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BELLETRISTIK | 15.10.2025

Am Morgen kommen die Russen

Ein Roman über die Vorwegnahme der Katastrophe und die Trägheit des Alltags. Iulian Ciocan seziert mit leiser Ironie eine Gesellschaft im Schwebezustand. Zwischen politischer Bedrohung und privater Müdigkeit entfaltet sich große Gegenwartsliteratur. „Am Morgen kommen die Russen“ ist ein stilles, verstörend präzises Buch über das Warten auf Geschichte.

von Anna Winter

Als Russland 2014 die Krim besetzte und einen Krieg in der Ostukraine begann, schrieb der moldauische Schriftsteller Iulian Ciocan noch an seinem Roman »Am Morgen kommen die Russen« (2015). Es ist eine fast hellseherische Satire auf eine russische Invasion aus dem separatistischen Transnistrien der Republik Moldau. In dem Roman versucht ein junger Akademiker, seinen Roman über eine russische Invasion in die Republik Moldau zu veröffentlichen. Der Roman verknüpft zwei faszinierende Geschichten, wobei das Fantastische durch die real existierende Wirklichkeit vorweggenommen wird. Wie die Prophezeiung einer s
düsteren und von Unsicherheiten geprägten Zukunft. Der Autor beschreibt mit bissigem Humor die postsowjetische Gesellschaft in der moldauischen Hauptstadt Chisinau und beleuchtet die enormen Spannungen zwischen der rumänisch- und der russischsprachigen Bevölkerung sowie die politischen und sozialen Probleme, die sich seit der Unabhängigkeit der Republik Moldau abzeichnen.

Iulian Ciocans Roman „Am Morgen kommen die Russen“ gehört zu jenen seltenen literarischen Arbeiten, die ihre politische Brisanz nicht aus dramatischer Zuspitzung beziehen, sondern aus erzählerischer Zurückhaltung. Gerade darin liegt seine literarische Kraft. Ciocan schreibt keinen Kriegsroman, keinen Thriller, keine dystopische Zukunftsvision. Er erzählt von der lähmenden Gegenwart eines Landes, das weiß, dass etwas geschehen wird, ohne zu wissen, wann – oder ob es sich überhaupt noch verhindern lässt. Im Zentrum des Romans steht nicht das Ereignis, sondern seine Vorahnung. Die titelgebende Ankündigung einer russischen Invasion wirkt wie ein permanentes Hintergrundrauschen, das alle Figuren begleitet, ohne ihr Handeln entscheidend zu verändern. Ciocan interessiert sich weniger für geopolitische Manöver als für die psychische Ökonomie einer Gesellschaft, die gelernt hat, Bedrohung zu normalisieren. Literaturwissenschaftlich betrachtet, bewegt sich der Text damit in der Tradition des politischen Romans, der Macht nicht als Spektakel, sondern als atmosphärische Struktur begreift. Erzählerisch arbeitet Ciocan mit einer bewusst nüchternen, beinahe protokollarischen Sprache. Diese Lakonie ist kein Mangel an Emotionalität, sondern eine präzise ästhetische Entscheidung.

Sie spiegelt die innere Erschöpfung der Figuren, deren Leben zwischen Gerüchten, Nachrichtenmeldungen und alltäglichen Routinen oszilliert. Der Roman entwickelt seine Spannung nicht durch Handlung, sondern durch Verdichtung: Jede beiläufige Szene trägt das Wissen um eine mögliche Eskalation in sich. Besonders bemerkenswert ist Ciocans Figurenzeichnung. Seine Protagonisten sind keine Helden, keine Dissidenten, keine politischen Akteure im klassischen Sinn. Es sind Journalisten, Angestellte, Intellektuelle, Menschen, die reden, zweifeln, zögern. Gerade diese Unauffälligkeit verleiht dem Roman seine gesellschaftskritische Schärfe. Ciocan zeigt, wie politische Ohnmacht entsteht: nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überforderung, aus historischer Erfahrung, aus dem Gefühl, ohnehin nur Spielball größerer Mächte zu sein. Literaturwissenschaftlich lässt sich „Am Morgen kommen die Russen“ als Roman der Liminalität lesen. Er bewegt sich konsequent im Zwischenraum – zwischen Frieden und Krieg, zwischen Wissen und Verdrängung, zwischen individueller Existenz und kollektiver Geschichte. Der Text verweigert klare Auflösungen und unterläuft die Erwartung eines finalen Ereignisses. Damit widersetzt er sich auch narrativen Mustern westlicher Krisenliteratur, die auf Eskalation und Katharsis zielt. Ein weiterer zentraler Aspekt ist Ciocans feiner, oft bitterer Humor. Ironie fungiert hier nicht als Entlastung, sondern als Überlebensstrategie. Das Lachen bleibt stecken, weil es stets mit der Ahnung des Kommenden verbunden ist. Diese Form des Humors verweist auf eine literarische Tradition Osteuropas, in der Satire und Tragik untrennbar miteinander verbunden sind. Nicht zuletzt überzeugt der Roman durch seine ethische Haltung. Ciocan schreibt nicht anklagend, nicht agitatorisch, sondern beobachtend. Gerade dadurch gewinnt der Text moralische Autorität. Er zwingt seine Leserinnen und Leser, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie viel Passivität, wie viel Anpassung, wie viel Resignation eine Gesellschaft erträgt, bevor Geschichte über sie hinwegrollt. „Am Morgen kommen die Russen“ ist ein leiser, hochpräziser Roman von großer literarischer Relevanz. Er zeigt, dass politische Literatur nicht laut sein muss, um wirksam zu sein. Ciocan gelingt ein Werk, das die Gegenwart nicht erklärt, sondern spürbar macht – und gerade darin lange nachhallt.


AM MORGEN KOMMEN DIE RUSSEN

Iulian Ciocan (Autor) | Dittrich Verlag | 265 Seiten


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