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SACHBUCH | 17.09.2025

EIN BISSCHEN DIKTATUR GIBT ES NICHT

In einer Epoche, die zur retrospektiven Romantisierung autoritärer Strukturen neigt, fungiert Renate Werwigk-Schneiders Werk als unbestechliches Korrektiv. Ihre literarische Zeugenschaft dekonstruiert die Illusion einer moderaten Unfreiheit und exponiert die totale Infiltration des Individuums durch den Staat. Ein imperativer Diskursbeitrag, der die Fragilität demokratischer Selbstverständlichkeiten mit schmerzhafter Präzision vor Augen führt.

von Kathy Schmidt

Freiheit und Demokratie ist für viele junge Menschen hierzulande selbstverständlich. So selbstverständlich, dass sie gar keine Vorstellung davon haben, was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben. Deshalb ist Renate Werwigk-Schneider seit Jahrzehnten als Zeitzeugin tätig. In der DDR verfolgt und verhaftet weiß sie genau, wie sich Diktatur anfühlt. In ihrem Buch berichtet sie eindrücklich über ihr Leben in der DDR, ihre zwei Fluchtversuche und ihre Inhaftierungen. Sie musste lernen, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Aus diesem Grund klärt Werwigk-Schneider über die Methoden der Stasi, die Überwachungen und Bespitzelungen und die fehlende Menschlichkeit des Unrechtsregimes der DDR auf.

Renate Werwigk-Schneiders Werk „Ein bisschen Diktatur gibt es nicht“ stellt weit mehr dar als eine bloße autobiografische Aufarbeitung einer DDR-Vita; es ist eine politikwissenschaftlich relevante Untersuchung über die Unteilbarkeit der Freiheit. In einer Zeit, in der das kollektive Gedächtnis bezüglich der SED-Diktatur zunehmend von einer gefährlichen „Ostalgie“ oder schlichter Ignoranz korrodiert wird, leistet die Autorin einen essenziellen Beitrag zur politischen Bildung und zur Theorie des Totalitarismus. Die zentrale Prämisse des Buches – die Unmöglichkeit einer „graduellen“ Diktatur – bricht radikal mit der Vorstellung, man könne sich in einem Unrechtsstaat durch apolitische Nischenexistenz eine Teil-Freiheit bewahren. Werwigk-Schneider illustriert eindrücklich, wie das Streben nach individueller Autonomie zwangsläufig zur Kollision mit einem Apparat führen muss, der Konformität nicht nur fordert, sondern durch lückenlose Überwachung erzwingt. Besonders wertvoll für die sozialkritische Analyse ist die Integration authentischer Verhörprotokolle und Stasi-Dokumente. Diese Primärquellen offenbaren die kalte, technokratische Logik eines Regimes, das menschliche Sehnsüchte nach Freiheit als kriminelle Tatbestände kategorisiert. Die Autorin zeigt auf, wie durch die Methode der Zersetzung und der permanenten Infiltration des Privaten die Grenzen zwischen Subjekt und staatlichem Objekt aufgelöst werden. Die Verhöre sind hierbei nicht nur Mittel der Informationsbeschaffung, sondern performative Akte der Unterwerfung, die darauf abzielen, die moralische Integrität der Inhaftierten zu brechen.

Die Schilderung der zwei gescheiterten Fluchtversuche und der darauf folgenden Inhaftierungen verdeutlicht das drakonische Sanktionsregime der DDR. Der Weg von der Hoffnung auf Freiheit über die Isolation im Gefängnis bis hin zum schlussendlichen Freikauf durch die Bundesrepublik beschreibt eine moderne Odyssee, die den hohen Preis der Selbstbehauptung markiert. Die Autorin vermittelt dabei eine fundamentale Einsicht: In einer Diktatur ist das Leben alternativlos vorgezeichnet; jede Abweichung führt unmittelbar in die Kriminalisierung. Die gesellschaftspolitische Schlagkraft des Textes entfaltet sich insbesondere in der Adressierung der jüngeren Generationen. Werwigk-Schneider konstatiert eine beunruhigende Verblasstheit des historischen Wissens. Ihr Buch tritt jener intellektuellen Arroganz entgegen, die Demokratie als eine statische Gegebenheit betrachtet. Sie mahnt an, dass die Freiheit, die heute oft als „selbstverständlich“ wahrgenommen wird, in Wirklichkeit das Resultat schwerer Opfer ist. Die Analyse macht deutlich, dass demokratische Institutionen nur dann resilient bleiben, wenn das Bewusstsein für deren Fehlen lebendig gehalten wird. Das Werk ist somit eine scharfe Kritik an jeglicher Form politischer Desorientierung, die bereit ist, demokratische Tugenden gegen das Versprechen vermeintlicher Stabilität einzutauschen. Renate Werwigk-Schneider hat mit ihren persönlichen Briefen und Dokumenten ein Zeitzeugnis geschaffen, das sich jeder Verklärung entzieht. Für eine gehobene politikwissenschaftliche Publikation bietet das Buch eine reichhaltige Basis, um über die Mechanismen der Macht, die Psychologie des Widerstands und die Notwendigkeit einer wachen Zivilgesellschaft zu debattieren. Es ist ein leidenschaftlicher Appell zur Verteidigung der Freiheit – denn, wie der Titel unmissverständlich postuliert: In der Logik der Unterdrückung gibt es keine Grauzonen. Ein „bisschen Diktatur“ ist bereits die totale Abwesenheit des Rechts.

Renate Werwigk-Schneider ist in der DDR aufgewachsen. Nach Fluchtversuchen 1963 und 1967 wurde sie jeweils inhaftiert und erfuhr in den Haftanstalten Hohenschönhausen und Hoheneck die Härte des DDR-Regimes. 1968 gelang der Freikauf durch die Bundesrepublik, und sie arbeitete anschließend als Kinderärztin in West-Berlin. Durch ihr Engagement als Zeitzeugin kämpft die inzwischen über 80-Jährige unermüdlich für Demokratie, Menschenrechte und Freiheit und möchte insbesondere jungen Menschen die DDR-Geschichte nahebringen.


EIN BISSCHEN DIKTATUR GIBT ES NICHT

Renate Werwigk-Schneider (Autorin) | Westend Verlag | 208 Seiten


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