KUNSTBUCH
| 19.08.2026
Als
STAR WARS noch wild war
Die Geburt eines galaktischen Comic-Mythos
Bevor
„Star Wars“ zum streng verwalteten Weltkonzern-Mythos wurde,
war die Galaxis ein erstaunlich freier Ort. Die erste Marvel-Comicserie
schrieb zwischen 1977 und 1979 eine Fortsetzungsgeschichte, für
die es kaum verbindliche Regeln gab. Paul Duncans monumentaler TASCHEN-Band
macht sichtbar, wie sehr diese frühe Phase von zeichnerischer Kühnheit
und erzählerischer Improvisation lebte. „Star Wars Comics
Library: Vol. 1. 1977–1979“ ist nicht bloß Archiv,
sondern ein faszinierendes Dokument der Popkulturgeschichte.
von
Linda Sjöberg

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TASCHEN VERLAG
Als
niemand wusste, was „Star Wars“ werden
würde
Es ist heute kaum noch vorstellbar,
dass „Star Wars“ einmal ein kulturelles Risiko war. Inzwischen
bezeichnet der Name nicht mehr lediglich eine Filmreihe, sondern ein
globales semiotisches System aus Filmen, Serien, Romanen, Comics, Computerspielen,
Sammelobjekten, Themenparks und zahllosen weiteren Waren- und Erzählformen.
Doch 1976 war von dieser scheinbaren Unausweichlichkeit nichts zu spüren.
George Lucas war ein junger Regisseur mit einer ambitionierten Science-Fiction-Idee,
deren Erfolg keineswegs feststand; selbst Menschen aus seinem engsten
beruflichen Umfeld begegneten dem Projekt mit Skepsis. Gerade diese
historische Unsicherheit macht den von Paul Duncan herausgegebenen Band
„Star Wars Comics Library: Vol. 1. 1977–1979“ so faszinierend:
Er dokumentiert einen Moment, in dem „Star Wars“ noch keine
abgeschlossene Mythologie, sondern ein offenes Versprechen war. Als
Marvel Comics die Adaption zunächst nur zögerlich in Angriff
nahm, ahnte niemand, welche Dynamik daraus entstehen würde. Der
wirtschaftliche Erfolg nach dem Kinostart im Mai 1977 verwandelte das
Experiment binnen kürzester Zeit in eine reguläre Serie; die
ersten Hefte überschritten die Millionengrenze und übertrafen
damit selbst etablierte Marvel-Erfolge deutlich. Was zunächst als
Begleitprodukt zum Film gedacht war, wurde zu einer eigenständigen
kulturellen Infrastruktur: In den Jahren, in denen noch keine neue Kinoepisode
verfügbar war, konnten Leserinnen und Leser ihre Reise durch die
Galaxis auf Papier fortsetzen. Der Comic war damit nicht länger
nur Adaption, sondern Fortsetzung, Ersatzkino und Fanobjekt zugleich.
Das Medium als Fortsetzung
des Films
Genau hier liegt die kulturhistorische
Bedeutung dieser frühen Comics. „Star Wars“ war von
Beginn an als transmediales Projekt gedacht, doch die konkrete Gestalt
dieses Universums war noch keineswegs festgelegt. Lucas hatte erkannt,
dass eine erfolgreiche Saga nicht allein auf der Leinwand existieren
musste; ihre Figuren konnten in andere Medien wandern und dort ein Eigenleben
entwickeln. Heute erscheint diese Strategie selbstverständlich,
weil das moderne Franchise geradezu auf mediale Expansion angewiesen
ist. Die Marvel-Hefte von 1977 bis 1979 zeigen dagegen einen Zeitpunkt,
an dem diese Expansion noch experimentell und erstaunlich unreguliert
war. Die ersten 23 Ausgaben, die der TASCHEN-Band versammelt, stehen
damit an einer Schwelle zwischen klassischer Filmadaption und moderner
Franchise-Kultur. Roy Thomas und Howard Chaykin mussten eine Welt fortschreiben,
deren Regeln erst im Entstehen waren; später kamen Archie Goodwin
und Carmine Infantino hinzu. Ihnen stand kein ausformuliertes Handbuch
einer weit entfernten Galaxis zur Verfügung, das jede Spezies,
jedes Raumschiff und jede biografische Einzelheit bereits festgeschrieben
hätte. Was heute als „Expanded Universe“ oder Kanon
bezeichnet würde, besaß damals noch keine vergleichbare institutionelle
Strenge. Die Comicmacher arbeiteten vielmehr in jenem produktiven Zwischenraum,
in dem Vorstellungskraft die Funktion eines noch nicht existierenden
Regelwerks übernehmen konnte.

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TASCHEN VERLAG
Die
Schönheit des Unkanonischen
Aus
heutiger Perspektive wirken deshalb manche Einfälle beinahe anarchisch.
Luke Skywalker, Han Solo und Leia Organa begegnen Figuren, die später
aus der offiziellen Mythologie verschwinden sollten; fremdartige Welten,
Technologien und Spezies betreten die Bühne, ohne dass ihre langfristige
Bedeutung abgesichert wäre. Besonders emblematisch ist Jaxxon,
ein überdimensionaler grüner Hase, dessen Erscheinungsbild
eher aus der Tradition amerikanischer Funny Animals als aus dem später
etablierten ästhetischen Vokabular von „Star Wars“
zu stammen scheint. Auch der kybernetisch modifizierte Kopfgeldjäger
Beilert Valance verweist auf eine Zeit, in der die Typologie des „Star
Wars“-Bösewichts noch nicht durch Figuren wie Boba Fett kanonisch
verengt war. Gerade diese vermeintlichen Fehlentwicklungen sind heute
von außerordentlichem Wert. Sie machen sichtbar, dass Kanon keine
natürliche Eigenschaft einer Erzählwelt ist, sondern eine
kulturelle Institution. Was später als „richtig“ oder
„falsch“ innerhalb des Universums gilt, entsteht durch Auswahl,
Wiederholung, Autorisierung und Ausschluss. Die frühen Marvel-Comics
dokumentieren diesen Prozess gewissermaßen im Rohzustand. Ihre
Abweichungen sind keine bloßen Kuriositäten, sondern historische
Spuren jener Phase, in der „Star Wars“ noch nicht wusste,
was „Star Wars“ sein sollte. Das macht den Band auch für
eine kulturwissenschaftliche Betrachtung des Franchise interessant:
Er konserviert nicht nur Geschichten, sondern Möglichkeiten, die
das spätere Imperium des Kanons wieder beseitigte.
Vom
Filmereignis zur Modekultur
Dabei
ist „Star Wars“ von Anfang an nicht allein als Filmphänomen
zu verstehen. Seine eigentliche kulturelle Revolution liegt in der Verbindung
von Narration, Bildsprache und Konsum. Die Saga wurde zu einer visuellen
Grammatik, deren Zeichen – Lichtschwerter, Helme, Droiden, Raumschiffe,
Roben, Uniformen und exotische Körper – weit über die
Kinoleinwand hinaus zirkulierten. „Star Wars“ wurde getragen,
gesammelt, ausgestellt, nachgespielt und schließlich als Teil
individueller Identität inszeniert. Aus mode-kulturtheoretischer
Perspektive ist diese Entwicklung besonders aufschlussreich. Mode bezeichnet
schließlich nicht nur Kleidung, sondern Prozesse der Sichtbarkeit,
der Zugehörigkeit und der Differenzierung. Ein T-Shirt mit „Star
Wars“-Motiv, eine Jacke mit einem imperialen Emblem oder ein Kostüm
einer bestimmten Figur funktionieren innerhalb der Popkultur ähnlich
wie andere modische Codes: Sie signalisieren Geschmack, Gruppenzugehörigkeit
und kulturelles Kapital. Der Fan macht aus dem konsumierten Objekt ein
Zeichen seiner selbst. Die frühen Marvel-Comics waren an dieser
Transformation beteiligt, weil sie die ikonografische Welt von „Star
Wars“ aus dem zeitlich begrenzten Kinoraum lösten und in
den Alltag transportierten. Das Heft konnte gekauft, gelesen, getauscht,
gesammelt und immer wieder betrachtet werden. Damit veränderte
sich auch die Beziehung zwischen Publikum und Filmwelt: Der Zuschauer
wurde zum Leser, der Leser zum Sammler und der Sammler schließlich
zum Kurator seiner eigenen „Star Wars“-Identität.

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TASCHEN VERLAG
Ein Comic zwischen Adaption und Emanzipation
Die
künstlerische Leistung der Marvel-Serie besteht deshalb gerade
darin, dass sie sich relativ früh von der bloßen Reproduktion
des Films emanzipierte. Natürlich basierten die ersten Ausgaben
zunächst auf dem Kinofilm; doch schon bald musste die Comicserie
ihre eigene narrative Existenz behaupten. Zwischen zwei Filmen entstand
ein medialer Freiraum, den die Zeichner und Autoren mit eigenen Figuren,
Schauplätzen und Konflikten füllten. Howard Chaykins Zeichnungen
sind aus heutiger Sicht besonders interessant, weil sie „Star
Wars“ nicht wie eine bereits festgelegte Marke behandeln. Seine
Figuren und Maschinen besitzen jene leichte Überzeichnung, Dynamik
und expressive Körperlichkeit, die dem amerikanischen Mainstream-Comic
jener Epoche eigen ist. Die später hinzukommende Arbeit von Infantino
verschiebt die visuelle Gewichtung erneut. Gerade diese stilistischen
Differenzen machen den Band zu mehr als einer Reproduktion historischer
Lizenzware: Er zeigt, wie unterschiedliche Comicästhetiken versuchen,
sich eine fremde Filmwelt anzueignen. Der Begriff der Adaption greift
deshalb nur teilweise. Die Comics übertragen den Film nicht einfach
von einem Medium ins andere; sie erzeugen eine neue Version seiner Welt.
Aus filmischer Bewegung wird gezeichnete Bewegung, aus Montage wird
Panelrhythmus, aus Schauspielerkörpern werden grafische Figuren.
Das Medium verändert notwendig das Objekt, das es übernimmt.
Die
verlorene Freiheit des Franchise
Genau
darin liegt die größte Faszination dieser herausragenden
und faszinierenden Sammlung. Die frühen „Star Wars“-Comics
entstanden zu einem Zeitpunkt, an dem noch niemand mit der heutigen
Präzision definierte, welche Geschichte wohin führen durfte.
Kreative Freiheit war weniger ein bewusst verteidigtes Ideal als eine
Folge des Umstands, dass die spätere Entwicklung des Franchise
schlicht noch nicht existierte. Heute würde eine vergleichbare
Produktion in ein komplexes System aus Markenstrategie, Kontinuitätsmanagement,
Lizenzierung und Kanonverwaltung eingebunden. Das moderne Franchise
ist ein hochgradig kontrolliertes kulturelles Ökosystem. Die frühe
Marvel-Serie erinnert daran, dass diese Kontrolle erst nachträglich
entstanden ist. Gerade deshalb haben ihre Irrtümer etwas Befreiendes.
Jaxxon ist aus heutiger Sicht vielleicht eine bizarre Sackgasse, aber
eben auch ein Zeugnis kreativer Freiheit. Beilert Valance mag nicht
jene ikonografische Unsterblichkeit erreicht haben, die anderen „Star
Wars“-Figuren beschieden war, doch seine Existenz zeigt, dass
die Galaxis einmal groß genug war, um auch Figuren aufzunehmen,
die später nicht mehr gebraucht wurden.

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TASCHEN VERLAG
Das
Buch als Objekt
Duncan und TASCHEN behandeln
dieses historische Material entsprechend nicht wie billige Nostalgieware.
Die aufwendig produzierte XXL-Ausgabe verwandelt die Comics selbst in
ein Ausstellungsobjekt. Die ersten 23 Hefte wurden digital restauriert,
wobei technische Alterungs- und Produktionsspuren korrigiert werden,
ohne die historische Materialität vollständig zu nivellieren.
Gerade dieser Balanceakt ist entscheidend: Restaurierung kann historische
Bilder leicht so makellos machen, dass ihnen ihre Zeitlichkeit abhandenkommt.
Hier bleibt die Vergangenheit sichtbar. Das großformatige Buch
ermöglicht zudem eine andere Wahrnehmung der Zeichnungen. Comicseiten,
die einst für den schnellen Verkauf am Kiosk produziert wurden,
erhalten plötzlich beinahe museale Präsenz. Panels werden
nicht mehr nur gelesen, sondern betrachtet; Linienführung, Druckqualität,
Kolorierung und Seitenkomposition treten deutlicher hervor. Das vermeintliche
Wegwerfmedium wird zum Kulturobjekt. Darin steckt eine hübsche
Ironie der Popgeschichte: Ein Comic, der einst Teil einer kommerziellen
Massenkultur war, wird Jahrzehnte später in ein luxuriöses
Sammlerbuch überführt. Aus Ephemera wird Artefakt, aus Gebrauchswert
kultureller Erinnerungswert.

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TASCHEN VERLAG
Warum
diese alten Comics heute wieder relevant sind
„Star Wars Comics Library: Vol.
1. 1977–1979“ ist deshalb weit mehr als ein nostalgisches
Geschenk für Fans. Der Band erzählt von einem entscheidenden
Moment der Mediengeschichte, in dem Kino, Comic, Merchandising und Fan-Kultur
begannen, sich zu einem neuen Modell populärer Erzählökonomie
zu verbinden. Vor allem aber zeigt er, dass kulturelle Mythen nicht
fertig vom Himmel fallen. Sie werden hergestellt, erweitert, verändert
und später wieder bereinigt. Das „Star Wars“-Universum,
das wir heute kennen, ist das Ergebnis unzähliger Entscheidungen
darüber, welche Figuren, Geschichten und Ästhetiken fortbestehen
dürfen und welche aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden.
Die frühen Marvel-Comics machen diesen Selektionsprozess sichtbar,
gerade weil sie noch nicht vollständig von ihm erfasst waren. So
betrachtet besitzt der Band beinahe archäologischen Charakter.
Er gräbt eine Zeit aus, in der „Star Wars“ noch nicht
das hermetisch überwachte Imperium der Gegenwart war, sondern eine
offene Galaxis, in der ein grüner Riesenhase ebenso selbstverständlich
auftauchen konnte wie ein neuer Kopfgeldjäger oder ein Planet,
dessen Name später niemand mehr kennen würde. Und vielleicht
ist genau diese Offenheit das Kostbarste an diesem prächtigen Buch.
Es erinnert daran, dass Popkultur dann besonders lebendig ist, wenn
ihre Regeln noch nicht feststehen. „Star Wars Comics Library:
Vol. 1. 1977–1979“ bewahrt deshalb nicht bloß die
frühen Abenteuer von Luke, Leia, Han und Darth Vader, sondern den
historischen Augenblick, in dem aus einem einzelnen Science-Fiction-Film
eine Welt wurde – und in dem noch niemand wusste, wie groß
diese Welt einmal werden würde.
STAR
WARS COMICS LIBRARY:
Vol. 1. 1977-1979
Paul
Duncan (Herausgeber)
Englisch Ausgabe | Taschen Verlag | € 175
Hardcover, 28 x 39.5 cm, 5.58 kg, 680 Seiten
Weiterführende
Informationen unter taschen.com
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