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SACHBUCH | 05.11.2025

Der Unsichtbare
Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat

Ein Tech-Unternehmer als politischer Akteur im Schatten der Demokratien. Michael Steinberger seziert Macht, Ideologie und Ambivalenz datengetriebener Herrschaft. Zwischen liberaler Theorie und militärischer Praxis entsteht das Porträt einer neuen Elite. „Der Unsichtbare“ ist eine ebenso präzise wie beunruhigende Analyse unserer algorithmischen Gegenwart.

von Anna Winter

Das Softwareunternehmen Palantir vertreibt eine der weltweit leistungsstärksten Technologien zum Sammeln von großen Datenmengen. Damit handelt Palantir mit Informationen, die westliche Demokratien schützen sollen, aber auch ihren Zusammenbruch herbeiführen könnten. An der Spitze des Unternehmens steht der unkonventionelle CEO und Mitbegründer Alex Karp, der in Sozialtheorie promovierte und überraschende politische und philosophische Ansichten vertritt. Erstmalig hat Michael Steinberger vom New York Times Magazine exklusiven Zugang zu Alex Karp und beleuchtet in seinem Buch die Wahrheit hinter der öffentlichen Fassade dieses Mannes. Er liefert dabei eine treffende Analyse der Risiken von Big Data für unsere Privatsphäre und Bürgerrechte und zeigt auf, wie uns die Existenz von gefährlichen Datenmengen in Zukunft beeinflussen wird.

Michael Steinbergers „Der Unsichtbare“ ist weit mehr als eine klassische Unternehmerbiografie. Das Buch liest sich als politikwissenschaftliche Fallstudie über die Transformation liberaler Ideale im Zeitalter datengetriebener Macht und als präzise Analyse jener neuen Akteursklasse, die jenseits demokratischer Mandate tief in staatliche Entscheidungsprozesse eingreift. Im Zentrum steht Alex Karp, Mitgründer und CEO des Softwareunternehmens Palantir – eine Figur, die sich der einfachen Einordnung konsequent entzieht und gerade dadurch zum idealen Gegenstand politischer Analyse wird. Steinberger nähert sich Karp nicht als Enthüllungsjournalist, sondern als analytischer Chronist eines ideologischen Werdegangs, der exemplarisch für die Verschiebungen westlicher Demokratien steht. Aus einem akademisch geprägten, linksliberalen Umfeld hervorgegangen, mit theoretischer Sozialisation bei Denkern der kritischen Theorie, entwickelt sich Karp zu einem Tech-Magnaten, dessen Unternehmen zentrale Infrastrukturen staatlicher Sicherheits- und Militärpolitik bereitstellt. Diese biografische Bewegung ist bei Steinberger kein persönlicher Widerspruch, sondern Ausdruck einer strukturellen Spannung: dem Versuch, liberale Ordnungen mit illiberalen Werkzeugen zu stabilisieren. Im Zentrum der Analyse steht Palantir als Technologie und als politisches Phänomen. Die Fähigkeit, riesige Datenmengen zu aggregieren, zu verknüpfen und in operative Entscheidungsgrundlagen zu überführen, macht das Unternehmen zu einem unverzichtbaren Partner staatlicher Akteure – von Sicherheitsbehörden bis hin zu militärischen Einsatzkommandos. Steinberger arbeitet präzise heraus, dass diese Technologie weder per se repressiv noch emanzipatorisch ist, sondern ihre politische Qualität aus dem jeweiligen Anwendungskontext bezieht. Gerade diese Kontextabhängigkeit macht Palantir zu einem Brennglas politischer Ethik: Während dieselben Systeme in autoritär anmutenden Migrations- und Überwachungspraktiken massiven Schaden anrichten können, entfalten sie in militärischen Verteidigungsszenarien – etwa in aktuellen europäischen Konflikten – eine lebensrettende Wirkung.

Steinberger vermeidet einfache Urteile und zwingt die Leserschaft stattdessen, sich mit der unbequemen Frage auseinanderzusetzen, ob moralische Bewertung im Zeitalter algorithmischer Macht noch trennscharf möglich ist. Besonders überzeugend ist Steinbergers Analyse der ideologischen Verschiebung Karps nach geopolitischen Zäsuren. Der Bruch, den globale Krisen und insbesondere einschneidende Gewaltereignisse markieren, wird als Katalysator für eine neue politische Selbstverortung gelesen: weg von liberalen Universalismen, hin zu einer sicherheitszentrierten, konfliktbewussten Weltsicht. Dabei zeigt das Buch, wie schnell sich politische Allianzen im Namen der „Verteidigung der Demokratie“ verschieben können – bis hin zur Kooperation mit politischen Kräften, die selbst antidemokratische Tendenzen tragen. Diese Entwicklung liest Steinberger nicht als individuelle Inkonsistenz, sondern als Symptom einer Epoche, in der liberale Demokratien ihre normativen Grundlagen zunehmend im Modus des Ausnahmezustands verhandeln. Karp wird so zur Projektionsfläche einer tieferliegenden politischen Dynamik: der Verschmelzung von Sicherheitsdenken, technologischer Effizienz und moralischer Selbstrechtfertigung. Besondere analytische Schärfe gewinnt „Der Unsichtbare“ dort, wo Steinberger implizit – und in der Gesamtschau des Buches zunehmend explizit – die Rolle von Künstlicher Intelligenz in den Kriegen der Zukunft verhandelt. Palantir steht exemplarisch für eine Entwicklung, in der algorithmische Systeme nicht mehr nur Informationslieferanten, sondern aktive Bestandteile militärischer Entscheidungsprozesse sind. Die ethischen Implikationen sind gravierend: Wenn datenbasierte Modelle Zielpriorisierungen beeinflussen, Risikoabwägungen automatisieren oder Handlungsempfehlungen generieren, verschiebt sich Verantwortung vom Menschen zur Maschine – oder genauer: in eine Grauzone zwischen beiden. Steinberger macht deutlich, dass diese Entwicklung nicht nur technologische, sondern zutiefst politische Fragen aufwirft. Wer trägt Verantwortung für algorithmisch vermittelte Gewalt? Wie transparent müssen solche Systeme in demokratischen Gesellschaften sein? Und lässt sich die militärische Nutzung von KI überhaupt mit klassischen Konzepten von Rechenschaft, Schuld und moralischer Entscheidung vereinbaren? Das Buch liefert keine einfachen Antworten, aber es formuliert die richtigen Fragen – mit einer Dringlichkeit, die weit über den konkreten Fall Palantir hinausweist.

FAZIT
„Der Unsichtbare“ ist ein bemerkenswert kluges, vielschichtiges Buch, das Biografie, Ideengeschichte und politische Theorie produktiv miteinander verschränkt. Michael Steinberger gelingt es, Alex Karp nicht zu demaskieren, sondern verständlich zu machen – und gerade darin liegt die Stärke dieser Analyse. Das Buch zeigt, wie eng Technologie, Macht und Ideologie heute miteinander verwoben sind, und warum die entscheidenden politischen Kämpfe der Gegenwart nicht auf Wahlzetteln, sondern in Datenstrukturen, Algorithmen und ethischen Grauzonen geführt werden. Für die politikwissenschaftliche Debatte über KI, Sicherheit und demokratische Zukunft ist dieses Buch ein zentraler Referenzpunkt.


DER UNSICHTBARE
Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat

Michael Steinberger (Autor) | Ariston | 352 Seiten


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