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SACHBUCH | 20.05.2026

Die Ästhetik der Gegenwart
The Elements of Brand Design

Marken sind längst mehr als bloße Herkunftszeichen von Produkten — sie strukturieren Wahrnehmung, Begehren und gesellschaftliche Identität. „The Elements of Brand Design“ untersucht Branding als visuelle, kulturelle und technologische Sprache der Gegenwart. Katharina Sussek und Jens Müller entfalten dabei ein Panorama moderner Markenästhetik zwischen Typografie, Sounddesign und KI. Ein brillantes Standardwerk über die kulturelle Grammatik des Kapitalismus im 21. Jahrhundert.

von Anna Winter


© CHOBANI

Mit „The Elements of Brand Design“, erschienen am 28. April 2026 im TASCHEN Verlag, legen Katharina Sussek und Jens Müller nicht weniger als eine umfassende Anatomie jener visuellen und kulturellen Systeme vor, die den Alltag moderner Gesellschaften längst tiefer prägen, als vielen Menschen überhaupt bewusst ist, denn Marken sind heute keineswegs bloß ökonomische Werkzeuge zur Wiedererkennbarkeit von Produkten, sondern avancierten im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte zu komplexen kulturellen Zeichenordnungen, die Wahrnehmung strukturieren, Konsum emotionalisieren und gesellschaftliche Identitäten mitformen. Gerade hierin liegt die außerordentliche Relevanz dieses monumentalen Bandes, der Branding nicht als bloße Disziplin des Marketings behandelt, sondern als eine eigenständige kulturelle Praxis der Gegenwart analysiert. Denn das, was gemeinhin unter „Branding“ verstanden wird, reicht längst weit über Logos oder Werbekampagnen hinaus. Branding beschreibt die Konstruktion einer konsistenten Identität, die sich aus visuellen, sprachlichen, räumlichen und zunehmend auch auditiven sowie digitalen Elementen zusammensetzt. Farbe, Typografie, Bildwelt, Bewegung, Klang und Interfacegestaltung verschmelzen dabei zu komplexen Erfahrungsräumen, die Unternehmen, Institutionen und Produkte emotional aufladen. Der Begriff selbst besitzt eine bemerkenswerte kulturhistorische Tiefendimension.


© TASCHEN VERLAG

Ursprünglich bezeichnete „Branding“ das Einbrennen von Besitzmarkierungen in Tiere oder Waren — ein Verfahren ökonomischer Zuordnung und Sichtbarmachung. Im 20. Jahrhundert transformierte sich diese Praxis grundlegend. Mit der Entstehung moderner Konsumgesellschaften wurde die Marke zunehmend zum immateriellen Bedeutungsträger. Produkte sollten nicht mehr allein funktional überzeugen, sondern Lebensstile, Werte und emotionale Projektionen verkörpern. Genau diese Entwicklung macht „The Elements of Brand Design“ auf beeindruckende Weise sichtbar.

Branding als kulturelle Grammatik der Moderne

Katharina Sussek und Jens Müller verstehen Branding nicht als oberflächliche Verpackungsästhetik, sondern als eine Art kulturelle Grammatik, durch die sich moderne Gesellschaften selbst organisieren. Gerade deshalb besitzt das Buch eine weit größere intellektuelle Tragweite als viele klassische Designpublikationen. Es zeigt, dass Marken heute soziale Orientierungssysteme darstellen, die kollektive Vorstellungen von Erfolg, Modernität, Authentizität oder Innovation erzeugen. Besonders faszinierend ist dabei die historische Perspektive des Bandes. Die Autoren verdeutlichen, wie sich bereits im späten 19. Jahrhundert erste kohärente Markenidentitäten herausbildeten — zunächst über Symbole, Schriftzüge und Hausfarben, später über umfassende visuelle Systeme. Mit der Industrialisierung entstand das Bedürfnis nach Wiedererkennbarkeit in zunehmend anonymen Märkten. Die Marke wurde zum Bindeglied zwischen Massenproduktion und individueller Wahrnehmung.


© Dino Burger / Dino Kiddo / Untitled Macao

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelte sich daraus eine hochkomplexe Disziplin, die Architektur, Grafikdesign, Werbung, Film, Sound und digitale Interfaces miteinander verbindet. Gerade die großen Marken der Gegenwart operieren längst nicht mehr nur über Produkte, sondern über atmosphärische Erfahrungswelten. Unternehmen wie Nike, Netflix, Instagram oder Uniqlo verkaufen keine bloßen Waren mehr, sondern Narrative, Haltungen und ästhetische Lebensgefühle. „The Elements of Brand Design“ analysiert diese Prozesse mit bemerkenswerter Präzision. Mehr als hundert internationale Markenauftritte werden in siebzehn thematisch strukturierten Kapiteln untersucht, die jeweils einzelne Bestandteile moderner Markenidentität fokussieren. Dadurch entsteht kein oberflächliches „Best-of“ zeitgenössischen Grafik-designs, sondern eine systematische Untersuchung der Designmechanismen, durch die Marken ihre kulturelle Wirksamkeit entfalten.

Zwischen Typografie, Raum und digitaler Identität

Besonders überzeugend ist die Art und Weise, wie das Buch die verschiedenen Ebenen moderner Markenkommunikation miteinander verschränkt. Das klassische Logo erscheint hier nicht mehr als isoliertes Signet, sondern als Teil umfassender visueller Ökosysteme. Piktogrammsysteme, Typografie, Farbwelten, Motion Design, Klanggestaltung und räumliche Inszenierung greifen ineinander und erzeugen jene Wiedererkennbarkeit, die im digitalen Zeitalter entscheidend geworden ist. Gerade die zunehmende Bedeutung digitaler Medien verändert das Verständnis von Branding fundamental. Marken existieren heute nicht mehr statisch, sondern permanent in Bewegung: auf Smartphones, Streamingplattformen, Social-Media-Interfaces oder in KI-generierten Bildwelten. Identität wird dadurch dynamisch und adaptiv. Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie Designerinnen und Designer auf diese neuen Bedingungen reagieren müssen, indem sie flexible Systeme entwickeln, die gleichzeitig konsistent und wandelbar bleiben. Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang die Einbeziehung generativer KI in die Analyse zeitgenössischer Markenkommunikation. Sussek und Müller machen deutlich, dass künstliche Intelligenz nicht lediglich ein technisches Werkzeug darstellt, sondern die ästhetischen Produktionsbedingungen selbst verändert. Branding wird dadurch zunehmend prozesshaft: Markenidentitäten entstehen nicht mehr ausschließlich durch starre Gestaltungsrichtlinien, sondern durch intelligente Systeme, die Inhalte dynamisch erzeugen und variieren können. Gerade diese Perspektive macht den Band zu einem der gegenwärtig relevantesten Werke über Designkultur. Denn er beschreibt nicht bloß aktuelle Trends, sondern analysiert einen tiefgreifenden Wandel gesellschaftlicher Kommunikation.


© TASCHEN VERLAG

Die Marke als emotionale Infrastruktur des Kapitalismus

Kulturtheoretisch besonders interessant ist die implizite Diagnose, die das Buch über die Gegenwartsgesellschaft formuliert. Marken erscheinen hier als emotionale Infrastruktur des spätmodernen Kapitalismus. Sie strukturieren Konsumentscheidungen ebenso wie soziale Zugehörigkeiten und individuelle Selbstbilder. In einer Welt permanenter visueller Überreizung fungiert Branding als Orientierungssystem. Menschen konsumieren Marken nicht nur wegen ihrer Funktionalität, sondern weil sie über Marken Identität performen. Kleidung, digitale Plattformen, Architektur oder Verpackungen werden zu Bestandteilen kultureller Selbstinszenierung. Gerade dadurch verschiebt sich die Rolle des Designs fundamental: Gestaltung wird zur Produktion gesellschaftlicher Bedeutung. Diese Entwicklung besitzt auch eine politische Dimension. Marken prägen öffentliche Räume, digitale Kommunikation und globale Bildwelten in einem Ausmaß, das früher staatlichen oder religiösen Institutionen vorbehalten war. Internationale Konzerne verfügen heute über eine visuelle Präsenz, die nationale Symbolsysteme teilweise überlagert. Logos und Interfaces werden zu universellen Zeichen einer globalisierten Kultur. Das Buch reflektiert diese Entwicklungen mit bemerkenswerter analytischer Klarheit, ohne dabei in kulturkritischen Alarmismus zu verfallen. Stattdessen zeigt es, dass Branding immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Transformationen ist. Marken reagieren auf kulturelle Sehnsüchte, technologische Veränderungen und soziale Dynamiken — und formen diese zugleich aktiv mit.

Ein neues Standardwerk der Designliteratur

Auch gestalterisch erfüllt der Band den hohen Anspruch, den man mit dem TASCHEN Verlag verbindet. Das großformatige XL-Hardcover besitzt jene physische Präsenz, die der Materialität seines Gegenstandes entspricht. Die opulente Bildauswahl, die exzellente Druckqualität und die präzise Strukturierung der Inhalte machen das Buch selbst zu einem Objekt visueller Kultur. Das ausführliche Gespräch mit Paula Scher und Michael Bierut erweitert die theoretische Perspektive zusätzlich um eine praktische Reflexion aus dem Zentrum internationaler Designpraxis. Gerade hier wird deutlich, dass Markenidentität niemals auf einzelne Gestaltungselemente reduziert werden kann, sondern stets als komplexes Zusammenspiel unterschiedlichster Wahrnehmungsebenen funktioniert.

Mit „The Elements of Brand Design“ ist Katharina Sussek und Jens Müller somit ein Werk gelungen, das weit über klassische Designliteratur hinausreicht. Das Buch verbindet historische Tiefenschärfe, kulturtheoretische Relevanz und visuelle Exzellenz zu einer außergewöhnlich umfassenden Analyse moderner Markenwelten. Es ist nicht nur ein unverzichtbares Referenzwerk für Designerinnen, Markenstrategen oder Studierende, sondern zugleich ein hochaktueller Essay über die ästhetische Verfasstheit unserer Gegenwart — und über die Frage, wie visuelle Identitäten heute Gesellschaft, Wahrnehmung und kulturelle Realität formen.Gegenwart.


THE ELEMENTS OF BRAND DESIGN

Katharina Sussek und Jens Müller | Taschen Verlag
Hardcover, 496 Seiten | 75,00 Euro

Weiterführende Informationen unter taschen.com


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