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KUNSTBUCH | 23.09.2026

Das Museum der erzählten Welt
Das Lucas Museum of Narrative Art und die neue Kulturgeschichte des Bildes

Das Lucas Museum of Narrative Art macht aus dem Erzählen mit Bildern ein eigenes museales Prinzip. Von der Höhlenmalerei bis zur digitalen Kunst verbindet es Epochen, Medien und Kulturen zu einer Geschichte menschlicher Imagination. Seine Entstehung aus der Sammlung von George Lucas steht zugleich für den Aufstieg der Populärkultur zu einem ernsthaften Gegenstand kunsthistorischer Betrachtung. In Los Angeles entsteht damit ein Museum, das nicht nur Kunst bewahrt, sondern die Frage neu stellt, wie Bilder Gesellschaften prägen, Erinnerungen formen und Wirklichkeit erzählen.

von Kathy Schmidt


Das Lucas Museum of Narrative Art versteht Kunst nicht als Abfolge isolierter Meisterwerke, sondern als visuelles System, in dem Menschen seit Jahrtausenden ihre Welt erklären, Mythen erzeugen und Gemeinschaft stiften. In Los Angeles entsteht damit eine Institution, die Höhlenmalerei, Illustration, Comics, Film, Fantasy und digitale Bildwelten innerhalb einer gemeinsamen Kulturgeschichte versammelt. Seine Entstehung aus der Sammlung von George Lucas und Mellody Hobson verbindet Mäzenatentum, Populärkultur und museale Innovation mit einer grundsätzlichen Neubewertung dessen, was als kunsthistorisch relevant gilt. Auch die monumentale TASCHEN-Publikation über das Museum wird damit zum Dokument eines kulturhistorischen Paradigmenwechsels: Das erzählende Bild tritt aus der Peripherie der Kunstgeschichte in deren Zentrum.

Ein Museum für die Macht der Erzählung

Mit der Eröffnung des Lucas Museum of Narrative Art am 22. September 2026 erhält Los Angeles eine Institution, deren kunsttheoretisches Programm bereits in ihrem Namen angelegt ist: Nicht ein bestimmtes Medium, eine Epoche oder nationale Kunsttradition bildet den Ausgangspunkt, sondern die narrative Funktion des Bildes. Das von George Lucas und Mellody Hobson gegründete Museum untersucht visuelle Erzählformen über Jahrtausende hinweg und verbindet dabei prähistorische Höhlenmalerei mit Illustration, Comics, Wandmalerei, Fotografie und Film. Damit verschiebt sich die museologische Perspektive von der traditionellen Werkautonomie hin zu einer kulturwissenschaftlichen Betrachtung von Bildern als Bedeutungsträgern, sozialen Kommunikationsmedien und Instrumenten kollektiver Imagination. Die Institution versteht visuelles Erzählen folglich nicht als marginale Unterkategorie der Kunst, sondern als anthropologische Konstante: Menschen erzeugen Bilder, um Erfahrungen zu ordnen, Vorstellungen von Gut und Böse zu formulieren, politische und religiöse Werte weiterzugeben und soziale Zugehörigkeit zu definieren. Diese Grundannahme bildet das intellektuelle Fundament eines Museums, das sich bewusst zwischen Hochkultur und populärer Bildproduktion bewegt.

Von George Lucas’ Sammlung zur öffentlichen Institution

Die Entstehungsgeschichte des Museums ist eng mit George Lucas’ jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit visueller Gestaltung, Illustration, Film und Worldbuilding verbunden, wobei sich aus einer zunächst persönlichen Sammlung schrittweise ein institutionelles Projekt entwickelte. Lucas und Mellody Hobson gründeten das Museum mit dem Anspruch, eine Sammlung aufzubauen, in der narrative Bildformen unabhängig von ihrer traditionellen kunsthistorischen Hierarchie untersucht werden können. Heute umfasst die Sammlung mehr als 40.000 Werke; die Eröffnungsausstellungen präsentieren über 1.200 Objekte in mehr als 30 Galerien und ordnen diese nicht ausschließlich chronologisch, sondern vielfach nach universalen menschlichen Themen wie Familie, Liebe, Arbeit, Gemeinschaft, Kindheit, Abenteuer und Spiel. Gerade diese thematische Ordnung ist kulturtheoretisch bedeutsam, weil sie Kunstgeschichte nicht primär als lineare Abfolge stilistischer Entwicklungen erzählt, sondern als Geschichte wiederkehrender menschlicher Motive und sozialer Bedürfnisse. Das Museum entsteht damit aus einem privaten Sammlungsinteresse, überschreitet aber dessen ursprünglichen Rahmen: Aus der persönlichen Faszination eines Filmemachers für Bilder und Geschichten wird eine öffentlich zugängliche Institution, die den Anspruch erhebt, die gesellschaftliche Bedeutung visueller Narration neu zu bestimmen.

Der lange Weg nach Los Angeles

Die Realisierung dieses Projekts war selbst ein kulturpolitischer Prozess, der schließlich in Los Angeles seine architektonische und institutionelle Form fand. Das Museum wurde in Exposition Park errichtet, einem seit dem 19. Jahrhundert als öffentlicher Bildungs-, Ausstellungs- und Erholungsraum entwickelten Areal, das heute mit Institutionen wie dem Natural History Museum of Los Angeles County, dem California African American Museum und dem California Science Center einen außergewöhnlich dichten kulturellen Kontext besitzt. Das Lucas Museum tritt daher nicht als isoliertes auf, sondern wird Bestandteil einer bereits etablierten öffentlichen Museumslandschaft. Seine Positionierung in South Los Angeles besitzt dabei eine zusätzliche gesellschaftliche Dimension: Die Institution soll nicht allein ein internationales Kunstpublikum anziehen, sondern durch Parkanlagen, Bildungsangebote, Bibliothek und öffentliche Programme in den urbanen Alltag eingebunden werden. Die Transformation eines früheren Parkplatzareals in einen 13 Acres umfassenden Campus mit neuen Grünflächen und mehr als 200 Bäumen macht aus einem Museumsbau zugleich ein städtebauliches Projekt.

Architektur als erste Erzählung

Dass das Museum von Ma Yansong und MAD mit Stantec entworfen wurde, ist deshalb mehr als eine prestigeträchtige architektonische Entscheidung. Das Gebäude selbst fungiert als narrative Präambel der Sammlung: Seine organische, skulpturale Form löst die klassische Vorstellung eines Museums als rechteckigem Behälter für Kunst auf und stellt stattdessen Bewegung, Übergang und räumliche Dramaturgie in den Mittelpunkt. Die fünfgeschossige, rund 300.000 Quadratfuß umfassende Konstruktion umfasst etwa 100.000 Quadratfuß Ausstellungsfläche und ist von einer Landschaftsgestaltung umgeben, die das Gebäude nicht als Fremdkörper, sondern als Bestandteil eines öffentlichen Landschaftsraums konzipiert. Damit wird eine für das Museum zentrale These bereits baulich umgesetzt: Narration entsteht nicht allein durch einzelne Bilder, sondern durch die Sequenz von Wahrnehmungen, Perspektiven und Übergängen. Der Besucher bewegt sich durch eine räumliche Dramaturgie, in der Architektur, Landschaft, Exponat und Bewegung miteinander interagieren. Das Museum wird somit selbst zu einem Medium des Erzählens.

Die Aufhebung der kunsthistorischen Hierarchie

Die kulturhistorisch vielleicht wichtigste Leistung des Lucas Museum liegt in der bewussten Relativierung jener Hierarchien, die die klassische Kunstgeschichte lange geprägt haben. Malerei und Skulptur besaßen traditionell einen höheren institutionellen Status als Illustration, Comics, Gebrauchsgrafik oder Filmrequisiten, obwohl gerade diese vermeintlich populären Bildformen enorme gesellschaftliche Wirkung entfalten. Das Lucas Museum setzt dieser Hierarchie ein erweitertes Kunstverständnis entgegen, in dem ein Comic ebenso als Träger komplexer kultureller Vorstellungen untersucht werden kann wie ein Gemälde und ein Filmkostüm ebenso Teil einer Bildgeschichte sein kann wie eine historische Skulptur. Die Sammlung reicht deshalb von religiös und mythologisch geprägten Bildwelten über Renaissancekunst bis zur amerikanischen Illustration, Fantasy Art, Comicgeschichte und Filmproduktion. Das ist nicht bloß eine Öffnung gegenüber der Populärkultur, sondern eine epistemologische Verschiebung: Entscheidend ist nicht länger allein die institutionelle Herkunft eines Bildes, sondern seine Fähigkeit, Geschichten, Werte, Emotionen und Weltmodelle zu transportieren.

Zwischen Thomas Hart Benton und Frank Frazetta

Die Auswahl der Künstler macht diese programmatische Breite besonders anschaulich. Thomas Hart Benton steht für eine amerikanische Bildsprache, in der Arbeit, Landschaft und gesellschaftliche Erfahrung zu einer nationalen Erzählung verdichtet werden, während Jessie Willcox Smith die visuelle Kultur der Kinderliteratur repräsentiert; Frank Frazetta wiederum steht für die Entwicklung der modernen Fantasy Illustration, Maxfield Parrish für eine hochgradig stilisierte, romantisch-klassizistische Imagination und Norman Rockwell für jene amerikanische Alltagsikonografie, in der soziale Normalität, Gemeinschaft und nationale Selbstbeschreibung miteinander verschmelzen. Hinzu kommen Künstler wie Frida Kahlo, Charles White und weitere Positionen, die das Spektrum von Identität, Körper, gesellschaftlicher Zugehörigkeit und kultureller Erinnerung erweitern. Gerade diese Zusammenstellung macht deutlich, dass das Museum keine Rangordnung zwischen „ernster“ Kunst und populärer visueller Kultur aufstellen will, sondern nach den unterschiedlichen Formen fragt, in denen Bilder gesellschaftliche Wirklichkeit modellieren.

George Lucas und das Problem der Populärkultur

Dass ausgerechnet George Lucas eine solche Institution gegründet hat, verleiht dem Projekt eine besondere kulturgeschichtliche Spannung. Lucas gehört zu denjenigen Filmschöpfern, die gezeigt haben, dass populäres Kino nicht nur Unterhaltung produziert, sondern komplexe visuelle Mythologien, Figurenwelten und kulturelle Archetypen hervorbringen kann. „Star Wars“ bildet deshalb einen wichtigen Bestandteil der Sammlung: Konzeptzeichnungen, Produktionsmalereien, Fahrzeuge, Kostüme und Requisiten dokumentieren nicht lediglich die Herstellung erfolgreicher Filme, sondern machen sichtbar, wie eine fiktionale Welt durch die Zusammenarbeit von Illustration, Design, Modellbau, Kostüm, Architektur, Spezialeffekt und filmischer Montage entsteht. Das Museum behandelt diese Materialien damit als Zeugnisse eines industriellen und künstlerischen Produktionsprozesses, der in der traditionellen Kunstgeschichte häufig hinter dem fertigen Film verschwindet. Gerade die Sichtbarmachung dieses Entstehungsprozesses ist wissenschaftlich interessant, weil sie den Begriff des Kunstwerks von seiner materiellen Endgestalt auf die gesamte Infrastruktur visueller Imagination erweitert.

Das Bild als gesellschaftliche Technologie

In dieser Perspektive erhält narrative Kunst eine politische Dimension, ohne auf parteipolitische Aussagen reduziert werden zu müssen. Bilder können Gemeinschaften konstituieren, religiöse Überzeugungen stabilisieren, historische Erinnerung formen und gesellschaftliche Werte normalisieren; sie können ebenso Gegenbilder erzeugen, marginalisierte Erfahrungen sichtbar machen oder etablierte kulturelle Vorstellungen irritieren. Die Eröffnungsausstellung „The History of Narrative Art: Heroes • Myths • The Sacred“ setzt genau hier an und zeigt visuelle Erzählung als Instrument, mit dem religiöse und politische Institutionen über lange Zeiträume hinweg Vorstellungen von Macht, Ordnung und Gemeinschaft vermittelt haben. Das Museum betrachtet Bildproduktion damit implizit als eine Form gesellschaftlicher Infrastruktur: Wer Bilder produziert, verfügt über Möglichkeiten der Bedeutungsgebung, und wer Zugang zu Bildern erhält, kann an kollektiven Vorstellungen von Geschichte und Identität teilhaben. Narrative Art ist folglich nicht nur ästhetischer Ausdruck, sondern auch eine Technologie kultureller Selbstverständigung.

Guillermo del Toro und die transnationale Imagination

Die Beteiligung von Guillermo del Toro erweitert diese Perspektive um eine besonders interessante transnationale Dimension. Seine Beschäftigung mit fantastischer Literatur, Horror, Comics und mexikanischer visueller Kultur verweist auf Bildwelten, die sich nicht ohne Weiteres in die Kategorien einer US-amerikanischen Mainstream-Kultur einordnen lassen. Gerade dadurch wird deutlich, dass visuelle Narration kulturelle Grenzen überschreitet und zugleich lokale Traditionen bewahrt. Die Verbindung von Lucas’ amerikanischer Science-Fiction-Ikonografie mit mexikanischen Horror-Comics und anderen internationalen Bildtraditionen macht das Museum zu einem Ort kultureller Hybridisierung. Seine Sammlung erzählt daher nicht ausschließlich eine amerikanische Kunstgeschichte, sondern eine Geschichte der globalen Zirkulation von Motiven, Stilen und Erzählformen.

TASCHEN als museales Gedächtnis

Die von TASCHEN herausgegebene zweibändige Publikation über das Museum erfüllt vor diesem Hintergrund eine Funktion, die über die eines Ausstellungskatalogs hinausgeht. Sie dokumentiert die institutionelle Idee, die architektonische Form und die visuelle Reichweite einer Sammlung, deren eigentliche Ordnung nicht in einem einzigen Medium aufgeht. Mit Texten von Ryan Linkof, George Lucas und Guillermo del Toro sowie der redaktionellen Arbeit von Jessica Hundley entsteht ein Kompendium, das die visuelle Materialität der Sammlung ebenso ernst nimmt wie ihre kulturhistorischen Zusammenhänge. Die großzügige Buchform entspricht dabei dem musealen Anspruch: Wo das Museum selbst versucht, unterschiedliche Medien und Jahrhunderte in einen gemeinsamen narrativen Zusammenhang zu stellen, erzeugt die Monografie eine zweite, buchförmige Institution, in der diese Bilder unabhängig vom physischen Museumsbesuch weiterwirken können.

Ein Museum als Theorie des Menschen

Die eigentliche Bedeutung des Lucas Museum of Narrative Art liegt deshalb weniger in seiner spektakulären Architektur oder in der Prominenz seines Gründers als in der kulturtheoretischen These, die seiner gesamten Konzeption zugrunde liegt: Menschen verstehen ihre Welt wesentlich über Geschichten, und Geschichten werden seit den frühesten Zivilisationen in Bildern materialisiert. Von der Höhlenmalerei über religiöse Ikonografie und historische Malerei bis zur Illustration, zum Comic und zum digitalen Bild verändert sich das Medium, nicht aber das grundlegende menschliche Bedürfnis nach narrativer Ordnung. Das Museum macht aus dieser anthropologischen Konstante ein institutionelles Programm und verbindet dabei Kunstgeschichte, Mediengeschichte, Populärkultur und visuelle Anthropologie. Seine Entstehung aus der privaten Initiative zweier Gründer, seine Ansiedlung in einem öffentlichen Kulturpark, seine außergewöhnliche Architektur und seine Sammlung, die bewusst zwischen kanonischer Kunst und populärer Bildproduktion vermittelt, machen es zu einem bemerkenswerten Beispiel dafür, wie sich das Museum des 21. Jahrhunderts neu definieren kann. Das Lucas Museum will nicht lediglich Bilder bewahren, sondern zeigen, warum Menschen Bilder brauchen – und genau darin liegt seine vielleicht nachhaltigste historische und kulturelle Bedeutung.


 

LUCAS MUSEUM OF NARRATIVE ART

Taschen Verlag | 832 Seiten | € 175
Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24.3 x 30.4 cm, 6.13 kg

Weiterführende Informationen unter taschen.com


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