SACHBUCH
| 01.04.2026
Einfach
Wein
Genießen und perfekt kombinieren
Wein
ist mehr als ein Getränk – er ist kulturelle Praxis, soziales
Ritual und ästhetische Erfahrung. Aldo Sohms „Einfach Wein.
Genießen und perfekt kombinieren“ nähert sich diesem
Phänomen mit überraschender Klarheit und intellektueller Leichtigkeit.
Zwischen Genusslehre und Geschmacksphilosophie entfaltet sich ein zeitgemäßer
Zugang zur Weinkultur.
von
Anna Winter

Mit
„Einfach Wein. Genießen und perfekt kombinieren“,
erschienen im Prestel Verlag, legt Aldo Sohm ein Werk vor, das sich
bewusst an der Schnittstelle von Kulinarik, Kultur und gesellschaftlicher
Praxis positioniert. Der international renommierte Sommelier, dessen
Karriere ihn von Österreich bis in die Spitzengastronomie New Yorks
geführt hat, verfolgt dabei ein ebenso ambitioniertes wie zeitgemäßes
Ziel: die Öffnung der Weinkultur für ein breiteres Publikum,
ohne dabei deren Komplexität zu nivellieren. Im Zentrum des Buches
steht die Idee, dass Wein nicht isoliert verstanden werden kann. Seine
Bedeutung entfaltet sich erst im Zusammenspiel mit anderen sensorischen
Erfahrungen – insbesondere mit Speisen. Dieses Zusammenspiel beschreibt
Sohm als ein dynamisches Verhältnis von Harmonie und Kontrast.
Geschmack wird hier nicht als statische Eigenschaft begriffen, sondern
als relationales Phänomen, das sich im Moment der Kombination neu
konstituiert. Diese Perspektive verweist darauf, dass Genuss keine rein
individuelle Erfahrung ist, sondern in kulturelle Praktiken eingebettet
bleibt. Das sogenannte „Pairing“ von Wein und Speisen erscheint
bei Sohm nicht als bloße Technik, sondern als eine Form ästhetischer
Gestaltung, die an musikalische oder literarische Kompositionen erinnert.
Wie in der Kunst geht es um Balance, Spannung und Auflösung –
um das Zusammenspiel von Elementen, die sich gegenseitig hervorheben
oder kontrastieren. Besonders überzeugend ist dabei Sohms didaktischer
Ansatz. Das Buch versteht sich explizit als Werkzeugkasten, der Leserinnen
und Leser dazu befähigen soll, eigene sensorische Erfahrungen zu
reflektieren und zu erweitern. Tabellen, Übersichten und illustrative
Beispiele dienen nicht der Vereinfachung um ihrer selbst willen, sondern
als Mittel zur Strukturierung eines komplexen Wissensfeldes. Der Zugang
bleibt dabei stets dialogisch: Der Leser wird nicht belehrt, sondern
zur aktiven Teilnahme eingeladen. Diese Offenheit ist auch als Reaktion
auf eine lange Zeit elitäre Weinkultur zu verstehen. Wein war historisch
eng mit mit sozialen Hierarchien verbunden – als Statussymbol,
als Ausdruck von Bildung und als Marker kultureller Zugehörigkeit.
Die Kenntnis von Rebsorten, Jahrgängen und Anbaugebieten fungierte
oft als Distinktionsmerkmal, das Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen
Gruppen signalisierte. Sohms Buch setzt genau an diesem Punkt an und
versucht, diese Schwelle bewusst zu senken. Die fiktive Figur der „Josephine“,
an die sich das Buch exemplarisch richtet, steht für eine Generation
von Genussinteressierten, die sich zwar für Kulinarik begeistert,
jedoch von der vermeintlichen Komplexität der Weinsprache abgeschreckt
wird. Indem Sohm diese Hemmschwelle adressiert, trägt er zur Demokratisierung
eines kulturellen Feldes bei, das lange von Exklusivität geprägt
war. Gleichzeitig verliert das Buch nie den Anspruch auf fachliche Tiefe.

Sohms
Konzept einer „Geschmacksbibliothek“, in der sensorische
Eindrücke gespeichert und miteinander in Beziehung gesetzt werden,
verweist auf eine kognitive Dimension des Genusses. Geschmack erscheint
hier als ein lernbarer Prozess, der Erfahrung, Erinnerung und kulturelles
Wissen miteinander verbindet. Diese Perspektive eröffnet eine interessante
Parallele zur Ästhetiktheorie, in der Wahrnehmung stets als historisch
und kulturell geprägt verstanden wird. Über die rein kulinarische
Ebene hinaus verweist das Buch auf die gesellschaftliche Bedeutung von
Wein als kulturellem Medium. Wein ist seit Jahrtausenden Bestandteil
sozialer Rituale – von religiösen Zeremonien über festliche
Mahlzeiten bis hin zu informellen Zusammenkünften. Er fungiert
als Katalysator sozialer Interaktion, als Medium der Kommunikation und
als Symbol gemeinschaftlicher Erfahrung. In der europäischen Kulturgeschichte
nimmt Wein dabei eine besondere Stellung ein. Er ist nicht nur Produkt
landwirtschaftlicher Arbeit, sondern auch Ausdruck regionaler Identität.
Terroir – jener vielschichtige Begriff, der Boden, Klima und menschliche
Praxis umfasst – wird zum Träger kultureller Bedeutung. Jede
Flasche Wein erzählt eine Geschichte von Herkunft, Tradition und
Transformation. Sohms Buch greift diese Dimension auf, ohne sie explizit
theoretisch zu überhöhen. Vielmehr wird sie implizit in der
Art und Weise sichtbar, wie er über Geschmack spricht. Wein erscheint
als etwas, das verbindet: Menschen, Orte und Zeiten. Diese verbindende
Funktion macht ihn zu einem zentralen Element gesellschaftlicher Praxis.
Gleichzeitig reflektiert das Buch auch die Veränderungen, die die
Weinkultur in der Gegenwart durchläuft. Globalisierung, neue Konsumgewohnheiten
und die zunehmende Bedeutung nachhaltiger Produktion haben das Verständnis
von Wein grundlegend verändert. Die klassische Hierarchie der Weinregionen
wird zunehmend durch eine pluralistische Perspektive ersetzt, in der
Vielfalt und Experimentierfreude an Bedeutung gewinnen. In diesem Kontext
positioniert sich „Einfach Wein. Genießen und perfekt kombinieren“
als ein zeitgemäßes Kompendium, das Tradition und Moderne
miteinander verbindet. Es respektiert die historische Tiefe der Weinkultur,
ohne sich von ihr einschränken zu lassen. Stattdessen eröffnet
es einen Zugang, der auf Neugier, Offenheit und individueller Erfahrung
basiert. Nicht zuletzt überzeugt das Buch durch seine klare und
zugleich elegante Gestaltung. Die visuelle Aufbereitung unterstützt
die inhaltliche Struktur und macht die komplexen Zusammenhänge
intuitiv erfassbar. Text und Bild bilden eine Einheit, die den Anspruch
des Buches unterstreicht, Wissen nicht nur zu vermitteln, sondern erfahrbar
zu machen. So erweist sich „Einfach Wein. Genießen und perfekt
kombinieren“ als weit mehr als ein praktischer Ratgeber. Es ist
ein kulturwissenschaftlich anschlussfähiges Werk, das den Genuss
von Wein in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einbettet.
Aldo Sohm gelingt es, die Weinkultur aus der Sphäre des Elitären
zu lösen und sie als das zu zeigen, was sie im Kern ist: eine Form
gelebter Kultur, die Menschen zusammenbringt und Sinne, Wissen und Gemeinschaft
miteinander verbindet. In einer Zeit, in der Genuss zunehmend reflektiert
und bewusst gestaltet wird, liefert dieses Buch einen wichtigen Beitrag
zur Neubestimmung eines der ältesten kulturellen Güter der
Menschheit.
EINFACH
WEIN
Genießen und perfekt kombinieren
Aldo
Sohm (Autor), Christine Muhlke (Autorin) | Prestel Verlag | 288 Seiten
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