Dazwischen“ zu verlassen und Verantwortung für die
eigenen Überzeugungen zu übernehmen. Dominik von Ribbentrop
liefert keine abschließenden Antworten auf das Mysterium des Bösen,
aber er macht die Mechanismen der Macht und des Gehorsams so plastisch,
dass sie als Warnsignale für unsere heutige Zeit unüberhörbar
werden. Ein essentielles Werk über die Notwendigkeit von Anstand
in einer Welt, die immer wieder zur emotionalen Vereisung neigt.
Dominik
von Ribbentrop machte sein Abitur 1985 im Jesuiteninternat
St. Blasien im Schwarzwald, wo auch Pater Delp, 1945 in Plötzensee
ermordet, unterrichtet hatte. Nach einer Banklehre und Studien in Großbritannien
an der University of Buckingham und am INSEAD in Fontainebleau, Frankreich,
arbeitete er unter anderem bei der Investmentbank Salomon Brothers.
Es folgten Selbstständigkeit sowie Gründung und Aufbau von
zwei Unternehmen. Nach Verkauf der zweiten Firma und Beginn des Corona-Lockdowns
begann Dominik von Ribbentrop dieses Buch zu schreiben und damit ein
Projekt umzusetzen, das schon seit Jahren in ihm arbeitete. Heute berät
er Unternehmen hinsichtlich Strategie, Finanzierung und Wachstum.
VERSTEHEN.
KEIN VERSTÄNDNIS.
Anmerkungen eines Enkels
Dominik
von Ribbentrop (Autor) | Westend Verlag | 336 Seiten
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