COMIC
| 21.10.2026
Seltsame
Tierfreundschaft
Die hohe Kunst des gepflegten Unsinns
Seit
drei Jahrzehnten verwandeln Stephan Katz und Max Goldt die Absonderlichkeiten
des Alltags in eine unverwechselbare Kunstform zwischen Comic, Sprachsatire
und grotesker Poesie. „Seltsame Tierfreundschaft“ führt
diese ebenso elegante wie eigensinnige Zusammenarbeit mit sprachlicher
Raffinesse, zeichnerischer Lakonie und überraschenden gedanklichen
Volten fort. Das Künstlerduo beweist einmal mehr, dass der intelligenteste
Humor nicht auf die Pointe zielt, sondern die Wirklichkeit so lange
verschiebt, bis ihre verborgene Absurdität sichtbar wird. Als bibliophil
gestalteter Jubiläumsband der Edition Moderne verbindet das Buchästhetischen
Anspruch, handwerkliche Qualität und jene subversive Heiterkeit,
die Katz & Goldt zu einer Ausnahmeerscheinung der deutschsprachigen
Gegenwartskultur macht.
von
Steffie Sallieri
Drei
Jahrzehnte gegen die Selbstverständlichkeit
Es gibt Künstlerduos, deren
Zusammenarbeit vor allem durch die Addition individueller Talente funktioniert,
und es gibt jene seltenen Konstellationen, in denen aus der Verbindung
zweier eigenständiger Ausdrucksformen eine unverwechselbare ästhetische
Sprache hervorgeht, deren Besonderheit sich weder auf den Anteil des
einen noch auf denjenigen des anderen reduzieren lässt. Stephan
Katz und Max Goldt gehören zweifellos zur zweiten Kategorie: Seit
1996 entwickeln der Zeichner und der Schriftsteller eine Form des Comics,
die sich den üblichen Erwartungen an Witz, Pointe und erzählerische
Geschlossenheit mit einer bemerkenswerten Souveränität entzieht.
Ihr Jubiläumsband „Seltsame Tierfreundschaft“, erschienen
bei der Zürcher Edition Moderne, markiert das dreißigjährige
Bestehen dieser künstlerischen Partnerschaft und versammelt Arbeiten
aus dem Satiremagazin „Titanic“ aus den Jahren 2024 bis
2026, ergänzt um neue Comics und Cartoons. Schon diese Kontinuität
ist bemerkenswert, weil Katz & Goldt ihr Verfahren nicht durch permanente
Neuerfindung, modische Anpassung oder den Wechsel ihrer ästhetischen
Grundprinzipien legitimieren müssen, sondern ihre Eigenständigkeit
gerade durch die beharrliche Verfeinerung einer längst etablierten
Form behaupten. Das Resultat ist kein bloßes Best-of einer erfolgreichen
Zusammenarbeit, sondern ein weiterer Beleg dafür, dass sich Originalität
auch durch Wiedererkennbarkeit entfalten kann, sofern diese nicht in
Selbstwiederholung erstarrt, sondern immer neue Abweichungen, gedankliche
Verschiebungen und komische Irritationen hervorbringt. „Seltsame
Tierfreundschaft“ steht damit zugleich für eine langjährige
künstlerische Kontinuität und für die anhaltende Produktivität
einer Methode, deren Gegenstand die scheinbar nebensächlichen Dinge
des Lebens sind, deren eigentliche Reichweite jedoch weit über
die beiläufige Alltagsbeobachtung hinausgeht.
Die Poetik des kontrollierten
Kontrollverlusts
Das Komische bei Katz & Goldt
entsteht häufig dort, wo die Sprache ihre gewohnte dienende Funktion
verliert und sich als eigenständige Kraft verselbstständigt.
Wörter werden nicht einfach verwendet, um Sachverhalte zu beschreiben
oder Figuren miteinander kommunizieren zu lassen; sie entwickeln ein
Eigenleben, geraten in semantische Schieflagen und erzeugen Bedeutungsverschiebungen,
die zunächst unscheinbar wirken und sich erst nachträglich
als präzise komponierte Irritation erschließen. Die Sprache
bleibt dabei grammatisch und rhetorisch häufig erstaunlich gefasst,
selbst wenn der Gedanke, den sie transportiert, längst in ein Gelände
vorgedrungen ist, in dem konventionelle Plausibilität nicht mehr
zuverlässig funktioniert. Gerade diese Diskrepanz zwischen formaler
Beherrschung und gedanklicher Entgleisung bildet einen zentralen Bestandteil
der Ästhetik des Duos. Der Unsinn wird nicht durch sprachliche
Nachlässigkeit produziert, sondern durch ein außerordentlich
genaues Gespür für Register, Satzbau, Konnotation und die
sozialen Erwartungen, die sich an bestimmte Formulierungen heften. Das
Absurde erscheint dadurch nicht als willkürliche Abweichung von
einer vernünftigen Ordnung, sondern als Möglichkeit, die verborgenen
Unstimmigkeiten dieser Ordnung freizulegen. Die Komik gewinnt ihre Präzision
aus der Tatsache, dass der Satz häufig vollkommen korrekt funktioniert,
während sein Inhalt eine Richtung einschlägt, die sich der
üblichen Logik entzieht. In dieser Verbindung von sprachlicher
Disziplin und gedanklicher Exzentrik liegt eine der wichtigsten Qualitäten
von „Seltsame Tierfreundschaft“: Das Buch setzt auf die
produktive die produktive Spannung zwischen dem, was gesagt wird, und
der eigentümlichen Welt, die sich durch das Gesagte plötzlich
öffnet. Der Humor ist deshalb nicht mit einer Ansammlung möglichst
überraschender Einfälle gleichzusetzen, sondern als Kompositionskunst
zu verstehen, die aus minimalen Verschiebungen erhebliche Wirkungen
erzeugt. Wer Katz & Goldt liest, begegnet nicht einfach dem Unsinn,
sondern einer hochgradig kontrollierten Form des Kontrollverlusts, bei
der die Sprache ihre eigene Verlässlichkeit infrage stellt und
gerade dadurch Erkenntnis produziert.
Bild und Text als komisches
Doppelwesen
Die besondere Stellung von Katz
& Goldt innerhalb der deutschsprachigen Comiclandschaft ergibt sich
wesentlich aus der Beziehung zwischen Goldts Texten und Katz’
Zeichnungen. Die beiden Ausdrucksformen illustrieren einander nicht
bloß, sondern erzeugen gemeinsam eine dritte Bedeutungsebene,
die weder im Wortlaut noch im Bild allein vollständig aufgeht.
Goldts Sprache ist häufig von syntaktischer Eleganz, rhetorischer
Präzision und einem eigensinnigen Gespür für soziale
Sprachformen geprägt; Katz’ Zeichnungen begegnen ihr mit
einer visuellen Direktheit, deren scheinbare Unkompliziertheit einen
wirkungsvollen Kontrast zur sprachlichen Komplexität bildet. Aus
diesem Spannungsverhältnis entsteht eine Form der Komik, die den
Leserinnen und Lesern keine eindeutig vorgezeichnete Reaktion vorschreibt.
Das Bild kann einen Text scheinbar bestätigen und ihn zugleich
unterlaufen, während die Formulierung einer Zeichnung eine Bedeutung
verleiht, die deren visuelle Erscheinung zunächst nicht erwarten
lässt. Entscheidend ist, dass die Zeichnung nicht als dekoratives
Beiwerk fungiert und der Text nicht als bloße Erklärung des
Sichtbaren: Beide Medien behalten ihre Eigenständigkeit, während
sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung verändern. Die Erzählform
bewegt sich dadurch zwischen Cartoon, Comicstrip, Dialogminiatur und
sprachlicher Versuchsanordnung. Auch die unterschiedliche Geschwindigkeit
der Wahrnehmung wird produktiv eingesetzt. Während ein Bild zunächst
als visuelle Einheit erfasst wird, entfaltet ein Satz seine Wirkung
in der zeitlichen Abfolge des Lesens; aus dieser Differenz entsteht
ein Rhythmus, der Erwartung, Irritation und nachträgliche Neubewertung
miteinander verbindet. Das Auge liest, der Verstand ergänzt, die
Sprache widerspricht dem ersten Eindruck – und die Komik entsteht
im Wechselspiel dieser Vorgänge. Die Süddeutsche Zeitung hat
die gemeinsame Arbeit von Katz und Goldt entsprechend als eigenständige
Erzählform zwischen Comic, Cartoon und surrealer Assoziation beschrieben.
„Seltsame Tierfreundschaft“ steht in dieser Tradition einer
visuellen Literatur, deren eigentlicher Gegenstand nicht allein eine
erzählte Handlung, sondern die Veränderbarkeit von Bedeutung
selbst ist.
Die Anti-Pointe als ästhetisches
Prinzip
Ein wesentlicher Unterschied
zwischen Katz & Goldt und konventionelleren Formen der Unterhaltungskomik
liegt in ihrem Verhältnis zur Pointe. Der klassische Witz organisiert
seine Dramaturgie auf einen möglichst eindeutigen Umschlag hin:
Eine Erwartung wird aufgebaut, in eine andere Richtung gelenkt und schließlich
in einem überraschenden Schlussmoment aufgelöst. Katz &
Goldt können solche Mechanismen verwenden, interessieren sich jedoch
besonders für jene Situationen, in denen die Pointe nicht als befreiende
Auflösung funktioniert, sondern die Irritation verlängert
oder sogar erst erzeugt. Ein Dialog kann scheinbar auf ein Ziel zulaufen
und dann in einer eigentümlichen Nebensächlichkeit versanden;
eine absurde Behauptung kann mit einer derartigen Selbstverständlichkeit
vorgetragen werden, dass nicht mehr die Aussage selbst, sondern die
Sicherheit ihrer Präsentation komisch wirkt. Mitunter entsteht
der Witz gerade dadurch, dass eine vermeintlich entscheidende Wendung
ausbleibt und der Text die Lesenden mit einem Rest an Unverständlichkeit
zurücklässt. Diese Technik verlangt ein Publikum, das bereit
ist, nicht jede Irritation unmittelbar in eine eindeutige Botschaft
zu übersetzen. Die Komik liegt dann weniger in der finalen Überraschung
als in der fortdauernden Verschiebung zwischen verschiedenen Deutungsmöglichkeiten.
Das vermeintlich Unwesentliche kann sich als eigentlicher Kern erweisen,
während die scheinbar logische Erklärung ihre Plausibilität
verliert. In dieser Hinsicht ist der Humor des Duos nicht nur komisch,
sondern auch erkenntniskritisch: Er legt offen, wie stark unsere Vorstellungen
von Sinn und Unsinn von sprachlichen Konventionen, sozialen Erwartungen
und eingeübten Interpretationsmustern abhängen. Der Leser
muss die gewohnte Suche nach einer eindeutigen Pointe gelegentlich aufgeben
und sich stattdessen auf die ästhetische Qualität eines Gedankengangs
einlassen, der nicht unbedingt irgendwo ankommen muss, um überzeugend
zu sein. Das Ergebnis ist eine Form des Lesens, die sich der schnellen
Konsumierbarkeit widersetzt, obwohl sie ausgesprochen unterhaltsam sein
kann. „Seltsame Tierfreundschaft“ erinnert damit daran,
dass Komik nicht zwingend auf die möglichst effiziente Auslösung
von Gelächter angewiesen ist, sondern ebenso aus gedanklicher Verzögerung,
semantischer Unordnung und dem Vergnügen an einer sorgfältig
inszenierten Abweichung hervorgehen kann.
Gesellschaftssatire ohne
erhobenen Zeigefinger
Katz & Goldt gehören
zu den Künstlern, die das gesellschaftlich Auffällige häufig
nicht durch demonstrative Anklage, sondern durch die präzise Beobachtung
sprachlicher und sozialer Eigentümlichkeiten sichtbar machen. Ihre
Satire operiert weniger mit einem expliziten politischen Programm als
mit einer Aufmerksamkeit für die kleinen Rituale, Selbsttäuschungen
und Statussignale, durch die sich gesellschaftliche Wirklichkeit im
Alltag organisiert. Die Sprache von Institutionen, die Phrasen der Selbstoptimierung,
die Routinen des höflichen Umgangs und die feinen Abstufungen sozialer
Distinktion bieten ein reiches Material für eine Komik, die ihre
Gegenstände nicht unbedingt frontal angreift, sondern ihnen ihre
Selbstverständlichkeit entzieht. Das vermeintlich Normale erscheint
plötzlich merkwürdig, während das Absurde in einer Form
vorgetragen wird, die beinahe amtlich, sachlich oder gesellschaftlich
akzeptiert klingt. In diesem Verfahren steckt eine subtile Form der
Ideologiekritik: Die Satire muss nicht ausdrücklich verkünden,
dass eine soziale Konvention widersprüchlich ist, wenn sie deren
innere Mechanik so präzise nachzeichnet, dass der Widerspruch von
selbst sichtbar wird. Gerade Goldts sprachliche Genauigkeit verleiht
dieser Methode ihre Schärfe. Seine Texte können die gesellschaftliche
Wirklichkeit bis in jene kleinen Formulierungen hinein verfolgen, in
denen sich Weltbilder, Eitelkeiten und Abwehrmechanismen verraten. Die
Verleihung des Kleist-Preises an Max Goldt im Jahr 2008, begründet
unter anderem mit seinem Scharfsinn und seiner Fähigkeit, den Alltag
literarisch zu verfremden, verweist auf die Anerkennung, die sein Werk
weit über das Feld der Satire hinaus erfahren hat. Dabei unterscheidet
sich die Arbeitsweise von Katz & Goldt von einer Satire, die ihre
Wirkung vor allem aus der moralischen Überlegenheit gegenüber
ihrem Gegenstand bezieht. Ihre Figuren sind häufig weniger Repräsentanten
einer eindeutig kritisierten Gruppe als Bestandteile eines absurden
sozialen Universums, dessen Regeln grundsätzlich instabil erscheinen.
Das Komische entsteht aus der Beobachtung, dass Menschen ihre eigenen
Konventionen oft mit großer Ernsthaftigkeit verteidigen, selbst
wenn diese Konventionen bei näherer Betrachtung erstaunlich kontingent
oder widersprüchlich wirken. Die Satire bleibt dadurch beweglich:
Sie hält sich nicht mit einer einzigen Zielscheibe auf, sondern
richtet ihren Blick auf die Mechanismen, durch die gesellschaftlicher
Sinn überhaupt produziert wird.
Max Goldt: Sprachkunst
als Präzisionsarbeit
Max Goldts Bedeutung für
den bundesdeutschen Kulturbetrieb lässt sich nicht auf seine Tätigkeit
als Comictexter reduzieren. Als Schriftsteller, Kolumnist und Musiker
hat er über Jahrzehnte hinweg eine eigenständige Position
zwischen literarischer Prosa, Satire, Popkultur und öffentlicher
Lesung entwickelt. Seine musikalische Arbeit mit „Foyer des Arts“
in der Zeit der Neuen Deutschen Welle gehört ebenso zu seiner Biografie
wie seine langjährige Verbindung zum Satiremagazin „Titanic“
und seine zahlreichen Buchveröffentlichungen. Die Auszeichnung
mit dem Kleist-Preis im Jahr 2008 brachte zusätzlich zum Ausdruck,
dass Goldts Sprachkunst nicht als bloßes Nebenfeld der Unterhaltung
betrachtet werden sollte. Seine besondere Qualität besteht in einer
Aufmerksamkeit, die sich nicht nur auf das konzentriert, was Menschen
sagen, sondern auch auf die Formen, in denen sie es sagen, auf die sprachlichen
Routinen, die sie übernehmen, und auf die eigentümlichen Brüche
zwischen dem Anspruch einer Äußerung und ihrer tatsächlichen
Wirkung. Goldt behandelt Sprache nicht als transparentes Transportmittel
für Gedanken, sondern als kulturelles Material mit eigener Geschichte,
eigener Klanglichkeit und eigenen Verführungen. Ein Satz kann bei
ihm durch seine übertriebene Förmlichkeit komisch werden,
durch eine unpassende Wortwahl eine ganze soziale Situation kippen oder
durch eine scheinbar nebensächliche Präzisierung eine unerwartete
gedankliche Tiefe entwickeln. Dabei ist seine Prosa nicht auf demonstrative
Gelehrsamkeit angewiesen. Ihre Raffinesse besteht gerade darin, dass
komplizierte Beobachtungen in einer oft beiläufigen, unangestrengten
Form erscheinen, die ihre gedankliche Konstruktion nicht zur Schau stellt.
Die Eleganz ist kein ornamentaler Zusatz, sondern die Voraussetzung
dafür, dass das Absurde seine volle Wirkung entfalten kann. Im
Zusammenspiel mit Stephan Katz wird diese sprachliche Eigenständigkeit
in eine visuelle Dramaturgie überführt, in der die Formulierung
nicht länger allein die Vorstellungskraft des Lesers aktiviert,
sondern auf ein Bild trifft, das den sprachlichen Impuls verändert,
verstärkt oder unterläuft. „Seltsame Tierfreundschaft“
ist deshalb auch ein weiterer Beleg dafür, dass Goldts Werk nicht
sauber in die Kategorien von Literatur, Satire und Comic getrennt werden
kann, sondern gerade in ihren Übergängen seine besondere Produktivität
entfaltet.
Stephan Katz: Zeichnung
zwischen Lakonie und Abgründigkeit
Die Rolle Stephan Katz’
ist für das gemeinsame Werk ebenso grundlegend, weil seine Zeichnungen
dem sprachlichen Überschuss nicht einfach ein visuelles Äquivalent
gegenüberstellen, sondern ihm eine eigene Form der Nüchternheit
entgegensetzen. Die visuelle Sprache wirkt häufig zugänglich
und unmittelbar; sie verzichtet auf jene demonstrative Komplexität,
mit der andere Comictraditionen ihre künstlerische Virtuosität
ausstellen. Gerade diese Zurückhaltung erzeugt jedoch eine Spannung
zur sprachlichen Ebene, die den komischen Effekt entscheidend prägt.
Die Zeichnung muss nicht selbst möglichst grotesk oder spektakulär
sein, um das Absurde zu verstärken. Häufig genügt eine
präzise gesetzte Figur, eine klar organisierte Szene oder ein visueller
Ausdruck, der den sprachlichen Vorgang scheinbar beiläufig begleitet.
Das Bild behauptet eine konkrete Welt, während der Text diese Welt
semantisch destabilisiert. Aus der Diskrepanz zwischen visueller Selbstverständlichkeit
und sprachlicher Exzentrik entsteht eine besondere Form der Komik, die
sich weder als bloße Illustration noch als Wettbewerb zweier gleichartiger
Medien beschreiben lässt. Katz’ Zeichnungen bilden den materiellen
Gegenpol zu Goldts Sprache und verhindern zugleich, dass der Text in
reine Abstraktion abgleitet. Sie verankern die absurden Situationen
in einer sichtbaren Welt, deren Konkretheit den Irrsinn umso deutlicher
hervortreten lässt. In dieser Arbeitsteilung liegt keine starre
Trennung zwischen Bild und Wort, sondern eine präzise choreografierte
Kooperation, in der beide Ausdrucksformen ihre Wirkung aus der Differenz
zueinander beziehen. Die Figuren und Situationen erhalten durch die
Zeichnung eine körperliche und räumliche Präsenz, während
der Text ihre vermeintliche Eindeutigkeit auflöst. Dass diese Methode
über drei Jahrzehnte hinweg produktiv geblieben ist, spricht für
eine Zusammenarbeit, in der sich die individuellen Kompetenzen nicht
gegenseitig nivellieren, sondern in ihrer Eigenständigkeit erhalten
bleiben. „Seltsame Tierfreundschaft“ würdigt dieses
Zusammenspiel nicht nur durch seine Inhalte, sondern auch durch die
großzügige Buchgestaltung, die den Zeichnungen und Texten
den nötigen visuellen Atemraum lässt.
Die bibliophile Form:
Papier, Bindung und Leseerlebnis
Die Qualität eines Comicbands
bemisst sich nicht ausschließlich an der Originalität seiner
Texte und Bilder, sondern auch daran, wie überzeugend die materielle
Gestaltung ihre ästhetische Wirkung unterstützt. „Seltsame
Tierfreundschaft“ erscheint als großformatiger, farbiger
Hardcoverband mit 88 Seiten und einem Format von ungefähr 22 mal
31 Zentimetern; die bibliografischen Angaben führen einen Halbleineneinband
und ein Gewicht von rund 690 Gramm auf. Diese Ausstattung ist keineswegs
nebensächlich, denn ein Buch, das vom Zusammenspiel grafischer
Details, sprachlicher Nuancen und visueller Pausen lebt, benötigt
eine Form, die der Betrachtung Zeit und Raum zugesteht. Das großzügige
Format verhindert, dass Zeichnungen und Text zu bloßen Informationseinheiten
auf einer möglichst dicht gefüllten Seite schrumpfen; es unterstützt
vielmehr ein Lesen, das zwischen Bild, Wort und freier Fläche wechseln
darf. Die hochwertige Bindung und die sorgfältige Materialität,
die den Band auch haptisch zu einem überzeugenden Objekt machen,
verstärken diesen Eindruck einer Publikation, deren ästhetischer
Anspruch nicht mit dem gedruckten Inhalt endet. Papier, Einband und
Verarbeitung sind dabei keine Luxuszugaben, die einem ansonsten austauschbaren
Gegenstand nachträglich Wert verleihen sollen, sondern Teil eines
Gesamtgefüges, in dem die materielle Erscheinung die Eigenständigkeit
der Kunstform unterstreicht. Gerade in einer Zeit, in der Bilder und
Texte überwiegend auf Displays konsumiert werden, besitzt ein solches
Buch eine besondere Qualität: Es lässt sich nicht einfach
überfliegen, ohne dass dabei ein Teil seines Reizes verloren geht,
und es lädt dazu ein, einzelne Seiten erneut aufzuschlagen, Details
wiederzuentdecken und die Beziehung zwischen Text und Bild abermals
zu prüfen. Der Band wird damit zum Gegenmodell einer rein funktionalen
Publikation, deren Wert sich ausschließlich an der Menge übermittelter
Information orientiert. Die sorgfältige Gestaltung macht vielmehr
erfahrbar, dass Lesen auch ein sinnlicher Vorgang ist, bei dem Gewicht,
Format, Papier und Bindung die Wahrnehmung des Inhalts mitbestimmen.
Die Edition Moderne erweist sich hier als kongenialer Verlagspartner
für ein Künstlerduo, dessen Arbeit von visueller Präzision
und sprachlicher Feinarbeit gleichermaßen lebt.
Edition Moderne und die
Kultur des unabhängigen Comics
Die lange Verbindung zwischen
Katz & Goldt und der Edition Moderne ist auch kulturgeschichtlich
bedeutsam. Seit 2007 erscheinen die Bücher des Duos bei dem Schweizer
Verlag, der damit zu einem wichtigen institutionellen Rahmen für
die kontinuierliche Entwicklung dieser eigenwilligen Comicästhetik
geworden ist. Die Publikationsgeschichte zeigt, dass anspruchsvolle
Comics nicht ausschließlich als jugendkulturelle Unterhaltung
oder als randständige Form der Populärkultur verstanden werden
müssen, sondern ebenso als eigenständige literarisch-grafische
Arbeiten, deren Qualität sich an Sprache, Komposition, Bildgestaltung
und Buchkunst messen lässt. Der Comic ist dabei nicht bloß
eine Mischform, die sich aus Literatur und bildender Kunst zusammensetzt,
sondern ein Medium mit eigenen Erzählmöglichkeiten, eigener
Zeitlichkeit und spezifischen Formen der Bedeutungsproduktion. Katz
& Goldt nutzen diese Eigenständigkeit, um eine Kunstform zu
entwickeln, die sich einer eindeutigen Zuordnung entzieht: Ihre Arbeiten
können als Sprachsatire gelesen werden, als visuelle Groteske,
als literarische Miniatur oder als Kommentar zu den Mechanismen gesellschaftlicher
Kommunikation. Die Edition Moderne schafft dafür einen Publikationsraum,
in dem die materielle Gestaltung nicht hinter dem vermeintlich wichtigeren
Inhalt zurücktritt. Die großformatigen Bände machen
sichtbar, dass Comicbücher ebenso bewusst gestaltete Kunstobjekte
sein können wie sorgfältig edierte Lyrikbände, Künstlerbücher
oder grafische Mappenwerke. Diese Haltung hat auch eine kulturpolitische
Dimension, weil sie die Hierarchien zwischen sogenannter Hochkultur
und populären Ausdrucksformen infrage stellt, ohne die Unterschiede
zwischen ihnen einzuebnen. „Seltsame Tierfreundschaft“ muss
nicht behaupten, Literatur oder bildende Kunst zu sein, um deren ästhetische
Ansprüche ernst zu nehmen. Seine Qualität liegt gerade darin,
die spezifischen Möglichkeiten des Comics auszuschöpfen und
zugleich zu zeigen, dass sprachliche Präzision, visuelle Komposition
und gedankliche Originalität keine exklusiven Eigenschaften einzelner
Kunstgattungen sind.
Warum dieser Humor unverwechselbar
bleibt
Die Einzigartigkeit von Katz
& Goldt lässt sich letztlich aus dem Zusammenwirken mehrerer
Eigenschaften erklären, die für sich genommen auch in anderen
komischen Formen vorkommen, in dieser Kombination jedoch eine unverwechselbare
Handschrift bilden. Dazu gehört zunächst die sprachliche Genauigkeit,
mit der Goldt die sozialen und rhetorischen Konventionen des Alltags
beobachtet; hinzu kommt Katz’ Fähigkeit, dieser Sprache eine
visuelle Form entgegenzusetzen, die ihre scheinbare Plausibilität
unterläuft, ohne selbst in demonstrative Überzeichnung auszuweichen.
Ebenso entscheidend ist die Bereitschaft, auf die beruhigende Eindeutigkeit
einer Pointe zu verzichten und den Lesenden stattdessen ein Feld widersprüchlicher
Bedeutungen zu eröffnen. Das Duo arbeitet mit einer Komik, die
weniger auf unmittelbare Aggression als auf präzise Irritation
setzt, weniger auf moralische Selbstbestätigung als auf die überraschende
Entdeckung, dass das scheinbar Vernünftige und das scheinbar Absurde
häufig nur durch Gewohnheit voneinander getrennt sind. Diese Haltung
schützt die Arbeiten vor einer allzu einfachen Aktualitätssatire,
die ihre Wirkung an bestimmte politische Debatten oder kurzfristige
kulturelle Moden bindet. Natürlich reagiert auch Katz & Goldt
auf die Sprache und die Eigenheiten ihrer Gegenwart; doch der tiefere
Reiz liegt darin, dass ihre Beobachtungen über den Anlass hinausweisen
und die Funktionsweise von Kommunikation selbst zum Gegenstand machen.
Die Komik bleibt dadurch anschlussfähig, ohne ihre historische
und soziale Umgebung zu verleugnen. Sie ist zugleich intellektuell und
sinnlich, literarisch und visuell, gesellschaftskritisch und verspielt.
Dass Max Goldt mit dem Kleist-Preis eine Auszeichnung erhielt, die seine
literarische Bedeutung über das Feld der Unterhaltung hinaus anerkannte,
verweist auf eine wichtige Einsicht: Humor ist kein Gegensatz zu sprachlicher
Kunst, sondern kann gerade durch höchste formale Kontrolle eine
besondere Erkenntniskraft entwickeln. „Seltsame Tierfreundschaft“
zeigt, wie nachhaltig diese Verbindung im gemeinsamen Werk von Katz
und Goldt trägt.
Das Vergnügen an
der präzisen Abweichung
„Seltsame Tierfreundschaft“
bestätigt die Ausnahmestellung eines Künstlerduos, das sich
weder von den Erwartungen konventioneller Unterhaltung noch von den
Hierarchien des etablierten Kulturbetriebs seine ästhetischen Maßstäbe
diktieren lässt. Die besondere Leistung von Katz & Goldt besteht
darin, den Alltag nicht durch eine vermeintlich tiefere Wahrheit zu
ersetzen, sondern seine Oberflächen so sorgfältig zu betrachten,
dass sich unter ihnen unerwartete Abgründe, Widersprüche und
Möglichkeiten öffnen. Ihre Komik braucht weder den großen
Skandal noch die demonstrative Provokation, weil sie sich auf ein subtileres
Verfahren verlässt: Sie verschiebt den sprachlichen oder visuellen
Zusammenhang gerade so weit, dass die gewohnte Ordnung ihre Selbstverständlichkeit
verliert. Daraus entsteht ein Humor, der nicht nur unterhält, sondern
die Wahrnehmung schärft und die Bedingungen des Verstehens selbst
sichtbar macht. Die Verbindung von Goldts sprachlicher Präzision
und Katz’ zeichnerischer Lakonie verleiht diesem Verfahren seine
charakteristische Form; die hochwertige Ausstattung der Edition Moderne
sorgt dafür, dass es auch als Buchobjekt überzeugend zur Geltung
kommt. Papier, Bindung, Format und Farbigkeit unterstützen den
Eindruck einer Publikation, die ihre Inhalte ernst nimmt, ohne deren
Komik zu domestizieren. So ist „Seltsame Tierfreundschaft“
nicht bloß ein weiterer Band in einer erfolgreichen Reihe, sondern
eine erneute Bestätigung jener seltenen Verbindung von literarischer
Intelligenz, visueller Eigenständigkeit und bibliophiler Sorgfalt,
die Katz & Goldt im bundesdeutschen Kulturbetrieb zu einer unverwechselbaren
Größe gemacht hat. Dreißig Jahre nach Beginn ihrer
Zusammenarbeit wirkt diese Kunstform keineswegs erschöpft; sie
beweist vielmehr, dass sich Originalität nicht allein im Bruch
mit dem Bestehenden, sondern ebenso in der konsequenten Verfeinerung
einer eigenen Sprache entfalten kann. Das Buch ist ein großes
Vergnügen – nicht trotz seiner intellektuellen Genauigkeit,
sondern gerade ihretwegen.