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SACHBUCH | 17.09.2025

STOPP Gegen Kasino-Finanzwirtschaft
und die Vermarktung der Natur

Wenn die Arithmetik der Finanzmärkte die Integrität der Biosphäre verschlingt, regiert das Kalkül der Wenigen über das Schicksal der Vielen. Marc Chesney seziert in seinem neuen Werk die toxische Symbiose aus ungezügelter monetärer Akkumulation und der rücksichtslosen Kommodifizierung unserer Lebensgrundlagen. Ein flammendes Plädoyer für die Rekultivierung des Gemeinwohls in einer Ära, die von oligarchischen Machtstrukturen und ökologischer Agonie gezeichnet ist.

von Kathy Schmidt

Für alle lebenswichtigen Bereiche blinken die Warnleuchten rot: Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt, Umweltverschmutzung im großen Stil, unerträgliche soziale Ungerechtigkeiten, ständige Kriege und die Gefahr eines Weltkriegs. Die Liste ist erschreckend und der Kapitalismus in seiner libertären Spielart verdammt uns dazu, von einer Katastrophe in die nächste zu schlittern. Die Wirtschaftswissenschaft braucht dringend neue Paradigmen und Konzepte gegen die zynische Finanzkasinowirtschafts-Oligarchie, um das Gemeinwohl wirklich zu fördern, sagt Marc Chesney.

Fast ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seitdem die intellektuelle Provokation Jean Zieglers die Fundamente der helvetischen Selbstgewissheit erschütterte. Doch während Ziegler einst den „Raubtierkapitalismus“ an den Pranger stellte, führt Marc Chesney, emeritierter Professor für Finanzökonomie, diese Tradition nun mit einer Präzision fort, die über die bloße Polemik weit hinausgeht. Sein Werk „Stopp: Gegen Kasino-Finanzwirtschaft und die Vermarktung der Natur“ ist nicht nur eine Zustandsbeschreibung; es ist eine tiefgreifende sozialkritische Sektion eines Systems, das in seiner libertären Radikalität die Zerstörung der Welt als lukratives Geschäftsmodell internalisiert hat. Chesneys Analyse setzt dort an, wo die klassische Nationalökonomie oft schwiegt: bei der moralischen Bankrotterklärung einer globalen Elite. Er beschreibt eine Transformation der Demokratie hin zu einer oligarchischen Despotie, in der immense Privatvermögen nicht mehr nur ökonomische Kapazität, sondern direkte politische Gestaltungsmacht bedeuten. Wenn technokratische Imperien im digitalen Zeitalter in der Lage sind, parlamentarische Souveränität zu unterwandern, befinden wir uns laut Chesney in einer regressiven Entwicklung, die die Errungenschaften der Aufklärung und der französischen Revolution konterkariert. Die Akkumulation von Reichtum in den Händen weniger Akteure wird hierbei als eine Form der neuen Leibeigenschaft entlarvt, die dem Großteil der Menschheit den Zugang zu echtem Eigentum und Würde verwehrt. Besonders bestechend ist Chesneys Untersuchung der „Verwertung der Natur“. Er legt dar, wie der aktuelle Finanzsektor die ökologische Krise nicht als Korrektiv wahrnimmt, sondern als Quelle kurzfristiger Renditen instrumentalisiert. Die Zerstörung der Biodiversität und die klimatische Destabilisierung erscheinen in dieser Logik als externe Effekte, die solange ignoriert werden, wie der Handel mit Massenvernichtungswaffen, fossilen Energieträgern oder toxischen Finanzderivaten befriedigende Bilanzen liefert. Nachhaltigkeit wird dabei als semantische Verschleierungstaktik entlarvt – ein Etikettenschwindel, der das zerstörerische Handeln systemrelevanter Akteure moralisch bemäntelt, während die realen Investitionen weiterhin in die Devastierung des Planeten fließen.

Ein zentrales Moment seiner Kritik gilt der Institution der Zentralbanken und der akademischen Welt. Chesney kritisiert eine „Vormundschaft“ der staatlichen Liquiditätspumpen, die den Mythos der freien Märkte ad absurdum führt, indem sie insolvente Strukturen künstlich perpetuiert. Parallel dazu beklagt er eine Korrosion der universitären Unabhängigkeit. Wo Forschung von jenen Konzernen finanziert wird, die sie eigentlich kritisch evaluieren sollte, entsteht eine akademische Gefälligkeitskultur, deren Modelle die existenziellen Gefahren der Erderwärmung systematisch unterschätzen. Die Finanzwissenschaft, so Chesney pointiert, befinde sich in einem Zustand intellektueller Stagnation, unfähig, die eigene Mitschuld an der „Uberisierung“ der Weltwirtschaft zu reflektieren. Die gesellschaftspolitische Relevanz dieses Buches für die Zukunft Deutschlands und der Weltgemeinschaft kann kaum überschätzt werden. Chesney warnt eindringlich davor, dass die soziale Ungleichheit und die ökologische Ignoranz den Nährboden für autoritäre und rechtskonservative Strömungen bereiten. Wenn die Politik den Schutz des Allgemeinwohls zugunsten der Oligarchie aufgibt, verliert die Demokratie ihre Glaubwürdigkeit. Sein Essay schließt mit der Forderung nach einem radikalen Paradigmenwechsel. Es geht nicht um kosmetische Korrekturen innerhalb der bestehenden Kasino-Ökonomie, sondern um die Restitution der Wirtschaft als dienendes Element für die Gesellschaft. Marc Chesney hat mit „Stopp“ ein Werk vorgelegt, das durch seine analytische Schärfe und seine ethische Rigorosität besticht. Es fordert den Leser auf, die Bequemlichkeit des Zuschauens abzulegen und die Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft zurückzufordern. Ein essentielles Buch für jeden, der begreifen will, warum wir uns am Rande des Abgrunds befinden – und wie wir umkehren können.

Marc Chesney hielt den Lehrstuhl für Finanzmathematik an der Universität Zürich, nachdem er eine Professur an der Wirtschaftshochschule HEC Paris innehatte. Seit vielen Jahren entwickelt er eine kritische Analyse der Finanzkasinowirtschaft, der Vermarktung der Natur und der Anbiederung der wirtschaftswissenschaftlichen Milieus an die Macht des Geldes. Er ist Autor des Werkes: "Die permanente Krise - Der Aufstieg der Finanzaristokratie und das Versagen der Demokratie", erschienen bei Versus, 2019.


STOPP
Gegen Kasino-Finanzwirtschaft
und die Vermarktung der Natur

Marc Chesney (Autor) | Westend Verlag | 160 Seiten


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