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SACHBUCH | 22.10.2025

Tarantino Town
His Movies and the Works that Inspired Them

Ein filmisches Universum aus Zitaten, Brüchen und obsessiver Liebe zum Kino. „Tarantino Town“ kartiert das Werk Quentin Tarantinos als begehbare Stadt der Filmgeschichte. Ein Buch über Einflüsse, Transformationen und die produktive Kraft des Remix. Fundiert, lustvoll und unverzichtbar für das Verständnis eines Autorenkinos der Postmoderne.

von Anna Winter

Dieses unglaublich kreative Buch verwandelt die ikonischen Werke des berühmten Filmemachers in ein immersives Erlebnis – eine Stadt voller Charme, Stil und unzähliger Popkultur-Anspielungen. Brauchen Sie neue Kleidung? Dann schauen Sie im Secondhandladen vorbei und probieren Sie die schicken Anzüge aus „Reservoir Dogs“ oder Beatrix Kiddos unverwechselbaren gelben Jumpsuit an. Hunger? Gönnen Sie sich einen Milchshake für 5 Dollar in einer der gemütlichen Sitzecken oder stöbern Sie in der Buchhandlung nach Groschenromanen und Gedichten von Robert Frost. Lust auf Kino? Im Kino läuft gerade ein Doppelprogramm mit „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ und „Django Unchained“. Mit seinen lebendigen Bildern, humorvollen Essays und so vielen Easter Eggs, dass selbst eingefleischte Fans begeistert sind, ist „Tarantino Town“ mehr als nur ein Buch – es ist eine Einladung, den ultimativen Kinospielplatz zu betreten. Tauchen Sie ein in die detailverliebten Kostüme, unvergesslichen Charaktere und Kultszenen, die das Universum dieses legendären Geschichtenerzählers prägen. Ideal für Filmfans, Popkultur-Liebhaber und alle, die sich für das Skurrile und Geniale begeistern: Tarantino Town verspricht ein einzigartiges Abenteuer. Anschnallen, Musik aufdrehen und los geht's in die wohl unterhaltsamste Stadt, die Sie je gesehen haben!

Mit „Tarantino Town“ legen Johan Chiaramonte und Camille Mathieu ein Buch vor, das Quentin Tarantinos Kino nicht nur beschreibt, sondern strukturell nachvollzieht. Statt den Regisseur erneut biografisch zu verorten oder seine Filme entlang klassischer Werkmonografien zu ordnen, entwerfen die Autoren ein ebenso präzises wie spielerisches Modell: Tarantinos Filmografie als Stadt. Eine Topografie aus Straßen, Vierteln, Sackgassen und Verbindungen, in der sich Einflüsse, Referenzen und Transformationen überlagern. Für die Filmwissenschaft ist dieser Ansatz mehr als eine Metapher – er ist eine analytische Methode. Tarantinos Kino war von Beginn an ein Kino der Zirkulation. Bilder, Genres, Dialogrhythmen und Musikstücke werden nicht einfach zitiert, sondern neu kontextualisiert. „Tarantino Town“ macht diese Prozesse sichtbar, indem es die Filme systematisch mit jenen Werken verschränkt, aus denen sie hervorgegangen sind: Exploitationkino, Spaghettiwestern, Martial-Arts-Filme, Film noir, Nouvelle-Vague-Impulse und US-amerikanisches B-Movie-Kino. Das Buch liest Tarantino konsequent als Kurator, Sammler und Architekten eines filmhistorischen Archivs, das sich nicht museal verhält, sondern permanent in Bewegung ist. Besonders überzeugend ist die analytische Klarheit, mit der Chiaramonte und Mathieu zwischen bloßer Referenz und produktiver Aneignung unterscheiden.

Tarantinos Filme erscheinen hier nicht als postmodernes Zitatenkabinett, sondern als Orte aktiver Umcodierung. Ein Genre wird nicht reproduziert, sondern verschoben; ein Motiv nicht geehrt, sondern zugespitzt. Filmwissenschaftlich gesprochen: Tarantino betreibt keine Intertextualität im dekorativen Sinn, sondern eine Form der Hypertextualität, in welcher ältere Texte durch neue Bedeutungszusammenhänge transformiert werden. Das Buch überzeugt zudem durch seine Struktur. Jedes Kapitel funktioniert wie ein Stadtplan-Ausschnitt, der Verbindungen sichtbar macht: zwischen „Reservoir Dogs“ und dem Hongkong-Kino, zwischen „Kill Bill“ und dem japanischen Chambara-Film, zwischen „Once Upon a Time in Hollywood“ und dem amerikanischen Fernsehen der späten 1960er-Jahre. Diese Kartografie erlaubt es, Tarantinos Werk nicht linear, sondern relational zu lesen – ein Ansatz, der seinem Kino weit mehr entspricht als chronologische Nacherzählungen. Auch ästhetisch argumentiert „Tarantino Town“ präzise. Die Autoren analysieren Bildkompositionen, Erzählrhythmen, Gewaltchoreografien und Musikeinsatz nicht isoliert, sondern immer im Spannungsfeld ihrer Vorbilder. Dabei wird deutlich, dass Tarantinos berühmte Oberflächen – Coolness, Ironie, Exzess – auf einer tiefen formalen Disziplin beruhen. Seine Filme sind weniger anarchisch, als ihr Ruf vermuten lässt; sie folgen klaren Regeln, die aus der Geschichte des Genrekinos selbst stammen. Besonders wertvoll ist der implizite medientheoretische Befund des Buches: Tarantino erscheint als paradigmatische Figur eines Kinos nach dem Ende der großen Originalitätsmythen. „Tarantino Town“ zeigt, dass Kreativität hier nicht aus dem Nichts entsteht, sondern aus Kenntnis, Auswahl und Neukombination. Das Buch verteidigt damit – ohne apologetisch zu werden – ein Kino des Remix als ernstzunehmende ästhetische Praxis. So ist „Tarantino Town“ weit mehr als ein Fan-Kompendium. Es ist eine kenntnisreiche, methodisch reflektierte und stilistisch elegante Studie über Autorschaft, Einfluss und filmische Erinnerung. Für eine gehobene filmwissenschaftliche Publikation ist dieses Buch ein Glücksfall: Es verbindet analytische Schärfe mit cinephiler Leidenschaft und macht verständlich, warum Quentin Tarantino nicht nur ein Regisseur ist, sondern ein eigenes filmisches Territorium – eine Stadt, in der Filmgeschichte weiterlebt, sich reibt und neu erfindet.


TARANTINO TOWN:
His Movies and the Works that Inspired Them

Johan Chiaramonte, Camille Mathieu (Autoren) | Prestel Verlag | 200 Seiten


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