KUNSTBUCH
| 21.10.2026
Wie
wir es sehen
Die Wiederentdeckung eines weiblichen Blicks auf die
Moderne
Die
österreichische Moderne war niemals ausschließlich das Werk
ihrer berühmten Männer, doch die Kunstgeschichte hat weibliche
Kreativität über Jahrzehnte hinweg an den Rand gedrängt.
In „Wie wir es sehen“ widmet Barbara Sternthal elf Künstlerinnen
eine kenntnisreiche Annäherung und öffnet den Blick auf eine
Kunstlandschaft, deren Vielfalt erst allmählich wieder sichtbar
wird. Zwischen Wiener Secession, Architektur, Malerei und Fotografie
entfaltet sich ein Panorama weiblicher Gestaltungskraft, das die vertraute
Erzählung vom Aufbruch in die Moderne entscheidend erweitert.
von
Anna Winter

Die
Moderne neu lesen: Ein kunsthistorischer Perspektivenwechsel
Mit
„Wie wir es sehen: Österreichische Künstlerinnen 1890–1938“
greift Barbara Sternthal eine zentrale Aufgabe gegenwärtiger Kunstgeschichtsschreibung
auf: die Wiederentdeckung jener Künstlerinnen, die an der Herausbildung
der österreichischen Moderne wesentlich beteiligt waren, im kollektiven
Gedächtnis jedoch häufig hinter ihren männlichen Zeitgenossen
zurücktraten. Die elf ausgewählten Lebenswege führen
in eine Epoche tiefgreifender ästhetischer Umbrüche, in der
traditionelle Bildordnungen infrage gestellt und neue Vorstellungen
von Wahrnehmung, Individualität und gesellschaftlicher Teilhabe
entwickelt wurden. Sternthals Ansatz erweitert damit nicht nur das Spektrum
bekannter Namen, sondern verändert den Blick auf die Epoche selbst:
Die Moderne erscheint als vielstimmiges Gefüge künstlerischer
Experimente, dessen tatsächliche Reichweite erst durch die Einbeziehung
bislang marginalisierter Positionen erkennbar wird. Der im Amalthea
Signum Verlag erschienene Band verbindet biografische Porträts
mit einem Panorama unterschiedlicher künstlerischer Disziplinen
und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung österreichischer
Kunstgeschichte-
Der
Kanon als Konstruktion: Wer darf Kunstgeschichte schreiben?
Die
feministische Bedeutung des Buches erschöpft sich nicht darin,
vergessene Künstlerinnen nachträglich in einen bestehenden
Kanon aufzunehmen; sie betrifft vielmehr die Frage, nach welchen Kriterien
künstlerische Bedeutung bemessen wird und welche gesellschaftlichen
Voraussetzungen darüber entscheiden, ob ein Werk dauerhaft sichtbar
bleibt. Kunsthistorische Kanones entstehen durch das Zusammenwirken
von Akademien, Ausstellungen, Sammlungen, Kunstkritik und Mäzenatentum
– Institutionen, deren Zugänge Frauen lange nur eingeschränkt
offenstanden. Wenn Künstlerinnen trotz eigenständiger Formensprache
und öffentlicher Ausstellungstätigkeit aus dem dominierenden
Narrativ verschwinden, ist dies daher keineswegs automatisch als Hinweis
auf geringere künstlerische Qualität zu verstehen. Sternthal
lenkt die Aufmerksamkeit auf diese Mechanismen der Sichtbarkeit und
regt dazu an, vermeintlich selbstverständliche Hierarchien kritisch
zu überprüfen. Eine feministische Kunstgeschichte muss männliche
Leistungen dabei nicht abwerten; sie gewinnt vielmehr an Präzision,
indem sie die Bedingungen untersucht, unter denen ästhetische Innovation
anerkannt, institutionell bestätigt und kulturell erinnert wird.
Wien
um 1900: Ein Laboratorium ästhetischer Erneuerung
Wien
entwickelte sich um die Jahrhundertwende zu einem Zentrum künstlerischer
Umbrüche, in dem Jugendstil, Symbolismus, Secessionskunst, Reformarchitektur
und moderne Gestaltung miteinander in Austausch traten. Die Abkehr vom
Historismus bedeutete dabei mehr als eine Veränderung dekorativer
Formen: Sie führte zu einer Neuverhandlung des Verhältnisses
zwischen Kunst und Alltag, handwerklicher Tradition und industrieller
Moderne. Künstlerinnen wirkten an diesen Entwicklungen aktiv mit,
entwickelten eigenständige Bildsprachen und bewegten sich in Netzwerken,
deren Bedeutung sich nicht allein an den später kanonisierten Namen
ablesen lässt. Ihre Wiederentdeckung zeigt, dass die Moderne kein
exklusives Projekt weniger männlicher Protagonisten war, sondern
ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher ästhetischer Positionen.
Erst die Erweiterung des kunsthistorischen Blicks ermöglicht es,
diese Vielfalt angemessen zu erfassen.
Elf
Biografien, viele Moderne(n): Die Vielfalt künstlerischer Medien
Die
Zusammenführung unterschiedlicher Disziplinen gehört zu den
produktivsten Aspekten eines kunsthistorischen Überblicks über
Künstlerinnen zwischen 1890 und 1938. Malerei, Bildhauerei, Architektur,
Gestaltung und Fotografie folgen eigenen Produktionsbedingungen und
Anerkennungs-mechanismen, stehen zugleich aber in einem wechselseitigen
Austausch, der die Moderne wesentlich geprägt hat. Die Biografien
machen sichtbar, dass Künstlerinnen keineswegs eine homogene Gruppe
mit einer einheitlichen Bildsprache bildeten, sondern höchst unterschiedliche
Interessen, Arbeitsweisen und berufliche Selbstverständnisse entwickelten.
Zugleich verdeutlichen sie, dass schöpferische Autonomie stets
mit materiellen und institutionellen Voraussetzungen verbunden ist:
Ausbildungsmöglichkeiten, finanzielle Unabhängigkeit, professionelle
Netzwerke und Ausstellungschancen beeinflussten, wer kontinuierlich
arbeiten und öffentlich wahrgenommen werden konnte. Sternthals
biografischer Zugang verbindet somit individuelle Lebenswege mit größeren
gesellschaftlichen Entwicklungen, ohne die künstlerische Eigenständigkeit
der einzelnen Werke aus dem Blick zu verlieren.

Der
weibliche Blick: Zwischen Selbstbestimmung und Zuschreibung
Der
Titel „Wie wir es sehen“ lädt dazu ein, Wahrnehmung
als historisch und gesellschaftlich geprägten Prozess zu begreifen.
Ein feministischer Zugang sollte daraus jedoch keine vermeintlich einheitliche
weibliche Bildsprache ableiten, denn eine solche Annahme würde
geschlechtsspezifische Zuschreibungen lediglich fortschreiben. Entscheidend
ist vielmehr die Frage, unter welchen Bedingungen Künstlerinnen
ihre Perspektiven entwickeln konnten, welche Themen und Ausdrucksformen
ihnen offenstanden und wie ihre Werke durch zeitgenössische Erwartungen
an Frauen bewertet wurden. Die unterschiedlichen Biografien zeigen,
dass Künstlerinnen nicht bloß eine alternative Gegenmoderne
hervorbrachten, sondern die allgemeinen ästhetischen Auseinandersetzungen
ihrer Zeit aus jeweils eigenen gesellschaftlichen Situationen heraus
mitgestalteten. Ihre Bedeutung liegt gerade in dieser Vielfalt, die
sich einfachen Kategorien entzieht und den Blick auf die Komplexität
moderner Kunstproduktion erweitert.
Sichtbarkeit
und Vergessen: Die Nachgeschichte der Werke
Ob
ein Werk dauerhaft im kulturellen Gedächtnis bleibt, hängt
nicht allein von seiner ästhetischen Qualität ab, sondern
auch von Sammlungspolitik, Ausstellungen, Forschung, Provenienz und
institutioneller Vermittlung. Künstlerinnen waren von unterbrochenen
Rezeptionsgeschichten besonders betroffen; politische Verfolgung, Exil,
mangelnde Dokumentation und die Abwertung bestimmter Medien erschwerten
häufig eine kontinuierliche Beschäftigung mit ihren Arbeiten.
Für Österreich bildet das Jahr 1938 eine besonders einschneidende
Zäsur: Der nationalsozialistische Machtantritt und der „Anschluss“
zerstörten die Lebensgrundlagen zahlreicher jüdischer Künstlerinnen
und Künstler, zerschlugen Netzwerke und führten zum Verlust
oder zur Zerstreuung von Werken und Sammlungen. Die Wiederentdeckung
dieser Positionen kann das historische Unrecht nicht rückgängig
machen, wohl aber die Folgen des Vergessens korrigieren. Sie verweist
zugleich auf die Verantwortung von Museen, Forschung und Kulturvermittlung,
Überlieferungslücken sichtbar zu machen und die Bedingungen
zu untersuchen, unter denen künstlerische Leistungen aus der öffentlichen
Erinnerung verschwanden.
Kunst
als gesellschaftliche Praxis
Die
gesellschaftliche Bedeutung von Kunst zeigt sich nicht erst in ausdrücklich
politischen Motiven, sondern bereits in der Wahl eines Mediums, der
Gestaltung eines Bildraums oder der Organisation eines Gebäudes.
Für die Künstlerinnen in Sternthals Buch bedeutete künstlerische
Arbeit häufig zugleich eine berufliche Selbstbehauptung innerhalb
institutioneller Strukturen, die Frauen nur begrenzte Möglichkeiten
eröffneten. Daraus folgt allerdings nicht, dass jedes Werk als
bewusster feministischer Protest verstanden werden sollte. Eine differenzierte
Analyse verbindet vielmehr ästhetische Eigenständigkeit mit
den gesellschaftlichen Bedingungen der Produktion, ohne beide gleichzusetzen.
Ein Werk kann formal innovativ sein, ohne ein explizites Emanzipationsprogramm
zu formulieren; ebenso kann eine berufliche Laufbahn bestehende Grenzen
verschieben, selbst wenn die Künstlerin ihre Tätigkeit nicht
ausdrücklich politisch verstand. Die historische Bedeutung dieser
Künstlerinnen liegt deshalb sowohl in ihren konkreten Werken als
auch in der Erweiterung jener kulturellen und beruflichen Handlungsspielräume,
die Frauen in ihrer Zeit zugestanden wurden.
Ein
Plädoyer für eine gerechtere Kunstgeschichte
Barbara
Sternthals „Wie wir es sehen“ lädt dazu ein, die österreichische
Moderne nicht länger aus einer Perspektive zu betrachten, die ihre
Entwicklung vorwiegend an männlichen Künstlern festmacht.
Die elf Porträts zeigen vielmehr, dass Frauen in Malerei, Bildhauerei,
Architektur und Fotografie eigenständige Beiträge leisteten
und an jenen ästhetischen Umbrüchen beteiligt waren, die das
kulturelle Leben ihrer Zeit prägten. Zugleich führt das Buch
vor Augen, wie sehr Sichtbarkeit von gesellschaftlichen Bedingungen,
institutionellen Entscheidungen und historischen Überlieferungsprozessen
abhängt. Eine gerechtere Kunstgeschichte entsteht dabei nicht durch
den Austausch eines geschlossenen Kanons gegen einen anderen, sondern
durch die fortlaufende Prüfung seiner Grundlagen und die Erweiterung
seiner Perspektiven. Sternthals Projekt ist in diesem Sinne mehr als
eine Ergänzung des Bekannten: Es schärft das Bewusstsein dafür,
dass kulturelle Erinnerung aktiv hergestellt wird und dass eine umfassende
Geschichte der Moderne jene Stimmen einbeziehen muss, die lange zu wenig
Gehör fanden.
Fazit:
Sehen lernen, Geschichte neu ordnen
Die
Stärke von „Wie wir es sehen“ liegt darin, die Wiederentdeckung
österreichischer Künstlerinnen mit einer grundlegenden Frage
nach der Entstehung kunsthistorischer Erinnerung zu verbinden. Barbara
Sternthal macht deutlich, dass Frauen trotz struktureller Benachteiligung
in unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen eigenständige
Beiträge zur Moderne leisteten und damit die Grenzen ihrer Zeit
verschoben. Die feministischen Erkenntnisse des Buches beruhen nicht
auf einer pauschalen Aufwertung aufgrund des Geschlechts, sondern auf
der Einsicht, dass diese Werke integraler Bestandteil jener Kunstgeschichte
sind, deren Erzählung lange selektiv blieb. Die Wiederentdeckung
erweitert den Kanon, hinterfragt seine Voraussetzungen und macht die
Vielfalt einer Epoche sichtbarer. Sternthals Buch ist damit ein überzeugendes
Plädoyer für eine Kunstgeschichte, die ästhetische Qualität,
historische Genauigkeit und kritische Selbstreflexion miteinander verbindet
– und die bereit ist, genauer hinzusehen, wo vertraute Erzählungen
bislang den Blick verstellt haben.
WIE
WIR ES SEHEN
Österreichische Künstlerinnen 1890–1938
Barbara
Sternthal (Autorin) | Amalthea Signum Verlag | 256 Seiten |

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