SACHBUCH
| 01.10.2025
Es
war einmal ein Garten Eden
Ein
Reporterleben zwischen Hoffnung und historischer Ernüchterung.
Martin Gehlen dokumentiert Aufbruch, Verfall und die tektonischen Brüche
des Nahen Ostens. Seine Texte verbinden politische Tiefenschärfe
mit menschlicher Nähe. „Es war einmal ein Garten Eden“
ist Chronik, Analyse und Vermächtnis zugleich.
von
Kathy Schmidt

Hinter
die Kulissen zu schauen und neben den Dramen auch die Verschiedenheit
und Schönheit des Orients zu entdecken - das war das Interesse
des 2021 verstorbenen Nahost-Korrespondenten Dr. Martin Gehlen. Seine
Reportagen und Geschichten spiegeln dabei eine große Offenheit
gegenüber der Vielfalt der Kulturen und Liebe zu den Menschen wider.
Dieses Buch versammelt ausgewählte Reportagen von Martin Gehlen
und Bilddokumente seiner Frau, der Fotografin Katharina Eglau.
Der
Titel „Es war einmal ein Garten Eden“ evoziert jene europäischen
Projektionen vom Orient als mythischem Ursprungsraum. Doch wer Martin
Gehlens Texte kennt, weiß: Verklärung ist nicht seine Sache.
Dieses posthum erschienene Kompendium seiner Reportagen und Analysen
ist keine nostalgische Fantasie, sondern eine präzise Bestandsaufnahme
einer Region, deren politische und gesellschaftliche Ordnung seit Jahrzehnten
erodiert. Von 2008 bis 2017 berichtete Gehlen als Nahostkorrespondent
aus Kairo, später aus Tunis. Er erlebte den Beginn des Arabischen
Frühlings aus nächster Nähe – jenen Moment, als
in Tunesien 2011 ein Funke ¸übersprang, der sich rasch nach
Libyen, Ägypten, Syrien und in den Jemen ausbreitete. Millionen
Menschen forderten Reformen, Rechtsstaatlichkeit, politische Teilhabe.
Weltweit wurde dieser Aufbruch als Beginn einer neuen Epoche gelesen.
Gehlen teilte diese Hoffnung – mit journalistischer Nüchternheit,
aber ohne Zynismus. Seine Texte aus jener Zeit atmen Erwartung, getragen
von der Vorstellung, dass autoritäre Strukturen aufbrechen könnten.
Zehn Jahre später zieht er eine ernüchternde Bilanz: Die Euphorie
ist verflogen, viele Staaten stehen institutionell geschwächt oder
faktisch zerfallen da. Bürgerkriege, wirtschaftliche Stagnation,
Korruption und politische Repression haben den Aufbruch vielerorts in
eine Phase der Desintegration verwandelt. Diese Entwicklung beschreibt
Gehlen nicht als zufällige Verkettung unglücklicher Umstände,
sondern als Folge struktureller Defizite. Im Zentrum seiner Analyse
steht ein Herrschaftsmodell, das auf Patronage, Sicherheitsapparaten
und wirtschaftlicher Kontrolle basiert. Die politische Ordnung vieler
Staaten der Region speist sich aus einem impliziten Tauschgeschäft:
relative Stabilität gegen politische Passivität. Dieser „Gesellschaftsvertrag“
ist jedoch teuer, repressiv und auf Dauer nicht tragfähig. Gehlen
verweist auf die ˆökonomische Grundlage dieses Systems: den
Rentierstaat. Nationale Einnahmen resultieren häufig nicht aus
diversifizierter Produktion oder innovativer Mittelstandsökonomie,
sondern aus Rohstoffexporten, Immobiliengeschäften, Transferzahlungen
von Arbeitsmigranten sowie internationaler Unterstützung.

Die
Verfügungsgewalt über diese Ressourcen liegt bei Herrscherfamilien
oder engen Machtzirkeln aus Politik, Militär und wirtschaftlichen
Eliten. Dadurch entsteht ein Geflecht klientelistischer Abhängigkeiten,
das demokratische Partizipation systematisch unterminiert. Gesellschaftspolitisch
bedeutet dies: Solange externe Finanzströme und Waffenlieferungen
autoritäre Regime stabilisieren, bleibt der Reformdruck begrenzt.
Gehlens implizite Forderung nach einer Neuausrichtung westlicher Politik
– weg von naiver Unterstützung, hin zu konsequenter Konditionalität
– gewinnt vor diesem Hintergrund besondere Schärfe. Eine
der zentralen historischen Markierungen des Buches ist das Jahr 1979.
Die gewaltsame Besetzung der Großen Moschee in Mekka durch militante
Extremisten markierte nicht nur ein sicherheitspolitisches Trauma, sondern
einen ideologischen Wendepunkt. In der Folge setzte eine religiöse
Verengung ein, die pluralistische Traditionen zurückdrängte
und orthodoxe Strömungen stärkte. Gehlen beschreibt diesen
Prozess als nachhaltige Verschiebung des religiösen Koordinatensystems.
Eine vormals vielfältige religiöse Landschaft wurde zunehmend
durch dogmatische Strömungen überformt, deren Exportfähigkeit
durch finanzielle Ressourcen aus der Golfregion zusätzlich begünstigt
wurde. Religiöse Militanz entwickelte sich zu einem transnationalen
Faktor, der politische Konflikte verschärfte und gesellschaftliche
Öffnung erschwerte. Hier zeigt sich Gehlens analytische Stärke:
Er verbindet politische Ökonomie mit Ideengeschichte. Autoritarismus
erscheint nicht allein als Machtfrage, sondern als Zusammenspiel ökonomischer
Strukturen und kulturell-religiöser Dynamiken. Trotz aller kritischen
Diagnosen bleibt Gehlens Ton von Respekt gegenüber den Menschen
der Region geprägt. Seine Reportagen zeichnen Porträts, die
Nähe schaffen, ohne romantisierend zu wirken. Er mochte die arabische
Kultur, bewunderte ihre historische Tiefe – und rang zugleich
mit der wachsenden Enttäuschung über politische Erstarrung.
Diese Ambivalenz macht das Buch besonders wertvoll. Es ist weder Anklageschrift
noch resignativer Abgesang. Es ist das Vermächtnis eines Reporters,
der genau hinsah, Hoffnungen teilte und Entwicklungen mit intellektueller
Redlichkeit bewertete. Gehlen belässt es nicht bei politischer
Analyse. Er nimmt auch ökologische Faktoren in den Blick: zunehmende
Dürre, Wasserknappheit, fragile Lebensgrundlagen. Der Klimawandel
verschärft bestehende Konfliktlinien und stellt zusätzliche
Belastungen für ohnehin schwache Staaten dar. Damit erweitert er
die Perspektive über tagespolitische Ereignisse hinaus und verortet
die Region in globalen Transformationsprozessen. Die Auswahl seiner
Texte ist weit mehr als eine Würdigung journalistischer Arbeit.
Sie bietet eine fundierte Einführung in die strukturellen Probleme
des Nahen und Mittleren Ostens. Wer aktuelle Entwicklungen verstehen
will – von staatlicher Fragmentierung über Migration bis
hin zu religiösem Extremismus –, findet hier analytische
Werkzeuge. Die Fotografien von Katharina Eglau, Mit-Herausgeberin des
Bandes, verstärken diesen Eindruck. Ihre Porträts verleihen
den politischen Diagnosen Gesichter. Sie visualisieren, was Gehlens
Texte leisten: eine Annäherung an eine Region, die zwischen historischer
Größe und gegenwärtiger Krise steht. „Es war einmal
ein Garten Eden“ ist somit kein Abgesang, sondern ein ernsthaftes
Nachdenken über verlorene Möglichkeiten und strukturelle Hindernisse.
Für eine gehobene gesellschaftliche Leserschaft ist dieses Buch
unverzichtbar: als Dokument einer Epoche, als Analyse politischer Fehlentwicklungen
– und als Erinnerung daran, dass Reform und Pluralismus ohne strukturelle
Veränderungen kaum Bestand haben können.
ES WAR
EINMAL EIN GARTEN EDEN
Begegnungen aus dem Nahen Osten
Martin
Gehlen (Autor) | Westend Verlag | 240 Seiten
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