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DISNEY+ | 14.01.2026

WONDER MAN

WONDER MAN zerlegt das Superheldengenre von innen heraus und verwandelt Spektakel in Selbstbefragung. Die Serie liest Hollywood, Schauspielerei und Heldentum als fragile Performances in einem System permanenter Verwertung. Ein präziser, melancholischer Kommentar zur Spätphase des Marvel-Universums – und zu einem Kino, das sich selbst nicht mehr blind vertraut.

von Franziska Keil


© 2025 MARVEL

Mit WONDER MAN präsentiert Marvel Television ab dem 28. Januar 2026 auf Disney+ eine achtteilige Serie, die sich auf bemerkenswerte Weise vom tradierten Pathos des Superheldengenres löst und stattdessen dessen Produktionsbedingungen, Mythen und Selbsttäuschungen ins Zentrum rückt. Was auf den ersten Blick wie ein weiteres Kapitel im scheinbar unerschöpflichen Marvel-Kosmos anmutet, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als reflexive Versuchsanordnung: WONDER MAN ist weniger eine Geschichte über Superkräfte als eine über Schauspielerei, Begehren und die fragile Konstruktion von Identität in der Unterhaltungsindustrie. Im Mittelpunkt steht Simon Williams, verkörpert von Yahya Abdul-Mateen II, ein Schauspieler am unteren Rand des Erfolgs, dessen Karriere stagniert und dessen Selbstbild zunehmend brüchig wird. Simon ist kein Held im klassischen Sinne, sondern ein Suchender – ein Mann, der sich zwischen Vorsprechen, Hoffnungen und Demütigungen bewegt und dabei mit der eigenen Austauschbarkeit konfrontiert ist. Diese existenzielle Unsicherheit wird zum eigentlichen Motor der Serie. WONDER MAN verschiebt damit den Fokus vom Spektakel zur Innenansicht und nutzt den Superheldenstoff als Prisma, durch das die Mechanismen von Ruhm, Anerkennung und Selbstverwertung sichtbar werden. Eine zentrale Figur in diesem Gefüge ist Trevor Slattery, erneut gespielt von Ben Kingsley. Slattery, bekannt als schillernder Hochstapler aus früheren Marvel-Filmen, erscheint hier als gealterter Schauspieler, dessen Glanz verblasst ist, dessen Sehnsucht nach Relevanz jedoch ungebrochen bleibt. Die Konstellation zwischen Simon und Trevor – zwei Männer an entgegengesetzten Enden einer Karriere, die beide um Sichtbarkeit ringen – verleiht der Serie eine melancholische Tiefe. In ihren Dialogen spiegelt sich eine Branche, die Talente verschleißt und gleichzeitig Illusionen von Einzigartigkeit nährt. Formal und inhaltlich bewegt sich WONDER MAN auf einer Metaebene: Die geplante Neuverfilmung eines Superheldenfilms innerhalb der Serie fungiert als Spiegel des realen Marvel-Imperiums.


© 2025 MARVEL

Regisseur Destin Daniel Cretton und Co-Schöpfer Andrew Guest nutzen diese Binnenstruktur, um die Traumfabrik Hollywood zu sezieren – mit all ihren Machtasymmetrien, ihrem Zynismus und ihrer paradoxen Mischung aus Kreativität und Kalkül. Der Blick hinter die Kulissen wird dabei nicht als Enthüllungsgeste inszeniert, sondern als leise, oft ironische Beobachtung eines Systems, das sich selbst permanent reproduziert. Ästhetisch setzt WONDER MAN weniger auf bombastische Action als auf präzise Charakterstudien. Die Inszenierung bleibt bewusst geerdet, fast beiläufig, und kontrastiert so mit der Überhöhung, die das Genre sonst kennzeichnet. Diese Zurückhaltung erlaubt es den Darstellerinnen und Darstellern, Nuancen auszuspielen: Abdul-Mateen II verleiht Simon Williams eine Mischung aus verletzlicher Ambition und latenter Wut, während Kingsley Trevor Slattery mit tragikomischer Würde ausstattet. Beide Figuren sind Projektionsflächen für eine grundlegende Frage der Serie: Wer bleibt man, wenn der Applaus ausbleibt? WONDER MAN liest sich als Symptom und zugleich als Kommentar zur Spätphase des Superheldenkinos. Die Serie reflektiert eine Müdigkeit gegenüber dem immergleichen Erlösungsnarrativ und ersetzt es durch eine Untersuchung von Performativität. Heldentum erscheint hier nicht als moralische Kategorie, sondern als Rolle – erlernt, geprobt, verkauft. Damit knüpft WONDER MAN an eine Tradition des selbstreflexiven Kinos an, das seine eigenen Bedingungen mitdenkt und infrage stellt. Dass der Original-Soundtrack von Joel P. West diese Reflexion musikalisch unterstreicht, indem er weniger auf heroische Leitmotive als auf atmosphärische Zwischentöne setzt, fügt sich konsequent in das Gesamtbild ein. Musik wird nicht zum Verstärker des Spektakels, sondern zum Resonanzraum für die innere Zerrissenheit der Figuren. WONDER MAN ist somit kein weiterer Baustein im Marvel-Baukasten, sondern ein Versuch, dessen Fundament zu prüfen. Die Serie fragt, was vom Mythos des Helden übrig bleibt, wenn man ihm die Maske abnimmt – und was Kino und Fernsehen leisten können, wenn sie den Mut haben, sich selbst zum Gegenstand zu machen. In einer Zeit, in der Franchise-Erzählungen oft auf bloße Wiedererkennbarkeit setzen, markiert WONDER MAN einen seltenen Moment der Selbstkritik: ein Werk, das die Maschine nicht nur antreibt, sondern ihr auch zuhört, wenn sie zu knirschen beginnt.


WONDER MAN

Start: 28.01.26: Disney+ | USA 2026
C: Andrew Guest, Destin Daniel Cretton
D: Yahya Abdul-Mateen II, Ben Kingsley, Josh McQueen


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