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SACHBUCH | 04.02.2026

DISRUPTION
Die Ideologie der Tech-Oligarchen und
das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen

Disruption als politische Realität: Jannis Brühl analysiert den digitalen Umbruch jenseits des Silicon-Valley-Mythos. Das Buch liest sich als schonungslose Bestandsaufnahme einer aus den Fugen geratenen Ordnung. Zwischen Tech-Macht, demokratischer Erosion und staatlicher Handlungsunfähigkeit entfaltet sich ein präzises Zeitdiagnostikum. Eine ebenso kluge wie beunruhigende Analyse unserer politischen Gegenwart.

von Anna Winter

Man muss die Tech-Oligarchen des Silicon Valley als Avantgarde verstehen. Eine Handvoll Männer mit Milliardenvermögen, futuristischer Technologie und einer Vorliebe für Science-Fiction sieht sich berufen, die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen. Und hat sich hinter einem Mann versammelt, der diese Ideen durchsetzen kann: Donald Trump.

„Disruption“ ist längst zu einem jener schillernden Begriffe geworden, die Fortschritt versprechen und zugleich Verunsicherung erzeugen. Jannis Brühl nimmt diesen Begriff nicht affirmativ, sondern analytisch ernst. Sein Buch liest sich als politische Anatomie eines Umbruchs, der nicht nur Märkte transformiert, sondern demokratische Institutionen, staatliche Souveränität und gesellschaftliche Selbstverständnisse grundlegend herausfordert. In einer Zeit, in der technologische Innovation häufig als naturwüchsige Entwicklung dargestellt wird, insistiert Brühl auf einer zentralen Einsicht: Disruption ist kein Schicksal, sondern ein politischer Prozess. Aus politikwissenschaftlicher Perspektive überzeugt das Buch vor allem durch seine konsequente Verknüpfung von Technologie- und Machtanalyse. Brühl beschreibt digitale Plattformen, künstliche Intelligenz und datengetriebene Geschäftsmodelle nicht als neutrale Werkzeuge, sondern als Akteure mit eigenen Interessen, struktureller Durchsetzungskraft und globaler Reichweite. Der Autor legt offen, wie sich Macht zunehmend aus demokratisch kontrollierten Räumen heraus in private, transnationale Infrastrukturen verlagert – und wie Staaten darauf bislang meist reaktiv, fragmentiert oder gar resigniert reagieren. Zentral ist dabei Brühls Kritik an der politischen Erzählung des Fortschritts. Disruption erscheint bei ihm nicht als kreative Zerstörung im Schumpeterschen Sinne, sondern als asymmetrischer Prozess, dessen Kosten sozial ungleich verteilt sind. Während technologische Eliten von Flexibilität, Skalierbarkeit und Deregulierung profitieren, geraten Arbeitsverhältnisse, soziale Sicherungssysteme und öffentliche Institutionen unter Druck. Brühl analysiert diese Entwicklung nicht kulturpessimistisch, sondern mit analytischer Nüchternheit: Er zeigt, wie politische Gestaltungsmöglichkeiten systematisch unterschätzt oder bewusst delegiert werden. Besonders überzeugend ist die internationale Perspektive des Buches. Brühl macht deutlich, dass Disruption kein rein westliches Phänomen ist, sondern in autoritären wie demokratischen Systemen unterschiedliche, teils widersprüchliche Effekte entfaltet.

Digitale Technologien können emanzipatorische Potenziale freisetzen, zugleich aber Überwachung, Kontrolle und Manipulation in bisher ungekanntem Ausmaß ermöglichen. In dieser Ambivalenz liegt die eigentliche politische Sprengkraft der digitalen Transformation – eine Sprengkraft, die Brühl präzise herausarbeitet, ohne sich einfachen Dichotomien hinzugeben. Stilistisch bewegt sich DISRUPTION auf einem bemerkenswerten Niveau. Brühl verbindet journalistische Klarheit mit politikwissenschaftlicher Tiefenschärfe. Komplexe Zusammenhänge werden verständlich entfaltet, ohne analytisch verkürzt zu werden. Dabei gelingt es ihm, strukturelle Entwicklungen stets an konkreten Beispielen zu veranschaulichen, ohne in Anekdotik zu verfallen. Das Buch liest sich dadurch nicht nur als Analyse, sondern als Einladung zur politischen Selbstvergewisserung. Normativ ist DISRUPTION ein Plädoyer für die Rückgewinnung politischer Handlungsfähigkeit. Brühl argumentiert nicht für Technikskepsis, sondern für demokratische Souveränität im digitalen Zeitalter. Regulierung erscheint bei ihm nicht als Innovationshemmnis, sondern als Voraussetzung gesellschaftlicher Fairness und politischer Legitimität. Besonders stark ist das Buch dort, wo es die Verantwortung politischer Akteure betont, den digitalen Wandel nicht länger als externen Zwang zu akzeptieren, sondern als gestaltbaren Raum zu begreifen. Insgesamt ist DISRUPTION ein außerordentlich gelungenes Beispiel zeitgenössischer politischer Analyse. Jannis Brühl gelingt es, einen vielstrapazierten Begriff neu zu schärfen und ihn in seinen gesellschaftlichen, ökonomischen und demokratischen Implikationen sichtbar zu machen. Für eine politikwissenschaftliche Leserschaft bietet das Buch nicht nur eine präzise Diagnose, sondern auch einen dringend notwendigen Impuls zur Debatte über Macht, Verantwortung und Demokratie im 21. Jahrhundert.

Jannis Brühl, geboren in Nürnberg, ist einer von Deutschlands führenden Digitaljournalisten und leitet das Digital- und Finanzteam der Süddeutschen Zeitung. Er studierte Politik und Amerikanistik in Erlangen und Portland, Oregon. In New York City war er Arthur-F.-Burns-Stipendiat in der Redaktion der Investigativplattform ProPublica. Er ist als Moderator und Speaker tätig und berichtet seit mehr als zehn Jahren für die SZ über Big Tech, vor allem über die Disruptionen aus dem Silicon Valley und ihre Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft.


DISRUPTION
Die Ideologie der Tech-Oligarchen und
das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen

Jannis Brühl (Autor) | Deutsche Verlags-Anstalt | 256 Seiten


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