KUNSTBUCH
| 30.09.2026
Die
Vermessung des Unsichtbaren
Thomas Laird und die Wandmalereien Tibets
Tibets
buddhistische Wandmalereien werden in „Murals of Tibet, Baby SUMO“
zu einem überwältigenden Panorama sakraler Bildwelten. Mit
fotografischer Präzision erschließt der Band jahrhundertealte
Kunstwerke, deren Details bislang kaum in dieser visuellen Dichte zugänglich
waren. Das monumentale TASCHEN-Buch verbindet digitale Bildtechnologie,
kunsthistorische Forschung und die Materialität eines außergewöhnlichen
Buchobjekts. So wird aus einem Fotoband ein visuelles Archiv und zugleich
eine Einladung, Kultur nicht nur zu betrachten, sondern sich ihrem Denken
und ihrer Spiritualität anzunähern.
von
Kathy Schmidt

©
TASCHEN VERLAG
Das
Buch als Schwellenraum
Es
gibt Kunstwerke, deren Bedeutung sich nicht vollständig von ihrem
ursprünglichen Ort lösen lässt, weil ihre Materialität,
ihre räumliche Einbindung und ihre rituelle Funktion untrennbar
mit ihrer Wahrnehmung verbunden sind; die tibetischen Wandmalereien,
denen Thomas Laird sein monumentales Projekt widmet, gehören in
besonderer Weise zu dieser Kategorie, denn sie sind nicht als autonome
Bilder konzipiert, sondern als Bestandteile sakraler Räume, deren
visuelle Ordnung religiöse Vorstellungen, kosmologische Modelle,
Erzählungen, Figurenhierarchien und meditative Praktiken miteinander
verbindet. „Murals of Tibet, Baby SUMO“ steht deshalb von
Beginn an vor einem kunsttheoretisch produktiven Paradox: Das Buch muss
Bilder aus ihrem architektonischen und kultischen Zusammenhang herauslösen,
um sie überhaupt einem globalen Publikum zugänglich zu machen,
und versucht gleichzeitig, durch seine außergewöhnliche Dimension,
seine fotografische Präzision und seine materielle Opulenz einen
Teil jener räumlichen Intensität zurückzugewinnen, die
der Reproduktion notwendig verloren geht. Genau in diesem Spannungsfeld
liegt die besondere Qualität des Bandes. Er ist nicht einfach ein
Behälter für Fotografien, sondern selbst ein Schwellenraum
zwischen Original und Reproduktion, Sakralraum und Ausstellungsraum,
historischer Überlieferung und zeitgenössischer Medientechnologie.
Fotografie
als kulturelle Archäologie
Lairds
Unternehmen besitzt dabei eine Dimension, die weit über konventionelle
Kunstfotografie hinausweist. Über mehr als zehn Jahre hinweg hat
er die Hochlandregionen Tibets bereist und Wandmalereien dokumentiert,
die häufig unter extremen geografischen Bedingungen verborgen liegen
und in ihrer ursprünglichen räumlichen Situation nur schwer
zugänglich sind. Die fotografische Arbeit wird damit zu einer Form
visueller Archäologie: Nicht im Sinne einer Ausgrabung verschütteter
Artefakte, sondern als methodische Freilegung von Bedeutungsschichten,
die durch Entfernung, Zeit, räumliche Isolation und eingeschränkte
Zugänglichkeit dem unmittelbaren Blick entzogen sind. Besonders
relevant ist dabei die von Laird entwickelte digitale Mehrbildfotografie,
mit der die großformatigen Wandflächen in einer bislang ungewöhnlichen
Detailtreue erfasst werden konnten. Fotografie fungiert hier nicht primär
als Abbild, sondern als analytisches Instrument. Sie zerlegt das Monumentale
in visuell erfassbare Einheiten, ohne die Ganzheit des jeweiligen Werkes
preiszugeben. Gerade diese doppelte Perspektive – Totalansicht
und Detail – verändert die Rezeption grundlegend: Der Blick
kann zunächst die kompositorische Architektur eines Wandbildes
erfassen und anschließend in kleinste ikonografische Strukturen
eindringen. Was im ursprünglichen Raum vielleicht aus einer bestimmten
Distanz oder unter spezifischen Lichtbedingungen wahrgenommen wird,
wird im Buch zu einer nahezu mikroskopischen visuellen Erfahrung.
Das
Mandala des Blicks
Diese
fotografische Strategie besitzt eine bemerkenswerte kunsttheoretische
Konsequenz, denn sie verwandelt die Betrachtung selbst in einen Prozess
der Annäherung. Die tibetischen Wandmalereien entfalten ihre Wirkung
nicht allein durch einzelne Figuren oder dekorative Elemente, sondern
durch komplexe Bildsysteme, in denen Mandalas, Gottheiten, religiöse
Szenen, Porträts, mythische Wesen und Vorstellungen paradiesischer
Sphären zu einer kosmologischen Ordnung verbunden werden. Das Auge
begegnet hier keiner Bildfläche, die sich in einem einzigen Wahrnehmungsakt
erschöpfen ließe, sondern einem System von Relationen. Lairds
Fotografien reagieren darauf mit einer Form visueller Sequenzierung:
Das vollständige Wandbild etabliert die makrostrukturelle Ordnung,
die Ausschnitte erlauben anschließend eine mikrologische Lektüre.
Dadurch wird der Betrachter gewissermaßen zwischen Distanz und
Nähe oszillieren gelassen. Das Buch selbst entwickelt eine Art
Choreografie des Blicks. Man betrachtet nicht einfach ein Bild, sondern
bewegt sich durch ein Gefüge aus Bildräumen, Details und Wiederholungen,
wobei jede Vergrößerung zugleich neue Fragen nach Hierarchie,
Symbolik und Bedeutung eröffnet. In dieser Hinsicht besitzt „Murals
of Tibet“ eine beinahe meditative Rezeptionslogik: Die visuelle
Überfülle verlangt keine schnelle Identifikation, sondern
Konzentration.

©
Thomas Laird, 2018 / TASCHEN, Murals of Tibet
Ikonografie als Weltmodell
Die enorme Vielfalt der dargestellten
Motive macht die Wandmalereien zugleich zu einem visuellen Archiv buddhistischer
Kosmologie. Mandalas, religiöse Alltagsszenen, Darstellungen spiritueller
Lehrer, fantastische Wesen und komplexe Götterordnungen erscheinen
nicht als voneinander isolierte Themen, sondern als Elemente eines umfassenden
Weltmodells. Kunst wird hier nicht primär als individuelle Ausdrucksleistung
verstanden, wie es die westliche Moderne mit ihrem starken Begriff der
Künstlerpersönlichkeit etabliert hat, sondern als Träger
und Vermittler eines kulturellen und religiösen Wissenssystems.
Gerade deshalb ist es sinnvoll, die Wandmalereien nicht ausschließlich
unter ästhetischen Kategorien zu betrachten. Ihre Bedeutung liegt
ebenso in ihrer Funktion als visuelle Erkenntnisform. Das Bild repräsentiert
nicht lediglich eine religiöse Vorstellung; es strukturiert einen
geistigen Raum, in dem Betrachtung, Erinnerung, Orientierung und Kontemplation
miteinander verbunden sind. „Murals of Tibet“ macht diese
Dimension sichtbar, ohne sie vollständig auflösen zu können.
Die fotografische Reproduktion ermöglicht den Zugang zur Bildwelt,
aber gerade ihre Präzision erinnert daran, dass ikonografische
Lesbarkeit nicht mit spiritueller Erfahrung identisch ist.
Zwischen Dokument und
Aura
Walter Benjamins berühmte
Überlegungen zur Aura des Kunstwerks erhalten angesichts dieses
Projekts eine eigentümliche Aktualität, auch wenn die tibetischen
Wandmalereien nicht ohne Weiteres in die Kategorien europäischer
Kunsttheorie überführt werden können. Die fotografische
Reproduktion verändert zwangsläufig den Status des Bildes:
Aus einer Wandmalerei in einem konkreten sakralen Raum wird eine fotografische
Oberfläche innerhalb eines Buches, die jederzeit betrachtet, vergrößert
und erneut aufgeschlagen werden kann. Gleichzeitig versucht TASCHEN,
diesen Verlust an räumlicher Unmittelbarkeit durch die Materialität
des Buches selbst zu kompensieren. Das außergewöhnliche Format,
die sechs Ausklappseiten und der Fünffarbendruck einschließlich
Gold machen den Band zu einem Objekt, das seine eigene Reproduktionsleistung
sinnlich ausstellt. Das Buch will nicht unsichtbar bleiben. Es demonstriert
seine Materialität gerade deshalb, weil es die Materialität
der Originale vermitteln möchte. Daraus entsteht ein faszinierender
medientheoretischer Kreislauf: Die fotografische Technologie ermöglicht
die Bewahrung einer Kunst, deren ursprüngliche Präsenz räumlich
gebunden ist, und die Buchgestaltung versucht anschließend, aus
dieser technisch erzeugten Reproduktion wieder eine körperlich
erfahrbare Präsenz entstehen zu lassen.

©
TASCHEN VERLAG
Das
Gold und die Materialität des Sakralen
Besonders
aussagekräftig ist in diesem Zusammenhang die Verwendung von Gold
im Druck. Gold ist in der Kunstgeschichte niemals ausschließlich
eine Farbe gewesen; seine materielle und symbolische Qualität macht
es zu einem Medium der Wertzuschreibung, der Transzendenz und der sakralen
Inszenierung. Wenn der TASCHEN-Band Gold nicht lediglich abbildet, sondern
drucktechnisch als eigene Farbe einsetzt, wird die Grenze zwischen Reproduktion
und materieller Evokation bewusst verschoben. Das Buch versucht nicht,
die Originale illusionistisch zu ersetzen, sondern entwickelt eine eigene
Materialästhetik, die mit der sakralen Wertigkeit der dargestellten
Bildwelt korrespondiert. Der Band wird dadurch selbst zum Kunstobjekt.
Seine Opulenz ist nicht bloß Luxus, sondern Teil seiner Argumentation:
Die dargestellten Wandmalereien sollen nicht als exotische Kuriositäten
oder entfernte kulturhistorische Dokumente erscheinen, sondern als Werke
von erheblicher ästhetischer und geistiger Bedeutung. Die bibliophile
Materialität wird damit zu einer Form kultureller Wertbehauptung.
Das
Archiv als Gedächtnis
Von
besonderer Bedeutung ist zugleich der Archivcharakter des Projekts.
Lairds fotografische Arbeit schafft einen Bestand, der nicht nur der
Betrachtung dient, sondern Wissen über eine spezifische visuelle
Tradition konserviert. Gerade bei Kunstwerken, deren Zugänglichkeit
räumlich eingeschränkt ist und deren Erhaltung durch Alter,
Umweltbedingungen und historische Veränderungen gefährdet
sein kann, besitzt eine hochauflösende fotografische Dokumentation
eine kulturhistorische Funktion. Das Archiv macht aus dem einzelnen
Wandbild einen Bestandteil eines größeren Gedächtnisses.
Dabei ist bemerkenswert, dass das Buch nicht versucht, diese Werke ausschließlich
in einer linearen kunsthistorischen Erzählung aufzulösen.
Die 528 g Seiten des wissenschaftlichen Begleitbandes und die ausführlichen
Bildlegenden schaffen vielmehr eine Vermittlungsstruktur, in der Bildbetrachtung
und Kontextualisierung miteinander verbunden werden. Robert Thurmans
Erläuterungen zur künstlerischen und spirituellen Bedeutung
sowie die Beiträge von Heather Stoddard und Jakob Winkler zur historischen
Einordnung und zu stilistischen Besonderheiten erweitern die fotografische
Erfahrung um eine wissenschaftliche Dimension. Das Buch wird dadurch
zugleich Bildspeicher und Wissensspeicher.
Das
Problem der kulturellen Übersetzung
Gerade
diese Verbindung macht den Band kulturtheoretisch interessant, weil
jede Präsentation tibetischer Kunst außerhalb ihres ursprünglichen
Kontexts zwangsläufig eine Form der Übersetzung darstellt.
Ein europäisches oder globales Publikum begegnet den Bildern nicht
unter denselben Bedingungen wie jene Menschen, für die die Wandmalereien
in religiösen Räumen Teil einer gewachsenen kulturellen Praxis
sind. Der Bildband kann diese Differenz nicht aufheben; seine Stärke
besteht vielmehr darin, sie produktiv zu machen. Er schafft eine neue
Form des Zugangs, ohne behaupten zu müssen, die ursprüngliche
Erfahrung vollständig ersetzen zu können. Darin liegt auch
die wissenschaftliche Bedeutung der begleitenden Texte: Sie verhindern
zumindest teilweise, dass die enorme visuelle Schönheit der Werke
in einer rein ästhetisierenden Betrachtung aufgeht. Die Bilder
werden als Träger von Geschichte, Religion, Ikonografie und kultureller
Identität lesbar. Gerade bei einer Kunst, die im westlichen Kunstbetrieb
häufig über ihre Fremdheit oder Exotik wahrgenommen werden
könnte, ist diese Kontextualisierung entscheidend. „Murals
of Tibet“ lädt nicht nur zum Staunen ein, sondern stellt
dem Staunen Wissen zur Seite.

©
Thomas Laird, 2018 / TASCHEN, Murals of Tibet
Das
monumentale Buch als Gegenmodell zur digitalen
Flüchtigkeit
In
einer Kultur, in der Bilder zunehmend auf kleinen Displays erscheinen
und durch algorithmische Aufmerksamkeitsökonomien in Sekundenbruchteilen
konsumiert werden, besitzt ein Buch wie „Thomas Laird. Murals
of Tibet“ fast zwangsläufig eine medienkritische Dimension.
Sein Format verweigert die Logik der mobilen Bildrezeption. Die Wandmalerei
wird nicht verkleinert, um handhabbar zu werden; vielmehr wird das Buch
selbst so groß, dass der Körper des Betrachters in ein anderes
Verhältnis zur fotografierten Bildfläche tritt. Die sechs
Ausklappseiten radikalisieren diesen Ansatz, indem sie die Buchseite
temporär in eine monumentale Bildfläche verwandeln. Das Umblättern
wird damit zu einer körperlichen Handlung, und die Lektüre
erhält eine performative Qualität. Das Buch fordert Zeit,
Aufmerksamkeit und räumliche Präsenz. Gerade darin liegt seine
vielleicht überraschendste Aktualität: Indem es historische
Kunst mit modernster fotografischer Technologie dokumentiert, opponiert
es zugleich gegen die Beschleunigung des Sehens.
Ein
Buch zwischen Museum und Kontemplation
„Murals
of Tibet“ lässt sich deshalb auch als eine Art mobiles Museum
begreifen, allerdings als eines, das die institutionelle Distanz des
Museums teilweise durch die Intimität des privaten Betrachtens
ersetzt. Der Leser beziehungsweise Betrachter kann die Bilder außerhalb
ihres ursprünglichen Ortes studieren, zurückblättern,
Details wiederholt betrachten und die wissenschaftlichen Erläuterungen
konsultieren. Zugleich bleibt die Erfahrung von einer eigentümlichen
Spannung geprägt: Das Buch ist vollständig verfügbar
und doch niemals vollständig erschöpfbar. Gerade die hohe
Detaildichte verhindert eine schnelle Totalisierung. Je genauer man
schaut, desto größer scheint der visuelle Kosmos zu werden.
In diesem Sinne korrespondiert die materielle Großzügigkeit
des Bandes mit einer epistemischen Großzügigkeit: Er gibt
nicht einfach Antworten, sondern eröffnet einen Raum für fortgesetzte
Betrachtung. Die im Zusammenhang mit den Wandmalereien betonte Funktion
als Orientierung für buddhistische Praxis, Meditation und Achtsamkeit
erweitert diesen Gedanken noch einmal. Das Bild wird nicht auf Dekoration
reduziert, sondern als Medium der inneren Konzentration verstanden.

©
TASCHEN VERLAG
Das
Denkmal und die Verantwortung des Sehens
Die Edition besitzt darüber
hinaus eine deutliche erinnerungskulturelle Dimension. Dass der Dalai
Lama die Exemplare der Collector’s Edition signiert hat, unterstreicht
den Anspruch, den Band nicht lediglich als luxuriöses Verlagsprodukt,
sondern als Beitrag zur Bewahrung tibetischer Kultur zu positionieren.
Die Signatur besitzt dabei nicht nur den Charakter einer Sammlerattraktion,
sondern fungiert symbolisch als Verbindung zwischen kultureller Autorität,
zeitgenössischer Dokumentation und dem Gedanken des Bewahrens.
Gleichwohl liegt die eigentliche Bedeutung des Projekts weniger in der
Exklusivität seiner Editionen als in der Möglichkeit, eine
schwer zugängliche Kunstform in einer außergewöhnlichen
Qualität sichtbar zu machen. Das Buch versteht kulturelles Gedächtnis
als aktive Praxis: Bewahren bedeutet hier nicht, Kunst hinter Glas zu
konservieren, sondern Bedingungen dafür zu schaffen, dass sie weiterhin
gesehen, studiert und interpretiert werden kann.
Die Ästhetik der
Überfülle
Die visuelle Überfülle
des Bandes ist dabei zugleich seine größte Verführung.
Die Farben, die Figurenvielfalt, die komplexen Kompositionen und die
enorme Detaildichte könnten leicht dazu führen, dass die Wandmalereien
primär als spektakuläre Bilderwelten erscheinen. Doch gerade
die Kombination aus Gesamtaufnahmen, Ausschnitten und wissenschaftlicher
Kommentierung verhindert weitgehend eine solche Reduktion. Der Blick
wird zwischen ästhetischer Faszination und analytischer Aufmerksamkeit
gehalten. Das ist entscheidend, weil die Werke ihre Bedeutung gerade
aus der Verbindung von Schönheit und Funktion beziehen. Die ästhetische
Erfahrung ist hier kein Selbstzweck, sondern Teil eines kulturellen
Systems. „Murals of Tibet“ ist deshalb dann am stärksten,
wenn es seine eigene Opulenz nicht als Endpunkt, sondern als Eingangstor
verwendet. Man darf sich zunächst von der Farbigkeit und Komplexität
überwältigen lassen, bevor die wissenschaftlichen Texte, die
Bildlegenden und die wiederholte Betrachtung eine zweite, langsamere
Wahrnehmung ermöglichen.
Das Buch als kulturelle
Begegnung
Am Ende erweist sich „Thomas
Laird. Murals of Tibet“ als ein außergewöhnlich ambitioniertes
Projekt, gerade weil es mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllt:
Es ist fotografisches Archiv, kunsthistorisches Kompendium, bibliophiles
Objekt, wissenschaftliche Quelle und Einladung zur kontemplativen Betrachtung.
Seine eigentliche Leistung liegt in der Verbindung dieser Ebenen. Lairds
Fotografie übersetzt schwer zugängliche sakrale Räume
in eine visuelle Sprache von hoher Präzision; TASCHEN verwandelt
diese Dokumentation in ein körperlich und materiell eindrucksvolles
Buchobjekt; die wissenschaftlichen Beiträge verhindern, dass die
Bilder in bloßer Exotik oder dekorativer Schönheit aufgehen.
Aus dieser Trias entsteht eine Form der Kunstvermittlung, die den Widerspruch
zwischen Dokumentation und Aura nicht auflösen muss, sondern gerade
aus ihm ihre Spannung bezieht. „Thomas Laird. Murals of Tibet“
ist deshalb weit mehr als ein luxuriöser Bildband über eine
faszinierende, vielen Betrachtern bislang weitgehend unbekannte Kunsttradition:
Das Buch demonstriert, wie moderne Medientechnologie kulturelles Gedächtnis
erweitern kann, ohne dessen historische und spirituelle Dimension vollständig
zu vereinnahmen, und es führt zugleich vor Augen, dass Sehen selbst
eine Form des Erkennens sein kann. In einer Zeit, in der kulturelle
Bilder immer schneller verfügbar und immer flüchtiger konsumiert
werden, behauptet dieser monumentale Band die Gegenposition: Er macht
aus dem Bild wieder einen Ort der Dauer, aus der Reproduktion eine Form
der Bewahrung und aus dem Betrachten eine Tätigkeit, die Konzentration
verlangt. Gerade darin liegt seine außergewöhnliche kulturtheoretische
Qualität – und seine nachhaltige Schönheit.
Murals
of Tibet, Baby SUMO
Hardcover
mit Ausklappseiten, 498 Seiten, in einer Schlagkassette
mit einem illustrierten 528-seitigen wissenschaftlichen Begleitbuch,
insgesamt 19 kg
Collector’s Edition, nummeriert und signiert, € 1000
| Taschen Verlag
Weiterführende
Informationen unter taschen.com
|
 |
|