BELLETRISTIK
| 18.06.2025
ABSCHIED
Die Eleganz des Augenblicks
Ein
junger Autor, der später zum großen Chronisten deutscher
Geschichte werden sollte. Mit „Abschied“ tritt ein früher
literarischer Text von Sebastian Haffner aus dem Schatten seines historischen
Werkes. Der Roman entwirft ein schwebendes Bild jener Generation, die
noch an die Leichtigkeit Europas glaubte. So wird aus einer Liebesgeschichte
ein zartes Dokument einer verlorenen Welt.
von
Steffie Sallieri

Nach zwölf Jahren im Amt verstarb am Ostermontag 2025 Papst Franziskus.
Am 8. Mai, nach einem nur 24-stündigem Konklave, wählten die
Kardinäle bereits seinen Nachfolger. Es ist Robert Francis Prevost,
der erste US-Amerikaner auf dem Papstthron. Er wählt den Namen
Leo XIV. Wer ist dieser Papst? Und was bedeutet seine Wahl für
die Zukunft der katholischen Kirche?
Als
der Historiker und Publizist Sebastian Haffner – geboren als Raimund
Pretzel – im 20. Jahrhundert zu einer der prägendsten Stimmen
der deutschen Zeitgeschichtsschreibung wurde, war kaum bekannt, dass
sein literarisches Schaffen sehr viel früher begonnen hatte. Mit
der Veröffentlichung seines Romans Abschied, der am 03. Juni im
Carl Hanser Verlag erschienen ist, tritt nun ein lange verborgenes Werk
aus dem literarischen Nachlass hervor. Der Text entstand im Herbst 1932
– in einer historischen Zwischenphase, in der Europa bereits auf
den Abgrund zutreibt, während ein Teil der jungen Generation noch
im Schwebezustand der Zwischenkriegszeit lebt. Gerade diese prekäre
Balance zwischen Ahnung und Verdrängung bildet den eigentlichen
poetischen Kern des Romans. Die literarische Frühphase des Autors
ist eng mit seiner späteren intellektuellen Entwicklung verbunden.
Bevor Pretzel unter dem Namen Sebastian Haffner zu einem einflussreichen
Historiker wurde, der in Werken wie „Geschichte eines Deutschen“
die deutsche Katastrophe des 20. Jahrhunderts reflektierte, bewegte
er sich im Spannungsfeld von Journalismus, juristischer Ausbildung und
literarischen Ambitionen. Bereits ein früher Romanversuch war Ende
der 1920er Jahre in Fortsetzungen erschienen, doch blieb eine Buchveröffentlichung
aus. „Abschied“ entstand somit in einer Phase, in der der
junge Autor noch nach einer literarischen Stimme suchte. Gerade deshalb
besitzt der Text eine erstaunliche Frische. Er wirkt weder programmatisch
noch literarisch überkonstruiert, sondern entfaltet eine unmittelbare
Erzähldynamik, die an die spontane Energie der literarischen Moderne
erinnert. Der Roman führt in das Paris des Jahres 1931, eine Stadt,
die im europäischen Imaginären seit jeher als Symbol kultureller
Freiheit fungiert. Haffner nutzt diese Topographie, um eine Gruppe junger
Menschen zu porträtieren, die sich der intensiven Erfahrung des
Augenblicks verschrieben hat. Cafés, Gespräche, Zigarettenrauch
und flüchtige Begegnungen bilden den sozialen Hintergrund dieser
Figuren. Der Roman schildert eine Atmosphäre kosmopolitischer Offenheit,
in der nationale Grenzen und politische Konflikte Konflikte vorübergehend
in den Hintergrund treten. Diese Konstellation lässt sich als eine
Variation des klassischen Boheme-Motivs lesen. Die Figuren sind weniger
durch konkrete Lebensziele definiert als durch eine Haltung: eine Mischung
aus ironischer Distanz, Lebenslust und intellektueller Neugier. Formal
zeichnet sich „Abschied“ durch eine bemerkenswerte Leichtigkeit
aus. Die Sprache folgt einer rhythmischen Bewegung, die häufig
von schnellen Beobachtungen und emotionalen Momentaufnahmen getragen
wird.

Diese
stilistische Strategie erzeugt eine Art literarische Gegenwartsästhetik.
Die Handlung schreitet weniger durch dramatische Ereignisse voran als
durch eine Abfolge intensiver Augenblicke. Gespräche, Begegnungen
und kleine Gesten erhalten eine Bedeutung, die weit über ihre scheinbare
Alltäglichkeit hinausgeht. Dabei entsteht ein paradoxes Zeitgefühl:
Der Roman scheint vollständig im Hier und Jetzt zu leben –
und wird gerade dadurch zu einem Dokument einer historischen Übergangszeit.
Denn obwohl die Figuren des Romans ihre Gegenwart als unbeschwerte Lebensphase
erleben, ist dem heutigen Leser bewusst, dass diese Welt nur wenige
Jahre später zerstört werden sollte. Der Text spielt subtil
mit dieser historischen Ironie. Die Figuren sprechen über Zukunft
und Krieg mit einer Mischung aus Ironie und Naivität. Für
sie erscheint ein möglicher Konflikt noch als abstrakte Möglichkeit
– nicht als unmittelbar bevorstehende Realität. Diese Spannung
zwischen Unbeschwertheit und latenter Bedrohung verleiht dem Roman eine
melancholische Tiefenschicht. Die Leichtigkeit der Darstellung wird
retrospektiv zu einem Symbol für eine verlorene europäische
Kultur der Offenheit. Im emotionalen Zentrum der Erzählung steht
eine junge Frau, deren Präsenz das gesamte Figurenensemble strukturiert.
Sie erscheint weniger als klassische Romanheldin denn als eine Art Inspirationsfigur,
die für Freiheit, Eleganz und geistige Offenheit steht. Diese Figur
lässt sich als poetische Projektion interpretieren: Sie verkörpert
jene Qualitäten – Grazie, Intelligenz, Humor –, die
der Roman selbst zu idealisieren scheint. Ihre Wirkung reicht dabei
über die individuelle Liebesgeschichte hinaus. Sie fungiert als
Symbol einer Generation, die an kulturelle Vielfalt und kosmopolitische
Offenheit glaubte. Gerade hier zeigt sich eine bemerkenswerte Verbindung
zwischen Haffners literarischem Frühwerk und seiner späteren
Geschichtsschreibung. Der Autor war zeitlebens überzeugt, dass
große historische Prozesse sich letztlich in individuellen Lebensgeschichten
manifestieren. „Abschied“ kann daher als eine Art literarische
Mikrogeschichte gelesen werden. Die Begegnungen und Gespräche der
Figuren bilden ein kleines soziales Universum, in dem sich die geistige
Atmosphäre einer Epoche verdichtet. Diese Perspektive erklärt
auch, warum der Roman eine solche Authentizität besitzt. Er ist
nicht rückblickend konstruiert, sondern entstand in unmittelbarer
Nähe zu der historischen Realität, die er beschreibt. Die
Veröffentlichung dieses Textes erweitert somit das Bild des Autors
erheblich. Der spätere Historiker, der die Katastrophen des 20.
Jahrhunderts analysierte, erscheint hier als junger Schriftsteller,
der noch ganz von der kulturellen Offenheit der Zwischenkriegszeit geprägt
ist. Gerade diese Spannung macht den besonderen Reiz des Romans aus.
„Abschied“ ist nicht nur eine Liebesgeschichte und auch
nicht lediglich ein literarisches Zeitbild. Er ist zugleich ein Dokument
jener geistigen Atmosphäre, aus der später sowohl Exil als
auch historisches Nachdenken hervorgehen sollten.
FAZIT
Mit „Abschied“ tritt ein überraschend lebendiger Text
aus dem Schatten der historischen Werke Sebastian Haffners hervor. Der
Roman überzeugt durch seine stilistische Eleganz, seine atmosphärische
Dichte und seine subtile historische Tiefendimension. Die Veröffentlichung
im Carl Hanser Verlag ist daher mehr als eine editorische Entdeckung.
Sie erlaubt es, den Autor neu zu lesen – nicht nur als Historiker
der deutschen Katastrophe, sondern auch als sensiblen Chronisten jener
kurzen Epoche, in der Europa noch an seine kulturelle Leichtigkeit glauben
konnte.schweigen.
Sebastian
Haffner, geboren 1907 in Berlin, war promovierter Jurist. Er
emigrierte 1938 nach England und arbeitete als freier Journalist für
den «Observer». 1954 kehrte er nach Deutschland zurück,
schrieb zunächst für die «Welt», später für
den «Stern». Sebastian Haffner starb 1999.
ABSCHIED
Sebastian
Haffner (Autor) | Carl Hanser Verlag | 192 Seiten
|