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SACHBUCH | 06.05.2026

Die Zerbrechlichkeit des Mythos
Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

Marilyn Monroe bleibt eine der widersprüchlichsten Ikonen der Moderne. Hektor Haarkötter nähert sich ihr nicht als Mythos, sondern als verletzlicher, intelligenter und zerrissener Frau. Die Begegnung mit Anna Freud wird dabei zum Ausgangspunkt einer feministischen Neubetrachtung weiblicher Identität und Begehren. Ein faszinierendes Buch zwischen Psychoanalyse, Popkultur und kulturwissenschaftlicher Revision.

von Anna Winter


Marilyn Monroe
Foto: Myron Ehrenberg / Wikimedia Commons / Public Domain

Mit „Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex“, erschienen am 5. Mai im Carl Ueberreuter Verlag, legt Prof. Dr. Hektor Haarkötter ein außergewöhnliches Werk vor, das sich bewusst zwischen kulturwissenschaftlicher Analyse, biografischer Rekonstruktion und essayistischer Narration bewegt. Ausgangspunkt ist eine historisch belegte, zugleich aber bis heute rätselhafte Begegnung: der Besuch Marilyn Monroes bei Anna Freud im London des Jahres 1956. Was zunächst wie eine kuriose Episode der Kulturgeschichte erscheinen könnte, entwickelt sich in Haarkötters Darstellung zu einer hochkomplexen Reflexion über Weiblichkeit, Öffentlichkeit, Begehren und Identität im 20. Jahrhundert. Der Autor nutzt diese kurze, nur fragmentarisch dokumentierte Begegnung, um zwei Frauenfiguren zu untersuchen, die auf unterschiedliche Weise gegen patriarchale Strukturen kämpfen mussten – und dabei zugleich von ihnen geprägt wurden. Im Zentrum steht Marilyn Monroe, jene vielleicht berühmteste Ikone der Popkultur überhaupt, deren Bild bis heute weltweit zirkuliert. Kaum eine andere Figur des 20. Jahrhunderts wurde derart intensiv medial reproduziert und zugleich derart missverstanden. Monroe erscheint in der kulturellen Erinnerung oft reduziert auf ihre Funktion als sexuelles Symbol: als blonde Projektionsfläche männlicher Fantasien, als Verkörperung glamouröser Oberflächen. Haarkötters Buch arbeitet jedoch präzise heraus, wie sehr dieses Bild Ergebnis einer systematischen Konstruktion war.

Die öffentliche Figur „Marilyn Monroe“ fungierte als Produkt eines Studiosystems, das Weiblichkeit standardisierte und kommerzialisierte. Hinter dieser Inszenierung verschwand die Person Norma Jeane Mortenson – eine Frau, die sich zeitlebens nach intellektueller Anerkennung, emotionaler Stabilität und Selbstbestimmung sehnte. Gerade hierin entfaltet das Buch seine feministische Relevanz. Haarkötter dekonstruiert den Mythos Monroe nicht, um ihn zu zerstören, sondern um die Gewalt sichtbar zu machen, die in seiner Konstruktion angelegt war. Marilyn Monroe wird nicht länger als passive Ikone betrachtet, sondern als Subjekt eines permanenten Konflikts zwischen Selbstwahrnehmung und öffentlicher Projektion. Diese Spannung durchzieht ihre gesamte Karriere. Monroe war zweifellos ein Produkt Hollywoods, doch zugleich versuchte sie immer wieder, sich gegen die Reduktion auf ihre Körperlichkeit zu behaupten. Ihre Schauspielausbildung im Actors Studio, ihre intensive Beschäftigung mit Literatur und Psychoanalyse sowie ihre Bemühungen um künstlerische Kontrolle zeigen eine Frau, die weit mehr war als das Bild, das die Öffentlichkeit von ihr konsumierte. Besonders eindrucksvoll arbeitet Haarkötter die psychologische Dimension dieses Konflikts heraus. Die Begegnung mit Anna Freud erscheint dabei nicht als bloßes biografisches Detail, sondern als symptomatischer Moment einer existenziellen Krise. Monroe befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einer Phase emotionaler und beruflicher Erschöpfung: konfliktreiche Dreharbeiten, zerfallende Beziehungen, Medikamentenabhängigkeit und ein zunehmend fragiles Selbstbild prägen ihr Leben. Anna Freud wiederum wird von Haarkötter nicht lediglich als Tochter Sigmund Freuds dargestellt, sondern als eigenständige Intellektuelle, die selbst unter den Bedingungen patriarchaler Wissenschaft operieren musste. Auch sie bewegte sich in einem Spannungsfeld zwischen öffentlicher Rolle und persönlicher Identität. Gerade die Gegenüberstellung dieser beiden Frauen macht den besonderen Reiz des Buches aus:

Hier begegnen sich zwei Biografien, die trotz aller Unterschiede von ähnlichen Fragen durchzogen sind. Der Autor entwickelt daraus eine ebenso provokante wie faszinierende These. Die emotionale Nähe zwischen Monroe und Freud wird als Beziehung interpretiert, die möglicherweise über ein rein therapeutisches oder freundschaftliches Verhältnis hinausging. Entscheidend ist dabei weniger die Frage nach historischer Eindeutigkeit als die kulturwissenschaftliche Perspektive, die sich daraus ergibt: Weibliches Begehren erscheint hier nicht länger als marginalisierte Randnotiz, sondern als zentrale Kategorie einer alternativen Lesart. Haarkötters Methode ist dabei bemerkenswert. Er bewegt sich bewusst zwischen dokumentierter Geschichte und interpretativer Rekonstruktion. Wo Quellen fehlen, entwickelt er plausible Hypothesen, die sich aus biografischen, psychoanalytischen und zeitgeschichtlichen Kontexten speisen. Diese Form der „narrativen Wissenschaft“ eröffnet einen produktiven Zwischenraum zwischen Fakt und Deutung. Gerade diese Offenheit macht das Buch intellektuell interessant. Es verweigert sich einer simplen Eindeutigkeit und zeigt stattdessen, wie sehr Biografien – insbesondere weibliche Biografien – von Leerstellen, Projektionen und gesellschaftlichen Zuschreibungen geprägt sind. Monroe erscheint dadurch nicht als abgeschlossenes Narrativ, sondern als umkämpfte Figur kultureller Erinnerung. Zugleich entfaltet das Buch eine beeindruckende Analyse der popkulturellen Bedeutung Marilyn Monroes. Kaum eine andere Persönlichkeit hat die visuelle Kultur der Moderne derart nachhaltig beeinflusst. Ihre Bilder gehören längst zum kollektiven Gedächtnis des 20. Jahrhunderts. Von Andy Warhols seriellen Porträts bis zu zeitgenössischen Instagram-Ästhetiken reicht der Einfluss einer Ikone, deren Gesicht weltweit wiedererkannt wird.

Doch gerade diese Omnipräsenz verdeckt oft die Ambivalenz ihrer Figur. Monroe verkörpert zugleich Emanzipation und Objektifizierung, Selbstermächtigung und Ausbeutung. Ihre Sexualität wurde gefeiert und kontrolliert, vermarktet und moralisiert. In dieser Widersprüchlichkeit liegt ihre bis heute anhaltende Aktualität. Haarkötters Buch macht deutlich, dass Monroe nicht nur eine Figur der Filmgeschichte ist, sondern ein kulturelles Symptom. Ihre Karriere erzählt von den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie, von patriarchalen Machtstrukturen und von der medialen Konstruktion weiblicher Identität. Gerade deshalb bleibt sie für feministische Diskurse hochrelevant. Stilistisch überzeugt das Werk durch eine elegante Verbindung von wissenschaftlicher Präzision und erzählerischer Dichte. Haarkötter schreibt mit analytischer Klarheit, ohne die emotionale Dimension seines Stoffes zu verlieren. Das Buch bewegt sich souverän zwischen kulturwissenschaftlichem Essay, biografischer Studie und intellektueller Spekulation. So erweist sich „Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex“ als weit mehr als eine Untersuchung historischer Anekdoten. Es ist eine kluge Reflexion über Weiblichkeit, Macht und Öffentlichkeit – und zugleich eine eindringliche Erinnerung daran, dass hinter jeder Ikone ein Mensch existiert, dessen Geschichte oft erst sichtbar wird, wenn der Mythos Risse bekommt. Hektor Haarkötter gelingt damit eine der interessantesten und differenziertesten Annäherungen an Marilyn Monroe der letzten Jahre: ein Buch, das Popkultur ernst nimmt, ohne ihre Widersprüche zu glätten.


MARILYN MONROE
LIEGT AUF DER COUCH UND SPRICHT ÜBER SEX

Hektor Haarkötter (Autor) | Carl Ueberreuter Verlag | 216 Seiten


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