SACHBUCH
| 08.10.2025
Tagebuch
aus Gaza
Die Zerbrechlichkeit des Menschen im Dauerkrieg
Ein
Kriegstagebuch ohne politische Parolen – und gerade deshalb von
politischer Wucht. Katrin Glatz Brubakk zeigt Gaza aus der Perspektive
der Kinderseele. Zwischen Klinikflur und Seifenblasen entsteht ein Protokoll
radikaler Menschlichkeit. Ein Buch, das nicht erklärt – sondern
erfahrbar macht.
von
Kathy Schmidt

Die
Kinderpsychologin Katrin Glatz Brubakk hat einen Monat als Trauma-Therapeutin
im Nasser-Krankenhaus in Gaza gearbeitet. Dort bangen Kinder täglich
um ihr Leben und das ihrer Liebsten - und zeigen zugleich eine unglaubliche
Stärke. Inmitten von Angst und Zerstörung entstehen dennoch
auch Momente voller Menschlichkeit: das befreiende Lachen eines Kindes,
die Hilfsbereitschaft unter Fremden, das Teilen der letzten Ressourcen.
Es
gibt Bücher, die politische Programme formulieren. Und es gibt
Bücher, die die anthropologische Grundfrage stellen: Was bleibt
vom Menschen, wenn die Ordnung kollabiert? „Tagebuch aus Gaza“
gehört zur zweiten Kategorie – und entfaltet gerade darin
seine gesellschaftspolitische Bedeutung. Die norwegische Kinderpsychologin
Katrin Glatz Brubakk, seit Jahren in humanitären Kontexten tätig,
dokumentiert 33 Tage im Nasser-Krankenhaus im Süden des Gazastreifens
im Spätsommer 2024. Was sie vorlegt, ist kein geopolitischer Essay,
keine Analyse militärischer Strategien, keine völkerrechtliche
Argumentation. Es ist ein präzises Protokoll des Alltags in einem
Raum, in dem staatliche Infrastruktur, Sicherheit und soziale Netze
faktisch aufgehoben sind. Bereits die Rahmenbedingungen ihres Einsatzes
verweisen auf eine radikale Verschiebung von Normalität. Strikte
Bewegungsregeln, permanente Bedrohungslage, die Notwendigkeit medizinischer
Notfallausrüstung für den eigenen Körper – all
dies markiert eine Situation, in der das Individuum zur permanenten
Risikobewertung gezwungen ist. Sicherheit wird zur Illusion, Planung
zur Fiktion. Gesellschaftspolitisch betrachtet zeigt sich hier die Erosion
staatlicher Souveränität. Wo Gewalt monopolisiert werden sollte,
herrscht Fragmentierung; wo Institutionen Schutz bieten müssten,
bleibt nur Improvisation. Das Krankenhaus wird zum letzten funktionierenden
Mikrokosmos von Ordnung – getragen von lokalen Pflegekräften,
die trotz persönlicher Verluste weiterarbeiten. Ihre Beharrlichkeit
bildet den moralischen Kern des Buches. Der eigentliche Fokus der Autorin
liegt auf den Kindern. Sie begegnet jungen Patienten, die verstummen,
schreien oder aggressiv reagieren – Symptome schwerster Traumatisierung.
In stabilen Gesellschaften existieren für solche Fälle komplexe
Hilfesysteme. In Gaza jedoch fehlen diese Strukturen vollständig.
Brubakk beschreibt Mütter, die emotional erschöpft sind, Väter,
deren Verzweiflung in Gewalt umschlägt, Familien, die wiederholt
fliehen mussten und kaum noch Besitz ihr Eigen nennen. Hier wird sichtbar,
was Krieg gesellschaftlich bedeutet: nicht nur Zerstörung von Gebäuden,
sondern Auflösung sozialer Rollen und normativer Leitplanken. Die
Interventionen der Psychologin wirken beinahe minimalistisch. Seifenblasen
als Kontaktmittel, Atemübungen als Instrument der Selbstregulation
– einfache Werkzeuge, die in Extremsituationen elementare Stabilität
zurückgeben.

Gesellschaftspolitisch
betrachtet liegt darin eine zentrale Erkenntnis: Resilienz entsteht
nicht aus abstrakten Programmen, sondern aus konkreten, menschlichen
Begegnungen. Bemerkenswert ist die bewusste Abstinenz von expliziter
politischer Kommentierung. Brubakk verzichtet auf Schuldzuweisungen
oder strategische Einordnungen. Diese Zurückhaltung ist keine Schwäche,
sondern eine kluge Selbstbegrenzung. Sie schreibt als Praktikerin, nicht
als Analystin internationaler Machtkonflikte. Gerade dadurch gewinnt
das Buch politische Schärfe. Indem es nicht argumentiert, sondern
zeigt, entsteht eine eindringliche Evidenz. Der Leser wird nicht mit
Thesen konfrontiert, sondern mit Erfahrungsdichte. Das Leid der Kinder,
die Erschöpfung der Eltern, die Professionalität der lokalen
Teams – all dies erzeugt eine moralische Dringlichkeit, die keiner
rhetorischen Verstärkung bedarf. Ein besonders reflektierter Aspekt
ist das Bewusstsein der eigenen privilegierten Herkunft. Die Autorin
thematisiert das Spannungsfeld zwischen sicherem Zuhause in Norwegen
und Einsatz im Kriegsgebiet. Diese Reflexion verweist auf eine zentrale
Frage westlicher Gesellschaften: Welche Verantwortung tragen stabile
Demokratien gegenüber Regionen, in denen Ordnung zerbricht? Das
Buch gibt darauf keine programmatische Antwort. Es zwingt jedoch zur
Auseinandersetzung mit humanitärer Verpflichtung, internationaler
Solidarität und den Grenzen externer Hilfe. Der Kontrast zwischen
funktionierender Wohlfahrts-gesellschaft und zerstörter Infrastruktur
wird nicht theoretisch, sondern existenziell erfahrbar. „Tagebuch
aus Gaza“ ist kein Sachbuch im klassischen Sinne. Es
entwickelt keine explizite These, bietet keine systematische Recherche
im journalistischen Sinn. Seine Stärke liegt im dokumentarischen
Charakter, in der unmittelbaren Verdichtung von Erfahrung. Für
eine gehobene gesellschaftliche Leserschaft entfaltet sich daraus ein
signifikanter Mehrwert: Das Buch vermittelt keine geopolitische Gesamterklärung,
sondern eine Empfindungsdimension von Krieg. Es zeigt, wie sich permanenter
Ausnahmezustand anfühlt – für Kinder, Eltern, medizinisches
Personal. In einer medialen Landschaft, die häufig zwischen Empörungsrhetorik
und abstrakter Strategieanalyse pendelt, stellt Brubakks Tagebuch eine
notwendige Korrektur dar. Es erinnert daran, dass jede politische Entscheidung
letztlich im individuellen Körper, in der Psyche des Einzelnen,
in der Familie konkret wird. So bleibt nach der Lektüre weniger
ein politisches Urteil als eine vertiefte Sensibilität. Und vielleicht
ist genau das die anspruchsvollste Form gesellschaftlicher Literatur:
nicht zu erklären, wie der Krieg funktioniert – sondern zu
zeigen, was er mit Menschen macht.
TAGEBUCH
AUS GAZA
Der Bericht einer Kinderpsychologin über Verlust,
Traumata und Hoffnung
Katrin
Glatz Brubakk (Autorin) | Westend Verlag | 224 Seiten
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