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ALBUM | 04.03.2026

piya - TIGER

Eine junge Stimme zwischen Chanson-Intimität und elektronischer Dringlichkeit. Eine EP, die Wut nicht dämpft, sondern formt. „TIGER“ ist kein bloßes Debütstatement – es ist eine Selbstverortung im Jetzt. piya zeigt, wie kraftvoll verletzliche Popmusik 2026 klingen kann.

von Tatjana Malinin


© Hendrick Nix

Es gibt Künstlerinnen, die nach einem viralen Moment verschwinden. Und es gibt jene, die diesen Moment als Fundament begreifen. piya gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Mit ihrer EP TIGER konsolidiert sie das, was sich bereits nach dem digitalen Durchbruch und intensiver Live-Präsenz angedeutet hat: Hier entsteht eine eigenständige Stimme im deutschsprachigen Pop, die sich weder ästhetisch noch inhaltlich domestizieren lässt. Formal bewegt sich die sechsteilige EP in einem Spannungsfeld aus klassischer Liedermacher-Tradition, Indie-Sensibilität und elektronisch grundierter Produktionsästhetik. Doch entscheidend ist weniger das Genre-Puzzle als die Art, wie piya diese Elemente auflädt: Ihre Arrangements sind nie bloß dekorativ. Die elektronischen Texturen fungieren als emotionale Verstärker, als Resonanzräume für innere Konflikte. Akustische Momente – reduzierte Harmoniefolgen, fragile Gesangslinien – werden immer wieder von synthetischen Flächen unterwandert. Das erzeugt ein permanentes Kippen zwischen Intimität und Distanz, Nähe und Abwehr. Gerade diese Reibung ist das konzeptuelle Rückgrat von TIGER. Inhaltlich kreist die EP um Selbstbehauptung, Identität und die produktive Kraft von Zorn. Doch piya inszeniert Wut nicht als eruptive Geste, sondern als Transformationsenergie. Ihre Texte – bildhaft, aber nie pathetisch – zeichnen innere Grenzverhandlungen nach: Wer bin ich in einem System, das Zuschreibungen liebt? Wie verteidige ich meine Verletzlichkeit, ohne sie preiszugeben? Schmerz wird nicht verleugnet, sondern bewusst freigelegt. Auf dieser EP finden wir eine starke metaphorischer Schärfe; der Fokus verschiebt sich von der erlittenen Verletzung hin zur aktiven Gegenwehr. Gemeinsam eröffnen die Stücke auf dieser EP die emotionale eine Reise zwischen introspektiver Zerbrechlichkeit und fast kämpferischer Entschlossenheit. Was TIGER so relevant macht, ist seine implizite politische Dimension. Ohne plakative Parolen entwirft piya ein feministisch grundiertes Klangbild, das Selbstdefinition über Fremdzuschreibung stellt. Ihre Musik verweigert sich der Simplifizierung; sie erlaubt Ambivalenzen, Widersprüche, Unsicherheiten. Gerade darin liegt ihre Stärke. In einer Poplandschaft, die oft zwischen algorithmischer Gefälligkeit und kalkulierter Provokation oszilliert, wirkt piya bemerkenswert entschieden. Ihre EP ist kein Kompromiss, sondern eine bewusste Positionierung: künstlerisch ambitioniert, emotional aufgeladen, gesellschaftlich sensibel. Dass die anstehende „TIGER“-Tour bereits vor dem offiziellen Start für ausverkaufte Abende sorgt – insbesondere in der Hauptstadt – spricht weniger für Hype als für Resonanz. Diese Musik trifft einen Nerv, weil sie Haltung mit ästhetischer Konsequenz verbindet.

TIGER ist mehr als eine EP; es ist ein präzise komponiertes Statement einer Künstlerin, die weiß, wo sie steht – und die bereit ist, diesen Ort zu verteidigen. piya gelingt hier das seltene Kunststück, Verletzlichkeit als Stärke zu inszenieren. Und genau darin liegt ihre Zukunft. Nach ihrem Konzert in Leipzig am 3. März, tritt piya am 4. März in Köln (Die Wohngemeinschaft), am 6. März in Wien (Kramladen), am 8. März (Molotow) und am 9. März in Berlin (Schokoladen) auf. Wer noch kein Ticket hat, sollte das so schnell wie möglich nachholen, um diese außergewöhnliche Künstlerin live on Stage zu erleben. WILD Magazin hatte die Gelegenheit folgendes Interview mit piya zu führen:

Du zählst derzeit zu den spannendsten aufstrebenden Künstlerinnen im deutschsprachigen Pop. Inwiefern markiert die EP „TIGER“ für dich einen ästhetischen oder emotionalen Wendepunkt innerhalb deiner bisherigen musikalischen Arbeit?

piya: Ich bin mutiger geworden. Sowohl textlich und musikalisch, als auch im Visuellen. Auf der Tiger-EP werde ich das erste mal richtig laut und wütend - wie eine Tigerin eben.

Der Titel „TIGER“ evoziert Kraft, Instinkt und Widerstand. Welche inneren oder gesellschaftlichen Zustände hast du mit diesem Bild verbunden – und wie prägen sie die Dramaturgie der EP?

piya: Der Tiger verkörpert für mich vor allem eine Furchtlosigkeit, nach der ich mich manchmal sehne. In der Musik bin ich mutiger geworden, aber vor ganz vielen anderen Dingen in der heutigen Zeit hab ich eine verdammte Angst. Die Zeile „Ich wär so gern ein roter Tiger“ trägt so eine gekonnte Naivität, die ich mir oft wünsche. Auf der anderen Seite steckt in der Zeile eine Ehrlichkeit und eine Verletzlichkeit.

Deine Songs bewegen sich oft zwischen Verletzlichkeit und eruptiver Wut. Wie gestaltete sich der Entstehungsprozess dieser Spannungsfelder im Studio, und welche Rolle spielte dabei deine Band?

piya: Im Studio fühl ich mich richtig wohl, was dazu führt, dass ich oft einfach vorm Mikro stehe und ganz schief irgendwelche lauten Töne aus mir raus schreie. Es tut auch so gut, dass Finn (mein Produzent) meine sehr dynamischen vocal-takes nicht nerven sondern er ganz genau versteht, dass es irgendwie genau darauf ankommt. Meine Band kennt mich ziemlich gut und wir sind auch alle enge Freunde. Die wissen oft ganz genau, was mir gefällt und was für eine Stimmung erzeugt werden soll. Ich merke, dass das für mich das Wichtigste ist: nur mit Menschen zusammenarbeiten, die den vibe verstehen und genau die weirden Elemente toll finden. Die wildesten Ideen kann ich aussprechen, ohne dass gleich gesagt wird, dass das nicht geht oder das das zu absurd ist.


© Hendrick Nix

Deine neue Musik wird als eine Art zeitgenössisches, digitales Chanson gelesen. Wie bewusst setzt du dich mit dieser Traditionslinie auseinander, und wo siehst du dich selbst innerhalb dieser musikalischen Genealogie?

piya: Früher war es mir wichtig, dass meine Lieder zeitlos sind. Mittlerweile finde ich es eher spannend, wenn Text und Produktion mutig sind und auch an die Zeit gebunden. Das macht so viele Ebenen auf, etwas zwischen den Zeilen zu verstecken. Tatsächlich bin ich gar nicht so viel mit der deutschen Liedermacher-Szene als Kind in Berührung gewesen. Meine Mama hat manchmal eine Annett Louisann- CD angemacht, wenn ich krank war. Erst Jahre später habe ich Lieder von Sophie Hunger kennengelernt, klar sie ist keine der klassischen Liedermacherinnen, aber dass deutsche Musik nicht Radiopop sein muss, wusste ich erst recht spät. Dass meine Musik etwas an ein Chanson erinnert liegt vielmehr daran, dass meine Lieder solo am Klavier entstehen, ich sie komponiere und mich oft nicht an klassische Pop-Strucktur halte. Trotzdem mache ich Pop-Musik und möchte mich gar nicht davon abgrenzen. Mal eben mehr, mal weniger.

Dein Künstlername piya wirkt zugleich intim, reduziert und offen für Projektionen. Welche Geschichte, welche Bedeutung oder welchen emotionalen Resonanzraum verbindest du selbst mit diesem Namen?

piya: Ja, das reduzierte mag ich.

Die erste Single zur EP hat insbesondere auf TikTok eine starke Eigendynamik entwickelt. Wie beeinflusst eine solche virale Rezeption deinen Blick auf das eigene Werk – und verändert sie deinen künstlerischen Kontrollanspruch?

piya: Ja, durch die weitere Reichweite meiner Videos kam auf jeden Fall eine Menge Menschen, die mir klipp und klar gesagt haben, dass das alles scheiße ist, was ich da mache. Obwohl die Hate-Kommentare oft eine Grenze überschreiten, gefällt mir eher, dass meine Videos anscheinend etwas auslösen. Es gibt ja nix schlimmeres, als wär Menschen es egal. Dieser Gedanke tut mir und meinem Schaffen ganz gut und stachelt mich an, ehrlich zu sein, mutig zu bleiben und für mich einzustehen.


© Hendrick Nix

Ab März 2026 bringst du „TIGER“ mit deiner Band auf die Bühne, mit Stopps in Leipzig, Köln, Wien, Hamburg und Berlin. Wie übersetzt du die innere Dringlichkeit deiner Songs in eine physische, kollektive Live-Erfahrung?

piya: Ich liebe es, auf der Bühne zu performen. Ich hab das Gefühl, ich kann mir ganz bewusst Zeit für Emotionen nehmen. Das Set wird recht bunt, sehr laut und sehr leise. Es wird Zeit geben, um Wut rauszulassen und es wird ganz ruhige Momente geben. Meine Band darf sich in den Proben mit mir in die Songs einfühlen und so hoffe ich, dass wir alle dazu einladen, mitzufühlen.

Deine bisherigen Veröffentlichungen und Auftritte zeigen eine Künstlerin, die Emotion nicht glättet, sondern zuspitzt. Welche Verantwortung spürst du dabei gegenüber einem Publikum, das sich in diesen Zuständen wiederfindet?

piya: Ich habe großen Respekt davor, so viel Einfluss auf die Emotion der Zuhörenden zu haben. Deswegen hoffe ich, dass meine Konzerte ein Safespace sind und alle sich wütend in den Arm nehmen, und danach etwas hoffnungsvoller sind.

Du hast dir in kurzer Zeit durch Support-Shows, Kollaborationen und Förderprogramme einen Namen gemacht. Welche Erfahrungen aus dieser Phase haben dein Selbstverständnis als eigenständige Künstlerin nachhaltig geprägt?

piya: Durch viele Förderprogramme habe ich die Möglichkeit bekommen, mich ganz in mein Projekt reinzustürzen, Fragen zu stellen und einfach mal drauf loszugehen. Das hat mir riesig geholfen und mich motiviert. Es ist so schön, Menschen um sich zu haben, die im selben Boot sitzen, deine Ängste verstehen und mitfiebern.

Wenn man „TIGER“ als Momentaufnahme einer künstlerischen Entwicklung liest: Welche Themen, Fragen oder Klangräume interessieren dich über diese EP hinaus – und wohin könnte sich piya in den kommenden Jahren weiterbewegen?

piya: Ich möchte vor allem soundlich mutiger und vielschichtiger werden. Es gibt so viele Themen, zu denen ich etwas texten möchte. Die Lieder sollen sowohl von den ganz wichtigen, als auch den verdammt unwichtigen Themen handeln.

 


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