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DVD & BLU-RAY | 01.10.2026

Die Dialektik des gealterten Gangsters
TULSA KING zwischen Mythos, Camp und neuer Gewalt

TULSA KING macht aus dem alternden Gangster erneut eine Figur zwischen Anachronismus und Selbstbehauptung. Die dritte Staffel erweitert Dwights Welt um politische Macht, familiäre Konflikte, organisierte Kriminalität und eine Vergangenheit, die mit neuer Wucht zurückkehrt. Sylvester Stallone trägt die Serie weiterhin mit jener eigentümlichen Mischung aus physischer Präsenz, Lakonie und verletzlicher Selbstironie, die ihren besonderen Charakter begründet.

von Linda Sjöberg


© 2026 Viacom International Inc. All Rights Reserved.

Der Gangster als Fremdkörper

Als „Tulsa King“ 2022 erstmals auftrat, lag ihre eigentliche Attraktion weniger in der Kriminalhandlung als in einer präzise kalkulierten Kollision von Zeiten, Körpern und kulturellen Codes. Dwight Manfredi, jahrzehntelang Teil einer New Yorker Mafiawelt, wird nach seiner Haftentlassung in eine Stadt versetzt, deren soziale und ökonomische Grammatik ihm fremd ist. Sylvester Stallone verkörpert diesen Mann nicht lediglich als Gangster, sondern als Relikt einer untergegangenen Ordnung: ein Körper, der aus einer anderen Epoche in die Gegenwart geraten ist und gerade deshalb eine eigentümliche Autorität besitzt. Die Serie konnte aus diesem Anachronismus Komik, Milieuzeichnung und Charakterdrama zugleich gewinnen. In der dritten Staffel wird dieses Grundprinzip nicht aufgegeben, sondern zunehmend zur Grundlage eines größeren Mythos ausgebaut. Dwight ist längst nicht mehr bloß der Fremde in Tulsa; er ist zum Zentrum einer eigenen sozialen Ordnung geworden. Gerade darin liegt ein wesentlicher Reiz der neuen Folgen: Die Serie beobachtet, wie ein Mann, der ursprünglich aus einer untergegangenen Welt stammt, seine Umgebung allmählich nach den Regeln seiner eigenen Vergangenheit formt. Der Fremdkörper wird zum kulturellen Katalysator. Seine Konflikte mit der Gegenwart sind deshalb nicht nur komisch, sondern besitzen eine bemerkenswerte genretheoretische Dimension. Dwight steht für eine Form von Männlichkeit, Autorität und Loyalität, die aus dem klassischen amerikanischen Gangster- und Actionkino stammt und sich in der Gegenwart neu behaupten muss.

Die Stadt als Machtapparat

Die dritte Staffel verschiebt dabei die räumliche Logik der Serie. Tulsa war ursprünglich Projektionsfläche für Dwights zweite Existenz: ein Ort, an dem der Gangster seine alte Identität neu zusammensetzen konnte. Nun erscheint die Stadt selbst stärker als umkämpfter Machtkörper. Jeremiah Dunmire, gespielt von Robert Patrick, verbindet ökonomischen Einfluss, politische Vernetzung und religiös aufgeladene Selbstgewissheit zu einer Form lokaler Herrschaft, die Dwight unmittelbar herausfordert. Patrick gibt dieser Figur eine bemerkenswerte körperliche und rhetorische Präsenz. Dunmire ist nicht bloß Gegenspieler, sondern eine grotesk verdichtete Variante jener Macht, gegen die Dwight mit seinen eigenen Mitteln antritt. Dadurch entsteht eine interessante Spiegelstruktur: Der Mafia-Mann und der politische Unternehmer unterscheiden sich institutionell, ähneln sich jedoch in ihrem Verständnis von Einfluss. Beide operieren über Loyalitäten, Abhängigkeiten und Einschüchterung. Die Serie gewinnt daraus eine fast satirische Vorstellung von Tulsa als sozialem Mikrokosmos, in dem legale und illegale Machtformen weniger weit auseinanderliegen, als die Oberfläche vermuten lässt. Besonders interessant ist Dunmires Sohn Cole, den Beau Knapp mit kontrollierter Ambivalenz versieht. Die bekannte Figur des Erben, der die moralische Beschaffenheit seines Vaters zu erkennen beginnt, wird dadurch nicht grundsätzlich neu erfunden, erhält aber genügend psychologische Reibung, um innerhalb des archetypisch geprägten Figurenensembles Wirkung zu entfalten. Die ersten Episoden profitieren ganz wesentlich von dieser Konstellation: Robert Patrick verleiht der Staffel eine neue Spannung, während Stallones Dwight einen Gegner erhält, der nicht einfach physisch, sondern gesellschaftlich und symbolisch gegen ihn arbeitet.

Vom Kriminaldrama zum seriellen Panorama

Gerade an der Konstruktion der Staffel lässt sich beobachten, wie sich der Charakter von „Tulsa King“ verändert. Die Erzählung verteilt ihre Aufmerksamkeit auf mehrere Konfliktachsen: Dwight steht Dunmire gegenüber, muss zugleich seine Beziehungen zur New Yorker Unterwelt behaupten und wird darüber hinaus in die Jagd nach einem Serienmörder hineingezogen. Diese Parallelisierung erzeugt eine bewusst weit ausgreifende Dramaturgie. Zwar nimmt die Serie damit gelegentlich mehr Handlung auf, als sie in gleichem Maß vertiefen kann; zugleich gewinnt sie jedoch an Weltumfang. „Tulsa King“ entwickelt sich vom konzentrierten Fish-out-of-Water-Gangsterstück zum seriellen Panorama, in dem unterschiedliche Formen von Macht, Gewalt und Loyalität miteinander konkurrieren. Nicht jede Handlungslinie besitzt dasselbe Gewicht, doch gerade diese Überfülle lässt erkennen, wie groß das erzählerische Potenzial des Tulsa-Kosmos inzwischen geworden ist. Die Staffel denkt ihre Hauptfigur nicht mehr ausschließlich über einzelne Konflikte, sondern über ein wachsendes Netzwerk von Beziehungen und Abhängigkeiten. Das führt zu einer stärkeren Franchise-Dimension, ohne Dwight als emotionales Zentrum preiszugeben. Vielmehr wird sein persönlicher Mythos durch die zunehmende Größe der Welt auf die Probe gestellt.

Stallones Körper als serielles Zeichen

Im Zentrum dieser Entwicklung steht Stallone selbst. Seine Präsenz funktioniert längst auf mehreren Ebenen: als Darstellung einer Figur, als Wiedererkennungssignal eines Schauspielers und als Erinnerung an eine ganze Geschichte des amerikanischen Actionkinos. Dwight Manfredi ist deshalb niemals nur Dwight. In seiner Physis, seinem Sprechtempo und seiner kontrollierten Gereiztheit erscheint die filmische Vergangenheit Stallones immer mit. Die Serie nutzt diese Intermedialität produktiv, weil sie Dwights Alter nicht versteckt, sondern zum Bestandteil seiner Autorität macht. Der gealterte Körper ist kein Defizit, sondern ein narratives Zeichen. Er trägt Erinnerung. Er signalisiert Erfahrung. Und er steht im Kontrast zu einer Gegenwart, deren Regeln Dwight nicht immer akzeptiert. Dass manche seiner Reaktionen auf moderne Lebensformen inzwischen beinahe ritualisiert wirken, gehört dabei durchaus zum bewusst stilisierten Charakter der Serie. „Tulsa King“ spielt mit der Wiedererkennbarkeit seines Stars und macht aus Stallones Persona einen Teil ihrer Erzählgrammatik. Darin besitzt die Serie eine für das gegenwärtige Streamingfernsehen ungewöhnliche Selbstreflexivität: Sie erzählt einen Gangster und zugleich die Geschichte eines filmischen Körpers, der selbst bereits Teil der amerikanischen Populärkultur geworden ist. Dwight ist damit Figur und Mythos zugleich.

Frauenfiguren und das Potenzial der Gegenkräfte

Umso deutlicher zeigt sich, wie wichtig starke Gegenkräfte für die Balance dieses Mythos sind. Cleo Montague wird nach einem persönlichen Verlust durch Dunmires Hand zunächst als Figur mit erheblicher narrativer Sprengkraft etabliert. Ihre mögliche Entwicklung hätte das männlich dominierte Machtgefüge der Staffel nachhaltig verändern können. Dass ihre Geschichte im weiteren Verlauf weniger Raum erhält, als zunächst zu erwarten ist, gehört zu den wenigen Punkten, an denen die Staffel ihr vorhandenes Potenzial nicht vollständig ausschöpft. Gerade weil „Tulsa King“ Dwights Mythos so konsequent ins Zentrum stellt, braucht die Serie Figuren, die diesen Mythos nicht nur begleiten, sondern ihn irritieren. Auch die Beziehung zu Margaret, gespielt von Dana Delany, entwickelt weniger Reibung als frühere Konstellationen. Dennoch verweist gerade diese Schwäche auf eine produktive Möglichkeit für die weitere Entwicklung der Serie: Dwight funktioniert am überzeugendsten, wenn seine Umgebung ihn nicht einfach bestätigt, sondern zwingt, seine Selbstdefinition zu überprüfen. Die dritte Staffel macht sichtbar, wie viel erzählerische Energie aus solchen Gegenpositionen entstehen könnte.


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Komik als Signatur

Die tonal interessanteste Qualität der dritten Staffel liegt in ihrer bewussten Beweglichkeit zwischen Gangsterdrama, Komödie, Action und Überzeichnung. Diese Mischung gehört zu den unverwechselbaren Eigenschaften von „Tulsa King“. Die Serie nimmt Gewalt ernst genug, um ihre Figuren als gefährlich erscheinen zu lassen, erlaubt sich zugleich aber eine Lakonie, die das Genre immer wieder aus seiner eigenen Schwere löst. Gerade Stallone profitiert von diesem Wechselspiel. Sein Dwight kann innerhalb einer Szene bedrohlich, komisch und melancholisch wirken, ohne dass eine dieser Eigenschaften die anderen vollständig verdrängt. Zwar gerät die Staffel bisweilen stärker in Richtung Camp als ihre ursprüngliche Konzeption, doch lässt sich diese Verschiebung auch als konsequente Weiterentwicklung ihrer Star- und Genreästhetik lesen. „Tulsa King“ interessiert sich zunehmend für die Frage, wie weit man die Ikonografie des Gangsterfilms treiben kann, ohne ihre emotionale Grundlage vollständig zu verlieren. Dass die Serie dabei gelegentlich über das Ziel hinausschießt, macht ihre Tonalität nicht beliebig, sondern sichtbar als ästhetisches Experiment zwischen Realismus und Popmythologie.

Samuel L. Jackson und die Erweiterung des filmischen Gedächtnisses

Besonders deutlich wird diese Qualität mit dem Auftreten von Samuel L. Jackson als Russell Washington. Jackson bringt eine völlig andere Form filmischer Autorität in die Serie. Seine Präsenz ist nicht lediglich prominent, sondern intertextuell aufgeladen: In seiner kontrollierten Gefährlichkeit und lässigen Präzision erinnert seine Figur an jene lange Tradition cooler, beinahe mythischer Killerfiguren, die Jacksons Leinwandpersona entscheidend geprägt hat. Dadurch entsteht ein faszinierendes Doppelspiel zwischen zwei Schauspielerlegenden. Stallone verkörpert den alternden Gangster als Überlebenden einer älteren Actionordnung; Jackson tritt als deren ebenso charismatisches Gegenstück auf. Die Begegnung funktioniert deshalb auf einer Ebene, die weit über die Handlung hinausgeht. Zwei Körper tragen zwei unterschiedliche Formen filmischer Erinnerung in dieselbe Serie. Russell Washington ist nicht bloß eine weitere Figur, sondern eine Erweiterung des erzählerischen Horizonts. Seine Einführung belebt die zweite Hälfte der Staffel spürbar und deutet zugleich an, dass „Tulsa King“ in der Lage ist, seine Mythologie zu erweitern, ohne ihren ursprünglichen Mittelpunkt aufzugeben.

Das Finale und die offene Zukunft

Dass das Finale die zuvor gewonnene Energie nicht in jeder Hinsicht vollständig bündelt, verweist weniger auf ein grundsätzliches Problem als auf die gegenwärtige Übergangssituation der Serie. Die Konfrontation mit Dunmire wird vorbereitet, Figuren positionieren sich, Allianzen verdichten sich – und dennoch bleibt die finale Eskalation kontrollierter, als die vorherige Dramaturgie erwarten lässt. Gerade diese Zurückhaltung lässt die Tür für weitere Entwicklungen offen. „Tulsa King“ ist inzwischen weniger an abgeschlossenen Konflikten als an der Fortsetzung seiner Welt interessiert. Das kann zu Lasten einzelner dramatischer Höhepunkte gehen, eröffnet aber zugleich die Möglichkeit, Figuren langfristiger zu entwickeln und die Machtstrukturen des Tulsa-Kosmos weiter auszubauen. Die Staffel funktioniert damit nicht zuletzt als Bindeglied zwischen der ursprünglichen Prämisse und einer zunehmend komplexen Serienmythologie.

Ein Gangster, der zum Mythos geworden ist

Gerade deshalb ist die dritte Staffel weniger als Rückzug denn als Expansion zu verstehen. Ihre produktive Unruhe entsteht aus dem Versuch, eine bereits etablierte Figur in eine immer größere Welt einzuschreiben. „Tulsa King“ besitzt weiterhin jene seltene Verbindung aus Starcharisma, Gangsterikonografie und lakonischem Humor, die Dwight Manfredi zu einer ungewöhnlichen Hauptfigur macht. Robert Patrick verleiht dem zentralen Konflikt zusätzliche Schärfe, Samuel L. Jackson öffnet eine neue Dimension der Serienmythologie, und Stallone bleibt das unbestreitbare Gravitationszentrum einer Erzählwelt, deren Attraktivität wesentlich aus der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart entsteht. Wo die Staffel ihre Figuren beobachtet, gewinnt sie an psychologischer Dichte; wo sie ihre Konflikte erweitert, wächst zugleich ihr serielles Panorama. Ihre gelegentliche Überfülle ist daher weniger Zeichen eines kreativen Erschöpfungszustands als Ausdruck einer Serie, die ihren ursprünglichen Rahmen hinter sich lässt und nach einer größeren Form sucht. „Tulsa King“ handelt längst nicht mehr nur von organisierter Kriminalität. Die Serie handelt von der Persistenz filmischer Typen, von alternden Männerkörpern, die sich gegen den Bedeutungsverlust stemmen, und von einer Populärkultur, die ihre eigenen Mythen zugleich fortschreibt, variiert und ironisiert. Dwight Manfredi ist dabei die präziseste Verkörperung dieses Widerspruchs: ein Mann, der sich neu erfinden möchte, ohne seine Vergangenheit aufzugeben. Die dritte Staffel macht daraus ein vitales, unterhaltsames und zunehmend selbstbewusstes Genrepanorama, das seine gelegentlichen dramaturgischen Unebenheiten durch Figurenpräsenz, schauspielerische Autorität und eine unverwechselbare Tonalität mehr als ausgleicht. Gerade in ihrer Mischung aus Gangsterfilm, Komödie, Starvehikel und serieller Mythopoetik besitzt „Tulsa King“ weiterhin eine bemerkenswerte Eigenständigkeit. Ihre eigentliche Stärke liegt deshalb nicht allein darin, wie viele Gegner Dwight besiegen kann, sondern darin, dass die Serie hinter jedem neuen Konflikt die faszinierende Frage aufrechterhält, was von einem filmischen Mythos übrig bleibt, wenn sein Held älter wird – und wie viel Zukunft gerade darin liegen kann.


TULSA KING - Staffel 3

ET: 02.10.26: DVD | FSK 16
C : Taylor Sheridan | R: Sylvester Stallone,
Samuel L. Jackson, Annabella Sciorra
USA 2026 | LEONINE


 


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