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BELLETRISTIK | 12.08.2026

Filmriss auf Immenhof
Forensik der Erinnerung zwischen Ponyidylle und Mordverdacht

Karsten Dusses „Filmriss auf Immenhof“ verwandelt nostalgische Ponyhof-Romantik in ein schwarzhumoriges Laboratorium für Erinnerung, Schuld und Selbsttäuschung. Im Zentrum steht mit der Kriminalpsychologin Sophia eine Protagonistin, deren professionelles Wissen angesichts der eigenen Erinnerungslücke plötzlich selbst zum Untersuchungsgegenstand wird. Zwischen forensischer Rationalität, alkoholbedingter Amnesie und psychologischer Selbstbeobachtung entfaltet der Roman eine überraschend erkenntnis-theoretische Dimension.

von Franziska Keil

Ein Tatort namens Immenhof

Mit „Filmriss auf Immenhof“ führt Karsten Dusse seine Vorliebe für die Kollision scheinbar inkompatibler Welten konsequent fort: Hier trifft die sentimental aufgeladene Ikonografie der „Immenhof“-Filme auf einen Kriminalfall, dessen Ausgangssituation kaum weiter von jener beschwingten Nachkriegsidylle entfernt sein könnte. Die Kriminalpsychologin Sophia, 45 Jahre alt, geschieden, Mutter zweier Teenager und nach einer neuerlichen Trennung emotional keineswegs auf dem Höhepunkt ihrer Existenz, gönnt sich einen Aufenthalt auf Gut Immenhof, das inzwischen als Hotel betrieben wird; nach einer ausgelassenen Retroveranstaltung erwacht sie jedoch mit einer Erinnerungslücke und der abgetrennten Hand ihres ehemaligen Partners neben sich. Dusse konstruiert daraus einen klassischen Locked-Room-Effekt, erweitert ihn allerdings um eine entscheidende epistemologische Komplikation: Die Ermittlerin ist zugleich potenzielle Täterin, mögliche Zeugin und Gegenstand ihrer eigenen Untersuchung. Der 320 Seiten umfassende Hardcover-Roman erschien am 29. Juli 2026 bei Heyne. Bereits die Ausgangssituation ist deshalb raffinierter, als die groteske Prämisse vermuten lässt, denn Sophia muss nicht lediglich herausfinden, wer eine Tat begangen hat, sondern zunächst klären, ob ihr eigenes Gedächtnis überhaupt als verlässliche Datenquelle infrage kommt.

Das Gedächtnis als forensisches Problem

Gerade aus naturwissenschaftlicher Perspektive entwickelt „Filmriss auf Immenhof“ seinen interessantesten Subtext. Der sogenannte Filmriss ist umgangssprachlich zwar ein vertrautes Phänomen, neuropsychologisch handelt es sich jedoch nicht schlicht um ein „Vergessen“ im alltäglichen Sinne. Bei einer alkoholinduzierten anterograden Amnesie kann die Fähigkeit beeinträchtigt sein, während einer Intoxikation neue episodische Erinnerungen dauerhaft zu konsolidieren; eine Person kann dabei durchaus wach, ansprechbar und handlungsfähig erscheinen, ohne dass die betreffenden Erlebnisse später zuverlässig abrufbar sind. Genau diese Diskrepanz zwischen beobachtbarem Verhalten und späterer Erinnerung macht Sophias Situation kriminalistisch so brisant. Sie kann nicht einfach in sich hineinhorchen und die Wahrheit finden, weil Erinnerung keine videografische Aufzeichnung des Geschehenen darstellt, sondern ein rekonstruktives, kontextabhängiges neurokognitives Verfahren. Dusse nutzt dieses Prinzip dramaturgisch ausgesprochen geschickt: Jede Erinnerung, die Sophia zurückzugewinnen glaubt, kann zugleich Erkenntnisgewinn und Fehlkonstruktion sein. Damit entsteht eine kriminalistische Variante des klassischen Problems der Zeugenaussage, bei der die Protagonistin selbst zum unsicheren Messinstrument wird.

Kriminalpsychologie ohne Laborfetisch

Dass Sophia Kriminalpsychologin ist, verhindert erfreulicherweise, dass die Handlung vollständig in den vertrauten Mechanismen des Amateurdetektivromans aufgeht. Ihre Professionalität liefert ihr analytische Instrumente, zwingt sie aber zugleich zu einer besonders unangenehmen Selbstbeobachtung. Sie weiß, wie Täterprofile entstehen, wie Suggestion Wahrnehmung beeinflussen kann und wie Menschen ihre eigene Biografie nachträglich kohärent organisieren; gerade deshalb erkennt sie, wie wenig souverän sie gegenüber der eigenen Gedächtnislücke ist. Der Roman gewinnt daraus eine ironische Umkehrung der kriminalpsychologischen Perspektive: Sophia untersucht nicht primär einen fremden Täter, sondern die Bedingungen ihrer eigenen Erkenntnis. Ihr professionelles Wissen wird damit zugleich Ressource und Belastung. Diese Konstruktion entspricht einem modernen Verständnis forensischer Psychologie, in dem subjektive Intuition zwar relevant sein kann, aber niemals mit empirischer Evidenz verwechselt werden darf. „Filmriss auf Immenhof“ macht daraus keine trockene Lehrveranstaltung, sondern eine komödiantische Versuchsanordnung, in der die wissenschaftliche Skepsis permanent mit der existenziellen Versuchung kollidiert, die eigene Version der Ereignisse für wahr halten zu wollen.

Nostalgie als psychologischer Köder

Die Wahl des Immenhofs erweist sich dabei als besonders produktiv. Die historischen „Immenhof“-Filme stehen kulturell für eine idealisierte Welt aus Landschaft, Tieren, Jugend und überschaubarer Harmonie; Dusse nimmt diese nostalgische Konnotation und kontaminiert sie mit Mordverdacht, Alkohol, Beziehungsfrust und körperlicher Gewalt. Das Hotel wird damit zum psychologischen Resonanzraum. Sophia sucht einen Ort, an dem sie sich geborgen fühlen kann, findet aber einen Raum vor, in dem ihre eigene Wahrnehmung zerfällt. Nostalgie funktioniert hier wie ein kognitives Bias: Wer einen Ort bereits mit Sicherheit und Kindheitserinnerungen aufgeladen hat, neigt dazu, widersprechende Informationen anders zu gewichten. Der Roman interessiert sich somit nicht nur für die Frage, was passiert ist, sondern auch dafür, wie Erwartungen beeinflussen, was Menschen überhaupt wahrnehmen. Der Immenhof ist folglich weniger idyllische Kulisse als ein Wahrnehmungsexperiment.

Zwischen Komik und Kontrollverlust

Dusses Stärke besteht darin, dass er diese durchaus ernsten psychologischen und naturwissenschaftlichen Fragen nicht mit akademischer Schwere ausstellt. Seine Komik entsteht vielmehr aus der Kollision zwischen Sophias Fachkompetenz und ihrer persönlichen Desorientierung. Eine Kriminalpsychologin, die beruflich vermutlich routiniert zwischen Hypothesen, Indizien und Verhaltensmustern unterscheidet, muss plötzlich akzeptieren, dass sie selbst eine Hypothese in einem Fall ist. Der schwarze Humor entsteht aus dieser kognitiven Dissonanz. Hinzu kommt der juristische Hintergrund des Autors, der dem Roman ein Gespür für Beweisführung, Verantwortlichkeit und die Differenz zwischen Verdacht und Nachweis verleiht. Das bedeutet nicht, dass jede kriminaltechnische Einzelheit wissenschaftlich ausbuchstabiert würde; vielmehr verwendet Dusse naturwissenschaftliches und rechtswissenschaftliches Denken als strukturelles Prinzip. Der Leser wird ständig dazu gezwungen, zwischen Beobachtung, Interpretation und Schlussfolgerung zu unterscheiden.

Ein weiblicher Kriminalroman gegen die Opferrolle

Sophia ist zudem eine bemerkenswert zeitgenössische Ermittlerfigur, weil ihre Biografie nicht als dekoratives Zusatzmaterial behandelt wird. Sie ist eine Frau mittleren Alters, Mutter, geschieden und frisch getrennt; ihr privates Leben ist damit bereits von Rollen geprägt, die gesellschaftlich häufig über Fürsorge, Verantwortlichkeit und emotionale Verfügbarkeit definiert werden. Der Mordverdacht bringt diese Ordnung aus dem Gleichgewicht. Sophia wird nicht zur perfekten Heldin stilisiert, sondern erhält das Recht, widersprüchlich, erschöpft, wütend, neugierig und gelegentlich irrational zu sein. Gerade darin liegt eine feministische Qualität des Romans: Weibliche Selbstbestimmung wird nicht als makellose Souveränität präsentiert, sondern als Fähigkeit, auch unter widrigen Bedingungen die Deutungshoheit über das eigene Leben zurückzugewinnen. Der Ex-Partner ist dabei nicht nur ein kriminalistisches Zentrum, sondern auch Bestandteil einer persönlichen Vergangenheit, die Sophia neu bewerten muss. Der Kriminalfall wird somit mit einer psychischen Emanzipationsbewegung verschränkt.

Der Immenhof als kulturelles Gedächtnis

Bemerkenswert ist außerdem, wie Dusse mit dem kulturellen Gedächtnis der „Immenhof“-Welt arbeitet. Die historische Filmreihe steht für ein Deutschlandbild, das von ländlicher Idylle, Pferden, familiärer Ordnung und scheinbar stabilen sozialen Verhältnissen geprägt ist; „Filmriss auf Immenhof“ nimmt diese Bildwelt ernst genug, um sie anschließend mit schwarzer Komik zu zerlegen. Das ist mehr als ein nostalgischer Marketinggag. Der Roman demonstriert, wie stark audiovisuelle Kindheitserinnerungen unsere Vorstellungen von Orten prägen können, obwohl diese Orte längst andere Funktionen besitzen. Aus dem filmischen Ponyparadies ist ein Luxushotel geworden, aus der Kinderfantasie ein Erwachsenenwochenende und aus der vermeintlichen Idylle ein Tatort. Die Transformation des Ortes entspricht damit Sophias eigener Transformation: Beide müssen sich von einer idealisierten Vergangenheit lösen, um die Gegenwart wahrnehmen zu können.

Das Vergnügen der kontrollierten Desorientierung

Dass der Roman in vier größere Teile und zahlreiche vergleichsweise kurze Kapitel gegliedert ist, unterstützt diesen Effekt durch eine hohe narrative Beweglichkeit. Die Struktur erlaubt es Dusse, Informationen sukzessive zu verschieben, Verdachtsmomente umzucodieren und Sophias Wahrnehmung immer wieder gegen neue Indizien zu stellen. Die Leser:innen werden damit nicht lediglich über eine Handlung informiert, sondern in eine epistemische Versuchsanordnung versetzt: Was wissen wir tatsächlich, was vermuten wir nur, und welche Annahme haben wir aus Bequemlichkeit bereits zur Wahrheit erklärt? Genau darin liegt die literarische Qualität des Romans. „Filmriss auf Immenhof“ ist kein naturwissenschaftlicher Fachroman und will es auch nicht sein; seine Stärke besteht vielmehr darin, wissenschaftliche Denkformen – Hypothesenbildung, Evidenzprüfung, Unsicherheitsbewusstsein und Rekonstruktion – in die Dramaturgie eines humorvollen Kriminalromans zu integrieren.

Zwischen Ponyhof und Pathologie

Karsten Dusse gelingt damit ein unterhaltsamer Genre-Hybrid, der seine groteske Ausgangssituation nicht lediglich für Pointen ausbeutet, sondern mit Fragen nach Gedächtnis, Identität und Wahrnehmung verbindet. Die Verbindung von Immenhof-Nostalgie und forensischer Körperlichkeit könnte leicht zur bloßen Klamotte verkommen; stattdessen entsteht eine eigentümlich stimmige Spannung zwischen heiler Welt und pathologischer Wirklichkeit. Besonders überzeugend ist Sophia, weil sie weder als unfehlbare Ermittlerin noch als hilfloses Opfer konstruiert wird, sondern als ambivalente Figur, deren professionelle Kompetenz und persönliche Verunsicherung einander permanent widersprechen. Wer allerdings eine besonders intensive Auseinandersetzung mit dem Pferdemilieu erwartet, dürfte die literarische Gewichtung anders beurteilen: Dusse interessiert sich letztlich stärker für den psychologischen Tatort als für den tatsächlichen Stall. Gerade diese Schwerpunktsetzung macht „Filmriss auf Immenhof“ jedoch zu einem bemerkenswerten Kriminalroman, denn hinter der makabren Oberfläche verbirgt sich eine kleine Studie darüber, wie Menschen ihre Wirklichkeit rekonstruieren, wenn die zuverlässig geglaubten Archive des eigenen Gedächtnisses plötzlich Lücken aufweisen. Der Roman ist deshalb nicht nur ein vergnüglicher Mordfall, sondern ein ebenso schwarzhumoriges wie erstaunlich präzises Spiel mit der Frage, wie viel Wahrheit ein Mensch überhaupt aus seinen eigenen Erinnerungen gewinnen kann.


FILMRISS AUF IMMENHOF
Trippel. Trappel. Tot.

Karsten Dusse (Autor) | Heyne Verlag | 320 Seiten


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