BELLETRISTIK
| 05.11.2025
Apfelstrudel-Alibi
Ein Provinzkrimi
Ein
Todesfall, der keiner sein will, und eine Provinz, in der jedes Detail
zählt. Rita Falk verwebt Kriminalhandlung, Familienalltag und soziale
Beobachtung zu einem präzise austarierten Gesellschaftspanorama.
Zwischen Südtiroler Bergwelt und niederbayerischer Küche wird
Wahrheit zur Frage der Aufmerksamkeit.
von
Anna Winter

Als
ob der Eberhofer Franz nicht schon Ärger genug hätt: Nein,
jetzt muss die Susi-Maus sich auch noch als frischgebackene Bürgermeisterin
wichtigmachen. Dabei hat er ganz andere Sorgen, als seiner vielbeschäftigten
Frau alles hinterherzutragen. Noch dazu, wo er nämlich einen Mordfall
hat, einen waschechten. Zumindest glaubt das der Richter Moratschek,
dessen geliebte Patentochter Letitia bestimmt nicht von ganz allein
in Südtirol vom Berg gestürzt ist. Dem Eberhofer kommt das
auch ganz spanisch vor – oder eher italienisch! Und so kraxelt
er schon bald auf den Spuren des vermeintlichen Mordopfers in den Dolomiten
herum. Und der Rudi, der muss derweil beim Hauptverdächtigen auf
dem Campingplatz ermitteln – inkognito versteht sich. Na, sauber!
Mit
„Apfelstrudel-Alibi“ führt Rita Falk ihren Eberhofer-Kosmos
nicht nur fort, sie präzisiert ihn. Der dreizehnte Band der Reihe
bestätigt eindrucksvoll, dass diese Kriminalromane längst
mehr sind als humorige Regionalunterhaltung. Falk nutzt den vertrauten
Rahmen des Provinzkrimis, um Fragen von Verantwortung, sozialer Wahrnehmung
und familiärer Aushandlung ebenso leichtfüßig wie treffsicher
zu verhandeln. In einer literaturwissenschaftlichen Perspektive erweist
sich der Roman als Beispiel dafür, wie serielle Populärliteratur
Stabilität und Variation produktiv verschränkt. Im Zentrum
steht ein Todesfall, der offiziell als Unfall deklariert ist, dessen
innere Logik jedoch Risse zeigt. Die Ausgangssituation ist bewusst unspektakulär
gehalten: Ein vermeintlicher Sturz in alpiner Umgebung, eine persönliche
Bitte, ein Ermittler, der widerwillig reagiert. Gerade diese Zurückhaltung
verleiht der Handlung ihre Glaubwürdigkeit. Falk interessiert weniger
der spektakuläre Mord als die Frage, wie Unstimmigkeiten sichtbar
werden – und wer bereit ist, sie wahrzunehmen. Die Ermittlungsarbeit
entwickelt sich folgerichtig aus Beobachtung, Erfahrung und sozialer
Intuition, nicht aus forensischer Effekthascherei. Bemerkenswert ist
dabei die doppelte Topografie des Romans. Der Ausflug in den südlichen
Alpenraum fungiert nicht als exotische Kulisse, sondern als Kontrastfolie
zur vertrauten bayerischen Provinz. Der Perspektivwechsel schärft
den Blick auf institutionelle Routinen, behördliche Selbstverständlichkeiten
und kulturelle Unterschiede, ohne in Folklore zu verfallen. Die Reise
wirkt wie ein erzählerischer Frischluftstrom, der die Serie vor
Stillstand bewahrt und zugleich das zentrale Thema vertieft: Wahrheit
entsteht nicht automatisch aus Zuständigkeit, sondern aus Aufmerksamkeit.
Zurück in Niederkaltenkirchen entfaltet Falk erneut ihre eigentliche
Stärke: die präzise Zeichnung sozialer Mikrostrukturen. Familie,
Freundschaft und Dorfgemeinschaft erscheinen als Kommunikationsräume,
in denen Macht, Fürsorge und Überforderung permanent neu austariert
werden.

Besonders
die veränderte Rolle von Susi, nun in kommunalpolitischer Verantwortung,
verschiebt die gewohnten Dynamiken. Der Roman reflektiert damit beiläufig,
aber klar, wie Care-Arbeit, Beruf und Erwartungshaltungen ineinandergreifen
– ein Thema, das weit über das Genre hinausweist. Das Ermittlerduo
Franz Eberhofer und Rudi Birkenberger bildet dabei das narrative Gravitationszentrum.
Ihre Beziehung ist weniger als klassische Arbeitsteilung denn als dialogische
Methode angelegt. Intuition trifft auf Übermut, Erdung auf Selbstüberschätzung.
Gerade in dieser Reibung liegt der analytische Mehrwert des Romans:
Erkenntnis entsteht aus Widerspruch, nicht aus Genialität. Falk
verdichtet diese Konstellation stärker als in früheren Bänden,
was dem Roman strukturelle Klarheit und erzählerische Ökonomie
verleiht. Ein zentrales, oft unterschätztes Element ist die Kulinarik.
Essen fungiert hier nicht als folkloristische Staffage, sondern als
soziale Praxis. Küchen- und Esstischszenen strukturieren Gespräche,
entschärfen Konflikte und ermöglichen Erkenntnis. Der titelgebende
Apfelstrudel ist damit weniger Requisite als Symbol: für Häuslichkeit,
für Traditionswissen, aber auch für jene scheinbar harmlosen
Oberflächen, unter denen sich Abgründe verbergen können.
Stilistisch bleibt Falk ihrer dialognahen, mündlich grundierten
Erzählweise treu. Der Ton ist lakonisch, warmherzig und präzise
getimt. Kurze Kapitel, klare Szenenführung und ein ausgeprägtes
Gespür für Pointen sorgen für einen hohen Lesefluss,
ohne die narrative Kohärenz zu untergraben. Dass die Serie ihre
eigene Formel nicht verleugnet, ist weniger Schwäche als ästhetisches
Programm: Wiedererkennbarkeit wird hier zur Voraussetzung für Variation.
Aus literaturwissenschaftlicher Sicht ist „Apfelstrudel-Alibi“
ein exemplarischer Fall serieller Gegenwartsliteratur, die Unterhaltung
und Beobachtung kunstvoll verbindet. Der Roman verzichtet bewusst auf
radikale Neuerfindung und setzt stattdessen auf Verfeinerung: der Figurenkonstellationen,
der thematischen Akzente, der sozialen Resonanzräume. Gerade darin
liegt seine Qualität. Falk gelingt ein Kriminalroman, der nicht
nur auflöst, sondern ausleuchtet – ein warmherziges, klug
konstruiertes Buch, das zeigt, wie viel gesellschaftliche Analyse im
scheinbar Leichten stecken kann.
Rita
Falk wurde 1964 in Oberammergau geboren. Ihrer bayrischen Heimat
ist sie bis heute treu geblieben. Mit ihren Provinzkrimis um den Dorfpolizisten
Franz Eberhofer und ihren Romanen ›Hannes‹ und ›Funkenflieger‹
hat sie sich in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser geschrieben –
weit über die Grenzen Bayerns hinaus.
APFELSTRUDEL-ALIBI
Rita
Falk (Autorin) | dtv Verlagsgesellschaft | 336 Seiten
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