KUNST
| 11.02.2026
HIER
UND JETZT im Museum Ludwig
De/Collecting
Memories from Turtle Island
Zwischen
Archiv und Gegenwart öffnet das Museum Ludwig einen Raum für
widersprüchliche Erinnerungen. De/Collecting Memories from Turtle
Island hinterfragt das Sammeln als kulturelle Machtpraxis. Zeitgenössische
indigene Positionen verschieben etablierte Narrative amerikanischer
Bildgeschichte. Eine Ausstellung, die das Museum selbst zum Gegenstand
kritischer Reflexion macht.
von
Richard-Heinrich Tarenz

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. De/Collecting
Memories
Museum Ludwig, Köln 2026 | © Historisches Archiv mit Rheinischem
Bildarchiv, Karl Krüger
Mit
der Ausstellung De/Collecting
Memories from Turtle Island positioniert sich das Museum
Ludwig nicht nur programmatisch im Kontext der Reihe HIER UND
JETZT, sondern formuliert zugleich eine grundsätzliche kunst-
und institutionskritische Fragestellung: Wie werden Erinnerungen gesammelt,
visualisiert und kanonisiert – und wessen Geschichten bleiben
dabei ungehört? Vor dem Hintergrund einer der bedeutendsten Pop-Art-Sammlungen
außerhalb der Vereinigten Staaten und im zeitlichen Horizont
des bevorstehenden 250-jährigen Jubiläums der US-amerikanischen
Unabhängigkeit gewinnt diese Frage besondere Schärfe. Denn
das Museum richtet seinen Blick nun auf jene historischen und visuellen
Narrative, die lange als selbstverständlich galten. Ausgangspunkt
der Ausstellung ist ein umfangreiches Konvolut farbintensiver Fotochrome
der Detroit Publishing Company, das 2023 in die Sammlung des Hauses
aufgenommen wurde. Diese massenhaft verbreiteten Bilder, vielfach
auf frühen Schwarzweißfotografien des 19. Jahrhunderts
basierend, prägten über Generationen hinweg die visuelle
Vorstellung von den Vereinigten Staaten: monumentale Landschaften,
spektakuläre Naturformationen, moderne Städte – fast
ausnahmslos menschenleer. In ihrer ästhetischen Attraktivität
und weiten Verbreitung sind sie weniger Dokumente als Konstruktionen:
Bilder eines Landes, das sich als unberührt, verfügbar und
entleert von Geschichte präsentiert. Genau an dieser Leerstelle
setzt De/Collecting Memories from Turtle Island an. Die Ausstellung
liest diese Fotografien nicht affirmativ, sondern als symptomatische
Zeugnisse kolonialer Bildproduktion. Die scheinbare Abwesenheit von
Menschen verweist auf eine radikale Auslassung: die Geschichte der
indigenen Nationen, für die diese Landschaften seit Jahrhunderten
– und Jahrtausenden – Lebensraum, Erinnerungsort und spirituelle
Referenz waren. Indem das Museum diese Bilder nicht isoliert zeigt,
sondern mit zeitgenössischen künstlerischen Positionen indigener
Künstlerinnen konfrontiert, wird das Archiv selbst zum Gegenstand
kritischer Befragung. Im Zentrum stehen die Arbeiten von Wendy
Red Star und Marie
Watt, zwei Künstlerinnen, deren Werk auf unterschiedliche
Weise die Mechanismen kultureller Zuschreibung, Erinnerung und Repräsentation
offenlegt. Wendy Red Star arbeitet mit fotografischer Selbstinszenierung,
performativer Aneignung und subtiler Ironie. Ihre Arbeiten operieren
bewusst an der Schnittstelle zwischen Erwartung und Enttäuschung:
Sie greifen stereotype westliche Vorstellungen von Indigenität
auf, um sie zugleich zu destabilisieren. Dabei wird deutlich, wie
institutionelle Kategorisierungen – etwa das Label der „indigenen
Künstlerin“ – nicht neutral beschreiben, sondern
Bedeutungen vorformen und Wahrnehmung lenken, noch bevor ein Werk
betrachtet wird. Marie Watt hingegen entwickelt mit Thirteen Moons
eine raumgreifende, sinnlich erfahrbare Installation, die das Museum
in einen Resonanzraum kollektiver Erinnerung verwandelt. Dreizehn
schwebende Skulpturen aus Zinnschellen bilden ein fragiles Geflecht
zwischen Boden und Decke, zwischen Sichtbarkeit und Klang.

Marie Watt, Foto: Joshua Franzos
Ihre
Aktivierung durch Berührung bricht bewusst mit der musealen Distanzlogik:
Das Werk entfaltet sich erst im Zusammenspiel von Körper, Bewegung
und Geräusch. Watt knüpft damit an indigene Wissens- und
Heilungstraditionen an, insbesondere an den Jingle-Dress-Tanz, der
um 1900 als spirituelle Antwort auf Krankheit und koloniale Repression
entstand und bis heute als Ausdruck von Resilienz und Gemeinschaft
fortlebt. Diese Arbeit steht exemplarisch für den kuratorischen
Ansatz der Ausstellung: Erinnerung wird nicht als statisches Archiv
verstanden, sondern als lebendiger, relationaler Prozess. Die Zusammenarbeit
mit der Tänzerin Acosia Red Elk, die im Rahmen einer Pressekonferenz
zur Ausstellung den Jingle-Dress-Tanz aufführte, verstärkt
diese Perspektive, indem sie die Grenze zwischen Ausstellung, Ritual
und Performance bewusst durchlässig macht. Das Museum wird so
nicht nur Ort der Präsentation, sondern Ort des Austauschs und
der Aushandlung. Der Begriff Turtle Island, der in vielen indigenen
Traditionen die Amerikas oder die Welt insgesamt bezeichnet, fungiert
dabei als epistemischer Gegenentwurf zu kolonialen Raumkonzepten.
Er verweist auf eine kosmologische Vorstellung von Verbundenheit,
Zirkularität und Verantwortung – und steht im scharfen
Kontrast zur linearen Fortschritts- und Entdeckungserzählung,
die die westliche Geschichts-schreibung lange dominierte. De/Collecting
Memories from Turtle Island lädt dazu ein, diese konkurrierenden
Weltbilder nicht zu hierarchisieren, sondern ihre Koexistenz auszuhalten.
Als elfte Ausstellung der Reihe HIER UND JETZT erfüllt das Projekt
damit exemplarisch den Anspruch des Museum Ludwig, die eigene Sammlung
und Praxis selbstkritisch zu überprüfen. Sammeln erscheint
hier nicht als neutraler Akt, sondern als machtvolle kulturelle Praxis,
die Sichtbarkeit erzeugt und zugleich ausblendet. Indem indigene Stimmen
und Perspektiven nicht nur ergänzt, sondern als gleichwertige
Wissensformen anerkannt werden, verschiebt sich der institutionelle
Horizont des Hauses nachhaltig. So ist De/Collecting Memories from
Turtle Island weniger eine Ausstellung über Geschichte als eine
über Gegenwart: über das fortdauernde Wirken kolonialer
Bilder, über die Notwendigkeit des Zuhörens und über
die Möglichkeit, Erinnerungen neu zu ordnen. Das Museum Ludwig
stellt sich damit einer anspruchsvollen Aufgabe – und eröffnet
einen Raum, in dem Sammlung nicht Besitz, sondern Verantwortung bedeutet.
Als
Acosia
Red Elk im Rahmen der Vorstellung von De/Collecting Memories from
Turtle Island im Museum Ludwig den Jingle-Dress-Tanz aufführte,
wurde der institutionelle Raum für einen Moment aus seiner musealen
Selbstverständlichkeit herausgelöst. Was sich entfaltete,
war keine folkloristische Einlage und keine performative Illustration
einer Ausstellung, sondern ein komplexes Zusammenspiel aus Körperwissen,
Klang, Geschichte und Gegenwart. Der Tanz wirkte nicht als Kommentar
zur Kunst, sondern als eigenständige epistemische Praxis –
als Handlung, die Bedeutung nicht darstellt, sondern hervorbringt.
Acosia Red Elk, Angehörige der Umatilla aus Oregon und international
anerkannte Jingle-Dress-Tänzerin, verkörpert eine Form von
Wissen, die sich dem rein Diskursiven entzieht. Ihr Tanz ist nicht
Repräsentation, sondern Vollzug: eine Praxis, die Heilung, Erinnerung
und Gemeinschaft in Bewegung übersetzt. Der Jingle-Dress-Tanz
selbst entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Zeit existenzieller
Bedrohung indigener Gemeinschaften – nicht nur durch Krankheiten
wie die Grippepandemien, sondern auch durch staatliche Repressionen,
die rituelle Versammlungen systematisch untersagten. Dass dieser Tanz
dennoch überlebt, weitergegeben und transformiert wurde, ist
Ausdruck einer widerständigen Kontinuität, die sich jenseits
schriftlicher Archive behauptet hat.

Wendy Red Star | Four Seasons (Spring), 2006
Eins von vier Werken der Reihe Four Seasons | © Wendy Red Star
Im
Museum Ludwig trat diese Geschichte nicht als Erzählung, sondern
als Erfahrung in Erscheinung. Mit jeder Bewegung setzten die Metallkegel
des Jingle-Dresses einen feinen, vibrierenden Klang frei – kein
lautes Spektakel, sondern ein rhythmisches Rauschen, das den Raum
strukturierte. Der Klang war nicht Begleitung, sondern Mitakteur:
Er markierte Zeit, erzeugte Präsenz und verband Körper und
Architektur. In diesem Moment wurde deutlich, was die Ausstellung
insgesamt thematisiert: dass Erinnerung nicht allein im Bild, im Objekt
oder im Text sedimentiert ist, sondern im Körper, im Ritual,
im geteilten Vollzug. Die Zusammenarbeit von Acosia Red Elk mit Marie
Watt ist dabei mehr als eine kuratorische Ergänzung. Sie verweist
auf ein relationales Kunstverständnis, das sich bewusst gegen
die Vereinzelung künstlerischer Autorschaft stellt. Während
Watts Installation Thirteen Moons den Raum mit schwebenden Schellen
strukturiert und zur taktilen und auditiven Aktivierung einlädt,
übersetzt Red Elks Tanz diese Potenzialität in eine zeitlich
gebundene, unwiederholbare Handlung. Objekt und Performance stehen
nicht in einem hierarchischen Verhältnis, sondern bilden unterschiedliche
Modi derselben Erinnerungspraxis. Besonders bemerkenswert ist die
Verschiebung der Rolle des Publikums. Der Jingle-Dress-Tanz fordert
keine distanzierte Betrachtung, sondern eine Form der Aufmerksamkeit,
die zwischen Respekt, Offenheit und Mit-Schwingen oszilliert. Das
Museum wird so zum Resonanzraum, nicht zum neutralen White Cube. In
dieser Konstellation wird sichtbar, wie sehr westliche Ausstellungslogiken
– mit ihrer Trennung von Kunstwerk, Betrachter und Kontext –
an ihre Grenzen stoßen, wenn sie mit lebendigen, gemeinschaftlich
verankerten Praktiken konfrontiert werden. Acosia Red Elks Auftritt
machte zudem deutlich, dass indigene Kunst nicht primär als Antwort
auf koloniale Gewalt zu verstehen ist, sondern als eigenständige,
affirmative Wissensform. Der Tanz artikuliert Freude, Stärke
und Kontinuität ebenso wie Erinnerung an Verlust. Er verweigert
sich der Reduktion auf Opfererzählungen und behauptet stattdessen
eine Gegenwart, in der Heilung nicht als abgeschlossener Zustand,
sondern als fortdauernder Prozess verstanden wird. In kunstwissenschaftlicher
Perspektive lässt sich der Jingle-Dress-Tanz als performatives
Archiv begreifen: ein Archiv, das nicht sammelt, sondern aktiviert;
das nicht konserviert, sondern weitergibt. Diese Form des Archivs
widerspricht dem klassischen Museumsverständnis fundamental.
Sie ist nicht besitzbar, nicht dauerhaft verfügbar und entzieht
sich der vollständigen Dokumentation. Gerade darin liegt ihre
politische und ästhetische Kraft.
HIER
UND JETZT im Museum Ludwig
De/Collecting Memories from Turtle Island
7. Februar – 8. November 2026
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