SACHBUCH
| 22.10.2025
Leo
XIV.
Der leise Mönch an der Spitze der Macht
Ein
Papst als Projektionsfläche einer Kirche im Umbruch. Andreas Englisch
erzählt Leo XIV. weniger als Porträt denn als Symptom der
Gegenwart. Zwischen Macht, Demut und medialer Selbstinszenierung entfaltet
sich ein vatikanisches Panorama. Ein ebenso erzählerisches wie
aufschlussreiches Buch über Religion, Öffentlichkeit und Autorität.
von
Anna Winter

In
seinem neuen Buch erzählt Andreas Englisch die spannende Geschichte
des Konklaves nach Franziskus’ Tod und macht sich auf die Spur
von Leo XIV., dem ersten Amerikaner im Papstamt: Er findet Weggefährten,
enge Vertraute, Familienmitglieder und Menschen an seinen bisherigen
Wirkungsstätten in den USA, in Peru und in Rom, die ihm Einblicke
in das Leben, den Glauben und die Taten des neuen Papstes eröffnen.
Andreas Englisch erzählt, wie Robert Francis Prevost aus Chicago
sich entschließt, Missionar zu werden, und dank der Unterstützung
von Papst Franziskus eine einzigartige Karriere macht: von ganz unten
nach ganz oben auf den Thron Petri. Es entsteht das Porträt eines
Ordensgeistlichen, der wirklich so demütig, ausgleichend und leise
ist, wie er sich in den ersten Wochen seines Pontifikats gezeigt hat:
ein Papst, der laut eigener Aussage als Gleicher unter Gleichen regieren
will. Angesichts gewaltiger Herausforderungen und einer epochalen Vertrauenskrise
wird es für die katholische Kirche nun auf Geschick und Tatkraft
von Leo XIV. ankommen.
Andreas
Englisch gilt seit Jahren als einer der sichtbarsten Vermittler vatikanischer
Innenansichten im deutschsprachigen Raum. Mit „Leo XIV. Der leise
Mönch an der Spitze der Macht“ setzt er diese Rolle konsequent
fort – weniger als nüchterner Analyst kirchlicher Machtstrukturen
denn als erzählerischer Chronist eines Systems, das sich zwischen
spirituellem Anspruch und weltpolitischer Realität neu verorten
muss. Das Buch ist damit nicht nur ein Versuch, den ersten Papst aus
den Vereinigten Staaten zu erklären, sondern zugleich ein Spiegel
der gesellschaftlichen Erwartungen, die sich heute an das Papstamt richten.
Englisch nähert sich Leo XIV. nicht entlang einer streng biografischen
Linie. Stattdessen entsteht das Bild eines Pontifikats aus einer Vielzahl
von Stimmen, Begegnungen und Anekdoten: Ordensbrüder, Geistliche,
politische Akteure und zufällige Weggefährten fügen sich
zu einem Mosaik, das weniger auf innere Geschlossenheit als auf atmosphärische
Dichte zielt. Gesellschaftskritisch interessant ist dabei weniger, was
über Leo XIV. gesichert gesagt werden kann, sondern wie sehr der
Papst selbst zur Projektionsfläche wird: für Hoffnungen auf
moralische Autorität, für Ängste vor institutioneller
Erstarrung und für den Wunsch nach Orientierung in einer fragmentierten
Welt. Besonders aufschlussreich ist Englischs fortwährender Perspektivwechsel
zwischen Person und System. Immer wieder weitet er den Blick von der
Figur Leo XIV. auf die großen Konfliktlinien der Gegenwartskirche:
das Verhältnis von Zentrum und Peripherie, die Spannungen zwischen
nationalen Kirchen und Rom, die unbewältigten Missbrauchsskandale,
die Frage nach Reformfähigkeit und Glaubwürdigkeit. In dieser
Ausweitung liegt eine zentrale gesellschaftskritische Qualität
des Buches.

Tarantinos
Filme erscheinen hier nicht als postmodernes Zitatenkabinett, sondern
als Orte aktiver Umcodierung. Ein Genre wird nicht reproduziert, sondern
verschoben; ein Motiv nicht geehrt, sondern zugespitzt. Filmwissenschaftlich
gesprochen: Tarantino betreibt keine Intertextualität im dekorativen
Sinn, sondern eine Form der Hypertextualität, in welcher ältere
Texte durch neue Bedeutungszusammenhänge transformiert werden.
Das Buch überzeugt zudem durch seine Struktur. Jedes Kapitel funktioniert
wie ein Stadtplan-Ausschnitt, der Vero Town“ weit mehr als ein
Fan-Kompendium. Es ist eine kenntnisreiche, methodisch reflektierte
und stilistisch elegante Studie über Autorschaft, Einfluss und
filmische Erinnerung. Für eine gehobene filmwissenschaftliche Publikation
ist dieses Buch ein Glücksfall: Es verbindet analytische Schärfe
mit cinephiler Leidenschaft und macht verständlich, warum Quentin
Tarantino nicht nur ein Regisseur ist, sondern ein eigenes filmisches
Territorium – eine Stadt, in der Filmgeschichte weiterlebt, sich
reibt und neu erfindet. Der Papst erscheint weniger als souveräner
Lenker denn als Akteur in einem Geflecht aus Tradition, politischem
Druck und medialer Dauerbeobachtung. Zugleich reflektiert das Buch –
wenn auch implizit – die Rolle des Journalismus selbst. Englisch
tritt nicht als unsichtbarer Beobachter auf, sondern als Teil des erzählten
Kosmos. Seine eigene Nähe zu vatikanischen Kreisen, seine Erinnerungen
und persönlichen Erfahrungen sind integraler Bestandteil der Darstellung.
Das erzeugt eine eigentümliche Spannung: Einerseits wird Macht
durch Nähe anschaulich, andererseits stellt sich die Frage nach
kritischer Distanz. Gesellschaftlich gelesen verweist diese Erzählhaltung
auf ein zentrales Problem moderner Öffentlichkeit: Wo endet Einordnung,
wo beginnt Selbstinszenierung? Und wie verändert sich Wahrnehmung
von Autorität, wenn der Erzähler selbst zur Figur wird? Gerade
darin liegt jedoch auch der Reiz des Buches. „Leo XIV.“
ist weniger eine präzise Machtanalyse als ein literarisch gefärbtes
Stimmungsbild der römischen Kirche im 21. Jahrhundert. Englisch
zeigt den Vatikan als symbolisch aufgeladenen Raum, in dem scheinbar
banale Details – Wohnsituationen, Rituale, Gesten – soziale
und politische Bedeutungen annehmen. Die Kirche erscheint hier als Institution,
die sich permanent selbst deutet und zugleich von außen gedeutet
wird, gefangen zwischen sakralem Anspruch und weltlicher Lesbarkeit.
So überzeugt das Buch vor allem dort, wo es nicht den Anspruch
erhebt, endgültige Antworten zu liefern. Stattdessen macht es sichtbar,
wie sehr das Papstamt heute im Spannungsfeld gesellschaftlicher Erwartungen
steht: als moralische Instanz, als politischer Akteur, als mediale Figur.
Leo XIV. wird dadurch weniger als „leiser Mönch“ denn
als Symbol einer Kirche gezeigt, die um ihre Rolle in einer säkularen,
konfliktreichen Welt ringt. In dieser Perspektive ist „Leo XIV.“
ein kluges, erzählerisch starkes Buch, das weniger durch analytische
Schärfe als durch gesellschaftliche Sensibilität besticht.
Wer eine klassische Papstbiografie sucht, mag Lücken entdecken.
Wer jedoch verstehen will, wie Religion, Macht und Öffentlichkeit
heute ineinandergreifen, findet hier ein ebenso unterhaltsames wie aufschlussreiches
Zeitdokument.
LEO
XIV.
Der leise Mönch an der Spitze der Macht
Andreas
Englisch (Autor) | C.Bertelsmann Verlag | 368 Seiten
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