SACHBUCH
| 08.10.2025
Ich
bin ein Magnet für alle Verrückten
Albert
Einstein als Mythos – und als Mensch im Spätwerk seines Lebens.
Peter von Becker öffnet mit den „Einstein-Protokollen“
ein intimes Zeitfenster in die letzten Jahre des Genies. Zwischen Weltberühmtheit,
Feldtheorie und Telefonaten entsteht ein Porträt des 20. Jahrhunderts.
Ein Buch, das Wissenschaftsgeschichte als Kulturgeschichte lesbar macht.
von
Kathy Schmidt

Die kulturelle Ikonographie des 20. Jahrhunderts kennt wenige Gesichter,
die sich so tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben wie
das von Albert Einstein. Zerzaustes weißes Haar, ein verschmitzter
Blick, dahinter Formeln oder Sternennebel – das Bild des genialen
Alten überlagert häufig die historische Person. Peter von
Becker nimmt diese späte Lebensphase zum Ausgangspunkt einer ebenso
kenntnisreichen wie literarisch reizvollen Rekonstruktion. Sein Band,
am 24. September im Heyne Verlag erschienen, ist weit mehr als eine
Anekdotensammlung: Er ist eine zeitgeschichtliche Tiefenbohrung in das
letzte Kapitel einer Jahrhundertbiografie. Einsteins letzte Jahre im
amerikanischen Princeton erscheinen in der öffentlichen Vorstellung
gern als ruhiger Epilog. Von Becker zeigt das Gegenteil: Der greise
Physiker war ein globaler Bezugspunkt, ein moralisches Gewissen, ein
Projektionsschirm für Hoffnungen, Ängste und Obsessionen.
Aus aller Welt erreichten ihn Bitten, Ehrungen, obskure Theorien, politische
Anfragen. Er selbst reagierte darauf mit einer Mischung aus Ironie und
Geduld. Der Ruhm, der ihn umgab, war ambivalent: Er sicherte ihm Unabhängigkeit,
band ihn aber zugleich an eine permanente Öffentlichkeit. Gemeinsam
mit seiner langjährigen Sekretärin Helen Dukas, die wie er
vor dem nationalsozialistischen Terror hatte fliehen müssen, versuchte
er, den Strom der Anfragen zu ordnen. Schon diese Konstellation verweist
auf die historische Dimension des Buches: Einsteins Spätwerk ist
untrennbar mit Exil, Vertreibung und der intellektuellen Migration des
20. Jahrhunderts verbunden. Während die Welt in ihm längst
das abgeschlossene Genie sah, arbeitete Einstein unbeirrbar an einem
Ziel, das ihm als Krönung seines Lebenswerks erschien: der Vereinheitlichung
der physikalischen Kräfte. Nach der Speziellen und der Allgemeinen
Relativitätstheorie strebte er eine umfassende Theorie an, die
Gravitation und Elektromagnetismus in einer konsistenten mathematischen
Struktur zusammenführt. Zeitgeschichtlich betrachtet ist dieser
Versuch hochsymbolisch. Während sich die theoretische Physik in
Richtung Quantenmechanik und später Quantenfeldtheorie entwickelte,
blieb Einstein skeptisch gegenüber der probabilistischen Grundlegung
dieser neuen Physik. Er hielt an einem Determinismus fest, der aus seiner
Sicht dem Rationalitätsideal der Naturwissenschaft eher entsprach.
Damit geriet er zunehmend in Distanz zur Fachgemeinschaft – ein
intellektuelles Außenseitertum im Zentrum des Ruhms.Von Becker
zeichnet diese Spannung präzise nach. Die Entstehung des Standardmodells
der Teilchenphysik, der wachsende „Teilchenzoo“ und das
ungelöste Problem einer Quantentheorie der Gravitation bilden den
wissenschaftshistorischen Hintergrund. Einstein erscheint nicht als
Verweigerer des Fortschritts, sondern als Denker, der auf eine tiefere
Kohärenz hoffte – auf eine Ordnung hinter der Komplexität.

Eine
besondere Faszination üben die Aufzeichnungen von Johanna Fantova
aus, die in den 2000er-Jahren in Princeton wiederentdeckt wurden. In
täglichen Telefongesprächen vertraute sich Einstein ihr an,
sprach auf Deutsch über Politik, Religion, Wissenschaft und Alltägliches.
Diese Notate eröffnen eine intime Perspektive auf einen Mann, der
öffentlich zur Chiffre geworden war. Von Becker nutzt dieses Material
nicht voyeuristisch, sondern literarisch klug. Er ergänzt die Protokolle
durch eigene Recherchen, verfolgt biografische Spuren, ordnet Namen,
Orte und Kontexte ein. Dabei entsteht ein vielstimmiges Gewebe: das
Porträt eines Weltgenies im Spiegel seiner Kontakte, Freundschaften
und Netzwerke. Zeitgeschichtlich gelesen, steht Einstein für die
Ambivalenz des 20. Jahrhunderts. Er war Mitbegründer einer Physik,
die technische Revolutionen ermöglichte, und zugleich Mahner vor
deren destruktivem Potenzial. Er wurde von politischen Systemen vereinnahmt
und blieb doch innerlich unabhängig. Er suchte die große
Vereinheitlichung in einer Epoche, die sich in ideologischen und wissenschaftlichen
Fragmentierungen verlor. Von Beckers Buch macht deutlich, dass Einsteins
Spätwerk nicht als Randnotiz verstanden werden darf. Es ist Ausdruck
einer intellektuellen Beharrlichkeit, die dem schnellen Konsens misstraut.
Die unermüdliche Suche nach einer „Großen Vereinigung“
wird zur Metapher für ein Denken, das sich nicht mit partiellen
Lösungen zufriedengibt. Stilistisch besticht der Band durch eine
souveräne Erzählhaltung. Von Becker bewegt sich mühelos
zwischen Anekdote und Analyse, zwischen kulturgeschichtlicher Einordnung
und persönlicher Nähe. Er folgt jeder Spur, versieht Namen
mit Kontext, rekonstruiert Zusammenhänge, ohne sich im Detail zu
verlieren. Gerade diese Mischung aus Gelehrsamkeit und erzählerischer
Leichtigkeit macht die Lektüre zu einem intellektuellen Vergnügen.
„Die Einstein-Protokolle“ sind daher nicht nur eine biografische
Ergänzung, sondern ein Beitrag zur Kulturgeschichte der Moderne.
Sie zeigen Einstein als öffentlichen Mythos und als privaten Denker,
als Wissenschaftler und als Zeitzeugen. In einer Epoche, die Wissenschaftler
häufig auf mediale Schlagzeilen reduziert, erinnert dieses Buch
daran, dass große Theorien aus lebenslanger Beharrlichkeit entstehen
– und dass selbst Ikonen des Fortschritts im Spätlicht ihrer
Jahre noch auf jene erlösende Idee hoffen, die alles zusammenführt.
Peter
von Becker lebt als Publizist und Schriftsteller in Berlin.
Nach Veröffentlichungen u.a. in der Süddeutschen Zeitung,
der ZEIT und FAZ war er Mitherausgeber der Zeitschrift Theater heute
und Feuilletonchef des Tagesspiegels. Er lehrte an der Berliner Universität
der Künste, ist Autor von Romanen, Lyrik, einem Theaterstück
und den Drehbüchern für die international erfolgreiche Fernsehserie
„Das Jahrhundert des Theaters“.
ICH
BIN EIN MAGNET FÜR ALLE VERRÜCKTEN
Die Einstein-Protokolle
Peter
von Becker (Autor) | Heyne Verlag | 256 Seiten
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