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SACHBUCH | 01.10.2025

Lieber unerhört als ungehört

Eine Fürstin als politische Zeitzeugin: Mit „Lieber unerhört als ungehört“ legt Gloria von Thurn und Taxis eine ebenso persönliche wie streitbare Diagnose der Gegenwart vor. Das Buch verbindet aristokratische Selbstverortung mit gesellschafts-politischer Intervention. Zwischen Familienethos, Religiosität und Meinungsfreiheit entsteht ein Essay über den Zustand der westlichen Demokratie. Eine autobiografische Streitschrift, die bewusst provoziert – und gerade darin ihre intellektuelle Energie entfaltet.

von Kathy Schmidt

Gloria von Thurn und Taxis ist sicherlich eine der populärsten Vertreterinnen des deutschen Adels – und wohl auch die unterhaltsamste. Die erfolgreiche Unternehmerin hat bis heute nie ein Blatt vor den Mund genommen, stets ehrlich, oft unangepasst, aber nie langweilig. Katholisch-konservativ und trotzdem modern, das ist für die dreifache Mutter und frühere »Punkprinzessin« kein Widerspruch.

Mit „Lieber unerhört als ungehört: Lektionen aus meinem Leben“ legt Gloria von Thurn und Taxis ein Buch vor, das sich nicht in den vertrauten Kategorien von Memoiren oder politischem Kommentar erschöpft. Vielmehr handelt es sich um eine hybride Form: eine autobiografische Selbstverortung, die zugleich als kulturkritische Intervention gelesen werden kann. Die im Langen-Müller Verlag erschienene Veröffentlichung entfaltet ihre Wirkung gerade dadurch, dass sie persönliche Erinnerung mit gesellschaftspolitischer Diagnose verschränkt. Die Autorin tritt nicht als distanzierte Beobachterin auf, sondern als engagierte Teilnehmerin am öffentlichen Diskurs – und gerade diese subjektive Position verleiht dem Buch seine rhetorische Kraft. Formal verweigert sich das Werk der klassischen Chronologie autobiografischer Literatur. Statt einer behutsamen Einführung steht am Beginn eine scharf konturierte Analyse gesellschaftlicher Spannungen der Gegenwart. Diese programmatische Setzung bestimmt den Ton des gesamten Buches: Die individuelle Lebensgeschichte erscheint nicht als Selbstzweck, sondern als Ausgangspunkt einer größeren Reflexion über kulturelle und politische Entwicklungen. Am Ende des Bandes steht keine resignative Bilanz, sondern eine emphatische Feier von Lebensfreude, Glauben und familiärer Bindung. Zwischen diesen beiden Polen – Diagnose und Affirmation – spannt sich eine dramaturgische Klammer, die dem Text eine bemerkenswerte innere Geschlossenheit verleiht. In literarischer Hinsicht überzeugt die Autorin durch eine Sprache, die bewusst auf akademische Abschattierungen verzichtet. Klarheit ersetzt Beschwichtigung, pointierte Formulierungen treten an die Stelle technokratischer Abstraktion. Die Wirkung entsteht gerade aus dieser stilistischen Entscheidung: Der Text gewinnt an Unmittelbarkeit und argumentativer Schärfe. Thematisch bewegt sich das Buch auf einem weit gespannten Feld. Die Verteidigung traditioneller Familienstrukturen bildet einen zentralen Ausgangspunkt, von dem aus die Autorin größere gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick nimmt. Fragen der kulturellen Identität, demografischer Wandel, Migration und geopolitische Verschiebungen erscheinen dabei als miteinander verflochtene Phänomene einer Epoche beschleunigter Transformation. Auffällig ist, wie konsequent persönliche Erfahrungen mit historischen Reflexionen verbunden werden.

Erinnerungen aus Kindheit, Ehe oder gesellschaftlichem Leben fungieren nicht als bloße Anekdoten, sondern als narrative Bausteine einer umfassenderen Argumentation. In dieser Verbindung von biografischem Erzählen und politischer Analyse liegt ein wesentliches literarisches Moment des Buches: Der individuelle Erfahrungsraum wird zum Prisma, durch das größere historische Entwicklungen sichtbar werden. Besonders interessant ist der Blickwinkel, aus dem diese Beobachtungen formuliert werden. Die Autorin argumentiert aus einer Perspektive, die in der Gegenwart selten geworden ist: der aristokratischen Tradition. Doch dieser Bezug erscheint nicht als nostalgische Reminiszenz an vergangene gesellschaftliche Hierarchien. Vielmehr versteht die Autorin Adel als kulturelle Haltung, in der Herkunft und Verantwortung miteinander verbunden sind. In einer Zeit, die stark von Individualisierung und sozialer Mobilität geprägt ist, formuliert sie damit einen Gegenentwurf, der auf Kontinuität, Pflichtbewusstsein und kulturelle Form setzt. Gleichzeitig bleibt diese Perspektive keineswegs provinziell. Erinnerungen an internationale Begegnungen, Reisen und kulturelle Kontakte erweitern den Blick über nationale Grenzen hinaus. So entsteht eine bemerkenswerte Spannung zwischen lokalem Bezug – etwa zur kulturellen Welt von Regensburg und Schloss St. Emmeram – und einem kosmopolitischen Erfahrungsraum. Der vielleicht wichtigste rote Faden des Buches ist jedoch die Verteidigung der Meinungsfreiheit. Für die Autorin bildet sie das zentrale Fundament demokratischer Gesellschaften. Ohne die Möglichkeit kontroverser Debatten, so ihre Argumentation, verliere Demokratie ihren eigentlichen Sinn. Diese Position wird nicht abstrakt formuliert, sondern in Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Phänomene entwickelt: soziale Ächtung abweichender Positionen, moralische Grenzziehungen im öffentlichen Diskurs oder die Tendenz zur ideologischen Homogenisierung. Gerade hier gewinnt das Buch seine gesellschaftspolitische Brisanz. Es versteht sich als Gegenrede zu einer politischen Kultur, die Differenz zunehmend als Bedrohung wahrnimmt. Die Autorin insistiert darauf, dass Vielfalt nicht durch Vereinheitlichung entsteht, sondern durch die Bereitschaft, unterschiedliche Positionen auszuhalten. So lässt sich „Lieber unerhört als ungehört: Lektionen aus meinem Leben“ letztlich als ein bewusst gesetzter Kontrapunkt im zeitgenössischen Diskurs lesen. Es fordert seine Leser heraus, Position zu beziehen – sei es zustimmend oder widersprechend. Gerade darin liegt die literarische Qualität des Buches. Es erfüllt eine klassische Aufgabe politischer Essayistik: Gleichgültigkeit unmöglich zu machen. In einer Epoche, in der öffentliche Debatten häufig zwischen moralischer Empörung und vorsichtiger Anpassung oszillieren, setzt Gloria von Thurn und Taxis auf eine andere Strategie – die der offenen, manchmal unbequemen Rede. Ihr Buch ist damit nicht nur ein autobiografischer Rückblick, sondern ein kulturpolitisches Statement. Es verteidigt Familie, Glauben und Freiheit als tragende Säulen gesellschaftlicher Ordnung und fordert zugleich eine demokratische Kultur ein, die auch kontroverse Stimmen nicht zum Schweigen bringt. Gerade deshalb besitzt dieses Werk eine Wirkung, die weit über die persönliche Lebensgeschichte seiner Autorin hinausreicht. Es ist ein Buch, das nicht nur gelesen, sondern diskutiert werden will – und damit seine eigentliche Aufgabe erfüllt: die öffentliche Debatte zu beleben.


LIEBER UNERHÖRT ALS UNGEHÖRT

Gloria von Thurn und Taxis (Autorin) | Langen-Müller | 240 Seiten


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