SACHBUCH
| 17.09.2025
Krieg
oder Frieden
Deutschland vor der Entscheidung
In
einer Ära der strategischen Ungewissheit plädieren Klaus von
Dohnanyi und Erich Vad für eine Rückbesinnung auf die klassische
Realpolitik. Ihr Dialog entlarvt die blinden Flecken westlicher Expansionslogik
und mahnt zur proaktiven Diplomatie gegenüber Moskau als existenzieller
Notwendigkeit. Ein imperativer Beitrag zur Wiedererlangung europäischer
Souveränität und zur Abwendung apokalyptischer Eskalationsszenarien
im Herzen des Kontinents.
von
Kathy Schmidt

Wenn
politische Rhetorik zunehmend von Konfrontation bestimmt ist, braucht
es Stimmen, die für Verständigung eintreten. Klaus von Dohnanyi
und Erich Vad analysieren die gegenwärtige Lage mit klarem Blick
und strategischer Tiefe. Sie fordern, was oft vergessen wird: Diplomatie
als Pflicht und Ausdruck von Stärke. Und sie denken lösungsorientiert:
Frieden entstehe nicht durch Eskalation, sondern durch Dialog, Verhandlungen
und den Mut zur politischen Klugheit.
In
der gegenwärtigen Berliner Republik, die sich unter der neuen politischen
Führung in einer Phase tiefgreifender institutioneller und außenpolitischer
Reorientierung befindet, wirkt das gemeinschaftliche Werk von Klaus
von Dohnanyi und Erich Vad wie ein intellektuelles Korrektiv zur vorherrschenden
diskursiven Verengung. „Krieg oder Frieden - Deutschland vor der
Entscheidung“ ist weit mehr als ein bloßer Debattenbeitrag;
es ist eine komprimierte Grundlegung einer interessengeleiteten Sicherheitspolitik,
die das Primat der Diplomatie über die reine Logik des Militärischen
stellt. Die Autoren – ein Grand Seigneur der sozialdemokratischen
Staatskunst und ein strategisch versierter General a. D. – bündeln
in diesem Dialog ihre disparaten, aber komplementären Erfahrungshorizonte.
Sie treten einer Stimmung entgegen, die den Bellizismus zum moralischen
Imperativ erhoben hat, und setzen stattdessen auf eine nüchterne
Analyse der internationalen Beziehungen, die sich am klassischen Realismus
orientiert. Ein zentrales Verdienst der Analyse liegt in der historischen
Tiefenschärfe. In Anlehnung an Clausewitz betonen Dohnanyi und
Vad, dass kriegerische Akte niemals isolierte Ereignisse sind, sondern
eine kausale Vorgeschichte besitzen. Sie dekonstruieren die teleologische
Erzählung einer alternativlosen NATO-Osterweiterung und identifizieren
diese – im Einklang mit neorealistischen Vordenkern wie George
F. Kennan – als strategischen Webfehler der post-bipolaren Ordnung.
Die Autoren argumentieren, dass die Ignoranz gegenüber russischen
Sicherheitsperzeptionen, kulminierend in der Nichtbeachtung der Moskauer
Vorschläge vom Ende des Jahres 2021, eine vermeidbare Eigendynamik
in Gang gesetzt hat. Besonders scharf fällt die Kritik an der US-geführten
Strategie aus, die unter dem Einfluss von Brzezinskis geopolitischen
Leitlinien eine Einkreisung Russlands forcierte, ohne die daraus resultierenden
existenziellen Ängste eines nuklear bewaffneten Akteurs einzupreisen.

Politikwissenschaftlich
von besonderem Interesse ist die Differenzierung des „Westens“
als heterogenes Interessengeflecht. Vad und Dohnanyi exponieren die
toxischen Asymmetrien innerhalb der transatlantischen Allianz: Während
für die angelsächsischen Mächte ein Konflikt in Mitteleuropa
eine geografisch distanzierte strategische Option darstellen mag, bedeutet
er für die Bundesrepublik die totale Vernichtung. Daraus leiten
die Autoren die zwingende Forderung nach einer eigenständigen deutschen
Kommunikationsfähigkeit gegenüber Russland ab. Wahre Sicherheit
wird hier nicht als bloße „Kriegstüchtigkeit“
definiert – ein Begriff, den die Autoren als Startpunkt eines
dystopischen Szenarios ablehnen –, sondern als aktive Friedensgestaltung
durch Anreize und Kooperation. Das Ziel ist eine europäische Friedens-ordnung,
die Russland integriert, statt es als Juniorpartner in die Arme Chinas
zu treiben, was die globale Instabilität weiter verschärfen
würde. Die dialogische Form des Buches ermöglicht es, komplexe
geopolitische Denktraditionen – von der Ära der Entspannungspolitik
bis hin zu aktuellen regime-change-Bestrebungen – transparent
zu verhandeln. Es ist eine Absage an eine Außenpolitik, die sich
in moralisierenden Gesten erschöpft und dabei die physische Integrität
des eigenen Landes aus den Augen verliert. Dohnanyi und Vad liefern
mit diesem Essay eine essenzielle Handreichung für eine Politik
des Augenmaßes. Sie fordern eine Rückkehr zur diplomatischen
Verantwortungsästhetik, die den Frieden nicht als das Ergebnis
eines militärischen Sieges, sondern als das Resultat eines mühsamen
Interessenausgleichs begreift. Für die politische Elite Deutschlands,
die vor der Entscheidung steht, ob sie passiver Schauplatz globaler
Machtkämpfe bleiben oder aktiver Gestalter eines neuen europäischen
Gleichgewichts werden will, ist dieses Buch eine unverzichtbare Lektüre.
Es ist ein leidenschaftlicher Appell an die Vernunft, bevor die Logik
der Waffen jede verbliebene Zwischenraum-Diplomatie unwiderruflich schließt.
Dr.
Erich Vad ist Brigadegeneral a.D. der Bundeswehr. Von 2006
bis 2013 war er Gruppenleiter im Bundeskanzleramt, Sekretär des
Bundessicherheitsrates und militärpolitischer Berater der damaligen
Bundeskanzlerin, Dr. Angela Merkel. Im Westend Verlag erschien zuletzt
sein Bestseller "Ernstfall für Deutschland. Ein Handbuch gegen
den Krieg".
Klaus von Dohnanyi geboren 1928, gehört seit 1957
der SPD an. Der in Deutschland und in den USA ausgebildete Jurist arbeitete
viele Jahre in der Wirtschaft, hatte zahlreiche politische Ämter
inne, u.a. als Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft,
als Bundeswissenschaftsminister, Staatsminister im Auswärtigen
Amt und Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg.
KRIEG
ODER FRIEDEN
Deutschland vor der Entscheidung
Klaus
von Dohnanyi (Autor), Erich Vad (Autor) | Westend Verlag | 144 Seiten
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