DVD
& BLU-RAY | 07.10.2026
BABYLON
BERLIN
Das Ende einer Republik als zärtliche Katastrophe
Mit
der fünften Staffel führt „Babylon Berlin“ seine
Figuren an den historischen Abgrund der Weimarer Republik. Zwischen
Kriminalfilm, politischem Drama und melancholischem Zeitbild entsteht
ein außergewöhnlich sensibles Porträt der letzten
Wochen vor der nationalsozialistischen Diktatur. Vom 30. Januar bis
zum Reichstagsbrand verdichtet sich die Geschichte auf wenige Wochen,
in denen private Beziehungen, politische Hoffnungen und gesellschaftliche
Freiheiten irreversibel zerbrechen.
©
Frédéric Batier/ X-Filme
Die
letzten Wochen der Weimarer Republik als dramatische
Gegenwart
Mit der fünften Staffel erreicht „Babylon
Berlin“ einen Punkt, an dem historische Rekonstruktion und persönliche
Tragödie nahezu ununterscheidbar werden. Die Handlung setzt am
30. Januar 1933 ein, dem Tag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler,
und führt innerhalb weniger Wochen bis zum Reichstagsbrand Ende
Februar. Diese extreme zeitliche Verdichtung verändert die Dramaturgie
der Serie grundlegend: Wo die früheren Staffeln Berlin als fiebrigen
gesellschaftlichen Organismus entwarfen, dessen Widersprüche
zwischen Moderne, Gewalt, Dekadenz und politischer Radikalisierung
permanent miteinander kollidierten, wird die Stadt nun zunehmend zum
Resonanzraum einer bereits begonnenen Katastrophe. Die historische
Entwicklung erscheint nicht mehr als offene Möglichkeit, sondern
als Prozess, der sich in den Alltag einschreibt und dessen Konsequenzen
für die Figuren immer unmittelbarer werden. Bemerkenswert ist
dabei, dass die Serie auf eine rein spektakuläre Darstellung
des politischen Umsturzes verzichtet. Sie interessiert sich stärker
für die Mikrogeschichte der Machtübernahme: für verschwundene
Sicherheiten, erzwungene Loyalitäten, zerstörte Institutionen
und Beziehungen, die unter dem Druck der neuen Wirklichkeit ihre bisherige
Bedeutung verlieren. Dadurch gewinnt das Historische eine intime Dimension.
Die Barbarei beginnt nicht erst dort, wo sie offen sichtbar wird,
sondern bereits in der Veränderung sozialer Verhältnisse,
in der Normalisierung von Einschüchterung und in der Erfahrung,
dass der bisherige gesellschaftliche Konsens seine Gültigkeit
verliert.
Charlotte Ritter und
Gereon Rath: Die Liebe im Schatten der Geschichte
Im Zentrum dieser Entwicklung steht weiterhin
die Beziehung zwischen Charlotte Ritter und Gereon Rath, die in der
fünften Staffel allerdings kaum noch als klassische Liebesgeschichte
funktioniert. Zwischen beiden liegt eine wachsende Distanz, die nicht
allein aus persönlichen Konflikten resultiert, sondern unmittelbar
aus den politischen Umständen hervorgeht. Charlotte weiß
nichts von Raths geheimen Aktivitäten gegen die nationalsozialistische
Machtübernahme, während Rath untertaucht und sich dadurch
zusätzlich aus ihrem Leben entfernt. Parallel dazu wird Charlotte
in der Mordkommission mit einer Reihe von Tötungsdelikten an
ehemaligen Kriegsteilnehmern konfrontiert und zur Zusammenarbeit mit
dem ihr zutiefst unsympathischen Kollegen Böhm gezwungen. Erst
spät erkennt sie, wie eng ihre Ermittlungen mit Raths geheimem
Handeln verbunden sind. Gerade diese verzögerte Erkenntnis ist
dramaturgisch entscheidend, weil sie die klassische Struktur des Ermittlerduos
aufbricht: Charlotte und Gereon arbeiten nicht mehr gemeinsam an derselben
Wahrheit, sondern bewegen sich getrennt durch ein System, dessen tatsächliche
Zusammenhänge ihnen jeweils nur ausschnitthaft zugänglich
sind. Ihre Beziehung wird damit zu einem Seismografen des historischen
Umbruchs. Die zärtlichen Momente zwischen beiden besitzen kaum
noch die Leichtigkeit früherer Staffeln; sie wirken vielmehr
wie fragile Inseln gegen eine Wirklichkeit, die sich unaufhaltsam
verhärtet. „Babylon Berlin“ gewinnt daraus eine eigentümliche
emotionale Spannung: Die Serie erzählt nicht primär vom
Scheitern einer Liebe, sondern davon, wie politische Gewalt in die
intimsten Räume eindringt und selbst dort die Voraussetzungen
menschlicher Nähe zerstört.
Die Mordserie und die
politische Instrumentalisierung der Vergangenheit
Die Ermittlungen um die getöteten Kriegsveteranen
führen die Serie zugleich zurück zu den körperlichen
und psychischen Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs. Im Mittelpunkt
steht die Krankenakte Adolf Hitlers aus dem Lazarett in Pasewalk,
die für die Nationalsozialisten zur potenziellen Gefahr wird,
weil sie die offizielle Selbstdarstellung des späteren Diktators
infrage stellen könnte. Die Serie verbindet damit die Geschichte
individueller Kriegstraumata mit der politischen Konstruktion einer
Führerfigur. Rückblenden zeigen einen verwundeten Gefreiten,
dessen behauptete Blindheit nicht mit den medizinischen Befunden übereinstimmt.
Aus filmwissenschaftlicher Perspektive ist vor allem interessant,
wie „Babylon Berlin“ hier Erinnerung nicht als neutrales
Archiv behandelt, sondern als umkämpften politischen Raum. Vergangenheit
wird zum Material, das je nach Machtinteresse verborgen, umgedeutet
oder instrumentalisiert werden kann. Zwar wirkt die Vorstellung, eine
Veröffentlichung der Akte könne unmittelbar die bevorstehende
Reichstagswahl beeinflussen, aus heutiger Perspektive stärker
konstruiert als aus der damaligen historischen Situation heraus entwickelt;
als dramaturgisches Motiv erfüllt sie jedoch eine zentrale Funktion.
Die Serie macht sichtbar, wie sehr politische Macht von der Kontrolle
über Erzählungen, Biografien und kollektive Erinnerung abhängt.
Besonders überzeugend ist dabei die Verbindung des großen
historischen Mythos mit den beschädigten Körpern jener Menschen,
die aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrten. Die Veteranen sind
nicht bloß Figuren eines Kriminalfalls, sondern Verkörperungen
einer Gesellschaft, deren unverarbeitete Gewalterfahrung in die nächste
historische Katastrophe hineinreicht.
©
Frédéric Batier/ X-Filme
Ein
Berlin zwischen Chanson, Kabarett und beginnender Barbarei
Wie kaum eine
andere deutsche Serie versteht „Babylon Berlin“ die kulturelle
Oberfläche einer Epoche als politischen Seismografen. Musik,
Tanz, Kabarett und Bühnenkunst sind auch in der fünften
Staffel keine bloßen dekorativen Elemente, sondern Formen gesellschaftlicher
Selbstverständigung. Eine besonders berührende Szene verbindet
Charlotte und Gräf mit ihrem früheren Umfeld in einer Kneipe,
wo sich die Figuren zu einem Chanson von Zaho de Sagazan bewegen.
Der Tanz besitzt zunächst etwas Befreiendes, bevor die Musik
aus der Szene verschwindet und eine eigentümliche Leere zurückbleibt.
Genau diese dramaturgische Bewegung ist charakteristisch für
die Staffel: Momente des Lebens werden nicht ausgelöscht, sondern
erhalten rückblickend eine melancholische Vorahnung ihres Verlusts.
Noch schärfer funktioniert die Verbindung von Unterhaltung und
politischer Gewalt in einer Kabarettszene, in der Friedrich Hollaenders
antisemitische Satire zum Schauplatz einer pervertierten politischen
Aneignung wird. Was ursprünglich als Spott über antisemitische
Ressentiments gedacht war, verliert unter den neuen Machtverhältnissen
seine kritische Distanz und wird von den Nationalsozialisten gewissermaßen
gegen die ursprüngliche Intention gewendet. Die Szene besitzt
deshalb eine außergewöhnliche historische Härte: Sie
zeigt, wie eine Gesellschaft ihre Fähigkeit zur Ironie verliert,
wenn politische Gewalt jede Mehrdeutigkeit absorbiert. Satire kann
unter diesen Bedingungen nicht mehr selbstverständlich Distanz
schaffen; sie droht selbst zum Instrument der Demütigung zu werden.
Zwischen
Kriminalfilm, Melodram und historischem Fresko
Formal setzt
die fünfte Staffel die hybride Dramaturgie fort, die „Babylon
Berlin“ von Beginn an geprägt hat. Kriminalfilm, politisches
Drama, Liebesgeschichte, Gesellschaftsporträt und musikalisch
stilisierte Revue greifen ineinander, ohne sich vollständig zu
einer einheitlichen Gattung zu verdichten. Gerade diese Offenheit
erweist sich nun als Stärke. Die Kriminalhandlung liefert weiterhin
Spannung, doch ihr eigentlicher Gegenstand ist zunehmend die Frage,
wie lange ein Individuum innerhalb einer sich radikal verändernden
Gesellschaft überhaupt noch autonom handeln kann. Das Melodram
wiederum erlaubt es der Serie, politische Prozesse auf emotionale
Beziehungen zu projizieren, während die historische Dimension
verhindert, dass diese Beziehungen in bloßer Privatpsychologie
aufgehen. Hinzu kommt eine Inszenierung, die Berlin nicht lediglich
rekonstruiert, sondern als imaginären Erinnerungsraum behandelt.
Die Stadt erscheint gleichzeitig konkret und traumartig, als historisch
präzise Umgebung und als psychische Landschaft. Dadurch erhält
der Untergang der Republik eine eigentümlich schwebende Qualität:
Er ist materiell sichtbar, aber emotional oft nur in Gesten, Blicken,
Liedern und Pausen erfahrbar. Die Serie vertraut dabei immer wieder
auf das, was nicht ausgesprochen werden muss. Gerade die Reduktion
des großen politischen Ereignisses auf kleine menschliche Reaktionen
erzeugt ihre nachhaltigste Wirkung.
Die
Zärtlichkeit als ästhetisches Prinzip
Der vielleicht
entscheidende Schlüssel zum Verständnis der fünften
Staffel liegt in ihrer ungewöhnlichen Form von Zärtlichkeit.
„Babylon Berlin“ betrachtet seine Figuren nicht aus der
sicheren Distanz historischer Nachgeborener, sondern versucht, ihnen
jene Ungewissheit zurückzugeben, die Menschen im Jahr 1933 tatsächlich
erlebt haben müssen. Die Figuren wissen nicht, was aus ihrer
Gegenwart werden wird. Sie wissen nicht, welche Institutionen überleben,
welche Beziehungen zerbrechen und welche Freiheiten bald verschwunden
sein werden. Dadurch erhält selbst eine scheinbar beiläufige
Szene eine zweite Bedeutungsebene. Die Serie weiß um die Katastrophe,
während ihre Figuren noch in der Gegenwart leben. Aus dieser
Asymmetrie entsteht eine besondere Form des historischen Pathos, die
jedoch nicht auf monumentale Gesten angewiesen ist. Im Gegenteil:
Je kleiner die Momente werden, desto stärker tritt die Dimension
des Verlusts hervor. Ein Tanz, ein Blick, ein Gespräch, eine
Radiorede oder ein gemeinsamer Abend können deshalb eine größere
historische Bedeutung erhalten als manche explizite Darstellung politischer
Gewalt. Die Zärtlichkeit ist folglich nicht bloß eine Stimmung,
sondern ein ästhetisches Verfahren. Sie verhindert, dass die
Figuren zu Stellvertretern einer bereits bekannten Geschichte werden.
Sie bleiben Menschen mit Wünschen, Irrtümern, Hoffnungen
und blinden Flecken – und genau deshalb wird ihr Scheitern so
schmerzhaft.
BABYLON
BERLIN – STAFFEL 5
ET:
09.10.26: DVD, Blu-ray & Digital | FSK 12
C: Tom Tykwer, Hendrik Handloegten | D: Volker Bruch, Liv Lisa Fries,
Benno Fürmann
Deutschland 2026 | LEONINE
|
 |
|