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KUNSTBUCH | 29.04.2026

Architektur als Erzählung kollektiver Praxis

Architektur als soziale Praxis, nicht als ästhetische Geste – dieses Buch verschiebt Perspektiven. Francis Kéré entwirft Räume, die aus Gemeinschaft entstehen und in Gemeinschaft wirken. Ein Werk, das globale Baukultur neu denkt – jenseits westlicher Kanons. Eine Publikation, die zeigt, warum Architektur politisch ist, bevor sie formal wird.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Erik-Jan Ouwerkerk

Architektur als Erzählung kollektiver Praxis

Mit „Francis Kéré: Building Stories“, erschienen am 8. April im TASCHEN Verlag, liegt ein Werk vor, das weit mehr ist als eine monografische Werkschau. Es handelt sich um eine dichte, vielschichtige Reflexion über Architektur als gesellschaftliche Praxis – ein Buch, das sich nicht nur an ein Fachpublikum richtet, sondern zugleich als programmatisches Statement zur Zukunft des Bauens gelesen werden kann.

Biografie als architektonische Matrix

Im Zentrum steht Francis Kéré, geboren als Diébédo Francis Kéré im westafrikanischen Gando in Burkina Faso. Seine Biografie ist untrennbar mit seinem architektonischen Ansatz verbunden: Als Sohn eines Dorfältesten wurde er früh mit den sozialen Dynamiken gemeinschaftlicher Entscheidungsprozesse vertraut. Sein Bildungsweg führte ihn über ein Stipendium nach Deutschland, wo er in Berlin Architektur studierte und schließlich sein Büro Kéré Architecture gründete. Diese transkulturelle Erfahrung – das Spannungsfeld zwischen afrikanischer Tradition und europäischer Moderne – prägt sein Werk fundamental. Architektur erscheint bei Kéré nie als autonomes Objekt, sondern als Resultat sozialer Aushandlungsprozesse.

Entwurf als Prozess: Das Buch als Archiv

Die Publikation versammelt 26 Projekte und entfaltet daraus eine Art visuelles und theoretisches Archiv seiner Praxis. Auffällig ist die editorische Entscheidung, nicht nur fertige Bauten zu präsentieren, sondern den Entwurfsprozess selbst sichtbar zu machen: Skizzen, Modelle, Fotografien und handschriftliche Notizen eröffnen einen Zugang, der Architektur als epistemischen Prozess begreifbar macht. In dieser Hinsicht steht das Buch in der Tradition einer prozessualen Architekturtheorie, wie sie etwa von Juhani Pallasmaa vertreten wird, der ebenfalls mit einem Beitrag im Band präsent ist.


© TASCHEN VERLAG

Gegen den „Starchitekten“: Architektur als Vermittlung

Zentral für das Verständnis von Kérés Arbeit ist die konsequente Abkehr vom autorzentrierten Architekturverständnis. Der Architekt tritt hier nicht als singuläres Genie auf, sondern als Moderator kollektiver Bedürfnisse. Diese Haltung lässt sich als radikale Kritik am westlichen „Starchitekt“-Diskurs lesen, der Architektur häufig als Ausdruck individueller Signatur begreift. Kéré hingegen entwickelt seine Projekte in enger Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften, wobei traditionelles Wissen nicht als folkloristisches Element, sondern als funktionale Ressource integriert wird.

Bauen im Zeitalter globaler Krisen

Diese Perspektive gewinnt besondere Relevanz im Kontext globaler Herausforderungen. Fragen des Klimawandels, der Ressourcenknappheit und der infrastrukturellen Fragilität werden bei Kéré nicht abstrakt verhandelt, sondern konkret in Materialität und Konstruktion übersetzt. Seine frühen Schulbauten in Burkina Faso – aus lokal verfügbaren Materialien wie Lehm gefertigt und klimatisch optimiert – fungieren als paradigmatische Beispiele einer Architektur, die ökologische und soziale Nachhaltigkeit miteinander verschränkt. Gleichzeitig zeigen neuere Projekte, dass sich dieser Ansatz auch in globalisierten Kontexten behaupten kann, ohne seine ethische Grundlage zu verlieren.

Der Pritzker-Preis 2022: Eine tektonische Verschiebung

Eine besondere architekturhistorische Zäsur markiert das Jahr 2022, als Kéré als erster Afrikaner mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde – der höchsten Ehrung, die die Disziplin zu vergeben hat. Diese Auszeichnung ist nicht nur als individuelle Würdigung zu verstehen, sondern als symbolischer Akt innerhalb eines lange eurozentrisch geprägten Diskurses. Der Pritzker-Preis, oft als „Nobelpreis der Architektur“ bezeichnet, hat über Jahrzehnte hinweg vor allem Architekten aus dem globalen Norden ausgezeichnet. Mit Kérés Ehrung verschiebt sich der Fokus: Architektur wird nicht länger primär über formale Innovation oder ikonische Gesten definiert, sondern über ihre soziale Wirksamkeit und kulturelle Verankerung. Die Verleihung des Pritzker-Preises an Francis Kéré ist ein Paradigmenwechsel.


© TASCHEN VERLAG

Postkoloniale Perspektiven und neue Genealogien

In diesem Sinne lässt sich Building Stories auch als Manifest einer postkolonial informierten Architektur lesen. Kérés Arbeiten widersprechen implizit der Vorstellung, dass Innovation notwendigerweise aus den Zentren des globalen Nordens hervorgehen müsse. Stattdessen formuliert er eine alternative Genealogie architektonischen Wissens, die lokale Praktiken und kollektive Erfahrungen ins Zentrum rückt. Diese Haltung wird durch die Beiträge von Lesley Lokko zusätzlich kontextualisiert, die Kérés Werk in größere kulturelle und politische Zusammenhänge einordnet.

Das Buch als Objekt: Gestaltung und Materialität

Bemerkenswert ist zudem die sinnliche Qualität der Publikation selbst. Die Gestaltung – verantwortet vom renommierten Studio Irma Boom – übersetzt Kérés architektonische Prinzipien in eine buchkünstlerische Form: Offenheit, Materialität und Prozessualität werden auch hier erfahrbar. Das Buch fungiert somit nicht nur als Träger von Informationen, sondern als eigenständiges ästhetisches Objekt.

Fazit: Architektur als ethische Praxis

Letztlich überzeugt „Francis Kéré: Building Stories“ durch seine Fähigkeit, Theorie und Praxis miteinander zu verschränken. Es ist ein Buch, das Architektur nicht als abgeschlossene Disziplin begreift, sondern als Teil eines größeren sozialen Gefüges. Kérés Werk zeigt, dass Bauen immer auch bedeutet, Beziehungen zu gestalten – zwischen Menschen, Materialien und Umwelt. In einer Zeit, in der Architektur allzu oft zwischen spektakulärer Oberfläche und technokratischer Funktionalität oszilliert, formuliert dieses Buch eine klare Alternative: eine Architektur, die zuhört, vermittelt und Verantwortung übernimmt. Gerade darin liegt seine außergewöhnliche Relevanz – und seine nachhaltige Wirkung weit über den engeren architektonischen Diskurs hinaus.


FRANCIS KÉRÉ: BUILDING STORIES

Francis Kéré (Autor) | Taschen Verlag
Softcover, 444 Seiten | 75,00 Euro

Weiterführende Informationen unter taschen.com


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